Herzlichen Glückwunsch, Twitter! Du bist der neue Ground Zero der Kommunikation

Liebes (lieber?) Twitter,

Du hast heute viele Post Tweets bekommen, die Dir zum Geburtstag gratulieren. Habe ich gerade auf Twitter gelesen. Das ist so, als würde man dem Erfinder der Postkarte eine Postkarte schicken, weil man auf einer Postkarte gelesen hat, dass er heute Geburtstag habe. Oder so.

Ich gratuliere Dir deshalb mit einem Blogpost. Aber nicht nur zum Geburtstag.

Ich gratuliere Dir zur Schaffung eines neuen Mediums, das alle anderen Medien verändert. So wie Nachrichtenkanäle die Periodizität der Journalistik durch Beschleunigung hin in den Sekundentakt eigentlich ad absurdum geführt haben (CNN und der Irakkrieg), ohne dass das es uns wirklich gestört hätte: So hast Du eigentlich die Kommunikation ad absurdum geführt: jetzt können wir alle, alles, sofort, mit jedem besprechen, vor allen anderen. Und wenn es letzten Endes Nichtigkeiten sind: Dein Sinn ist die Jetzt-heit. Du bist der neue Ground Zero der Kommunikation.

Ich gratuliere Dir zum nicht nur politisch, philosophisch oder medial bedeutungsvollen Schritt, Freundschaft neu zu definieren als eine Beziehung zwischen jemanden, der einem auf Twitter folgt, und dem Du auch folgst. Die Leute machen sich ja immer über die Facebook-Version von “Freund” lustig. Zu recht. Aber Du hast die Grenzen der Begriffskategorie ja noch einmal neu gezogen. Jetzt habe ich nicht nur viel mehr “Freunde”. Ich habe auf einer hermeneutischen Ebene tatsächlich viel dazu gelernt. Was nur Gadamer zu Deiner Begriffsverhunzung Begriffs-Umgestaltung sagen würde?

So nun muss ich schliessen und diesen Blogpost tweeten. Hoffentlich wird er auch re-tweetet. Mach’s gut.

Dein Dich hassliebender

Anian Christoph Wimmer

PS: Wie alt Du geworden bist habe ich vergessen – oder gar nicht in den Tweets gelesen. 140 Zeichen sind wenig, aber genug, das schrumpfende menschliche Gedächtnisvermögen noch mehr zu zerstören als dieser Gutenberg mit seiner Buchdruck-Nummer. Neil Postman kann froh sein, Dich nicht mehr erlebt zu haben.

„Google Circles“, Facebook 2.0 – oder Apple? Wer wird das soziale Netz sozialer machen?

Google Circles: Nur wenige haben es gesehen, aber Unternehmen und Medien, Twitter und Blogs spekulieren um die Wette, seit diesem Artikel auf ReadWriteWeb. Kommt es wirklich? Wann? Wie wird es aussehen, sich anfühlen, funktionieren, heissen? Wo und wie sieht eine Nische zwischen Twitter, Facebook und Co denn aus? Wohin die Reise geht – und warum Apple vielleicht der “lachende Dritte” sein könnte – erklärt Anian Christoph Wimmer.

(Update: Was Patrick Day unten fordert, kann angeblich Hibe.com)

Was soll die ganze Aufregung? Geht es hier um wirklich um eine mögliche Innovation, die das Netz umkrempeln kann, und damit auch die Art und Weise, wie wir damit leben? Ja  und Nein.

Ja, denn:

  1. Wenn jemand Facebook oder Twitter ernsthaft Konkurrenz machen kann, dann ist es Google – aber natürlich nur, wenn es sich differenziert: Und was kann Google besser als Facebook? Dank seiner vielen Dienste ist es für Google sehr leicht, Dienstleister für alle Schnittstellen zwischen unserem Alltag und dem Leben im Netz zu sein: Such-Maske, Email-Dienst, einem eigenen Betriebssystem für mobile Geräte,  Navigation, Bibliothek, und vieles mehr.
  2. Facebook versucht dies, für seine Kunden zu sein: Nachrichten, Fotos, Spiele, die vielen kleinen Programme – all dies schafft ein Biotop, in dem man sich schnell stundenlang tummeln kann. Extern kommt dazu das Angebot, sich im “restlichen” Netz über Facebook zu identifizieren, einzuloggen, und wieder darüber auszutauschen.
  3. Twitter ist wiederum dort, wo Google Buzz und das verworfene “Google Wave” sein woll(t)en. Aber für ein “Twitter 2.0” ist es im Augenblick noch zu früh – auch wenn die Integration über die Twitter-ID natürlich mit der von Facebook konkurriert.

Nein, denn:

  1. Das klingt alles komplizierter, als es ist. Wenn man den ganzen Jargon und die unwichtigen Details beiseite schiebt, wird klar, worum es eigentlich geht: Den Menschen.
  2. Genauer: Es geht darum, all diese Programme und Dienste so zu gestalten, dass sie so funktionieren, wie Menschen leben.
  3. Mit anderen Worten: Das soziale Netz wird endlich wirklich sozial. Das Netz wird als umgekrempelt, aber nicht unser Leben Das Netz wird umgekrempelt wie wir leben.

Wo dank dieser simplen, aber zentralen Einsicht die Reise hingeht, zeigt Patrick Days Präsentation. 

Die Quintessenz des Vortrags: Das Netz muss sich dem Menschen anpassen. Aber wie? Was sind die wichtigsten Aspekte?

  • Statt einem einzigen großen Haufen “Freunde” besteht das wirkliche soziale Umfeld eines Menschen aus etwa einem halben Dutzend unabhängiger Gruppen: Familie, Freunde aus der Schulzeit, Kollegen, Religionsgemeinschaft, Verein, Kommilitonen aus einer bestimmten Stadt, usw. Diese Gruppen sind kleiner als erwartet und bestehen meistens aus 2-10 Personen.
  • Wir wollen nicht unbedingt, dass die eine Gruppe (z.B. Eltern, Familie) liest, was wir mit der anderen Gruppe besprechen, teilen, austauschen. Diskretion und Privatsphäre sind im sozialen Netz aber z.Zt. nur schlecht austarierbar. Um dies zu lösen, müssen die verschiedenen Identitäten (Rollen), die jeder hat, online verfügbar und integrierbar sein.
  • Der enge Kreis persönlicher Freundschaften besteht aus Personen aus allen Gruppen und ist sehr klein. Dieser enge Kreis beeinflußt am stärksten das Kaufverhalten, Wahlverhalten und das gesamte Wertesystem eines Menschen.
  • Ausserhalb des engen Kreises gibt es einen größeren Kreis an Personen, mit denen wir weniger Kontakt haben – mehr als 150 Menschen sind es aber nur in Ausnahmefällen. Ausserhalb dieses Kreises wiederum kann man die zeitlich stark begrenzten Interaktionen und Kontakte verorten, die wir alle haben – auch mit Dienstleistern, Behörden, usw.

Wie und woher die Daten und Forschungsergebnisse für diese Einsichten zustande kamen, erklärt Day, der mittlerweile von Google zu Facebook gewechselt ist, übrigens auf seinem lesenswerten Blog.

Ja, und was ist jetzt nun mit Apple?

Der jüngere Erfolg von Apple war und ist – neben anderen Faktoren – immer bedingt durch a) die Einsicht, dass die Produktentwicklung vom Menschen und seiner Lebenswelt ausgehen muss und b) die geradlinige Konsequenz der Umsetzung dieser Regel als oberstes Prinzip der gesamten Wertschöpfungskette fungiert.

Dass dies als innovativ, ja radika innovativ, gesehen wird, sagt mehr über die Konkurrenz aus und deren allzu einseitige Betonung von EDV-, Betriebswirtschafts-, bzw. Ingenieursprinzipien als vielleicht Apple.Und natürlich kommt das entsprechende Design, Marketing und vieles mehr dazu. Aber:

  • Apple hat nicht den MP3-Player erfunden, sondern den iPod: Das einfachste und bequemste Modell, das dann auch am besten entwickelt und vermarktet wurde – auch wenn das manche Kritiker bestreiten werden.
  • Apple hat nicht das Mobiltelephon erfunden, aber das iPhone ist die beste Umsetzung der ersten Generation mobiler Geräte, die die Zukunft unseres Lebens online sind.
  • Apple hat nicht den Tablet-Rechner erfunden. Aber das iPad ist einfacher und bequemer zu bedienen, als alle Vorgänger zusammen.

In diesen Bereichen setzt Apple einen Standard, der sich immer daraus ableiten lässt, wie die beiden oben erwähnten Prinzipien umgesetzt werden.

Wo Apple dies schlecht getan hat, z.B. beim .Mac und heutigen .Me Service, muss es wiederum von Google und Co. lernen. Wenn es dies konsequent tut, besteht die Möglichkeit, dass Apple die Zukunft des sozialen Netzes schreiben wird. Nicht weil es die “Sozialisierung des sozialen Netzes” erfunden hat – sondern weil diese Sozialisierung genau das verlangt, was Apple gut kann.

Lang lebe “Tigerblut!”

Von Anian Christoph Wimmer

Was ist das wichtigste Ereignis der Sozialen Medien 2011?  Ja, vielleicht sogar in der gesamten Menschheit in diesem Jahr? Der “Facebook-Umsturz in Ägypten?” Langweilig. Der “Twitter-Sturm in Tunesien?” Schnarch.

Lang lebe die Tigerblut-Revolution!

Das vielleicht wichtigste Ereignis in der noch jungen Geschichte von Twitter geschah am 1. März 2011. Auch wenn das Historiker noch nicht bestätigt haben. Was ist passiert? Charlie Sheen fing an zu zwitschern. Zugegeben: Etwa 175 Millionen Menschen waren schon auf Twitter. Doch dann kam er, sah, und siegte.

Wie ein Orkan fegte das Tigerblut-Phänomen den dichten Jargon-Nebel weg, der über der diesig schimmernden Halbwelt der “SEO Leaders” und “Internet Marketing Experten” hängt. Er strafte alle Heiden Lügner, die um das Goldene Kalb tanzen und damit dem Zwitscher-Götzen huldigen: Möglichst viele Anhänger haben; wer “Follower”, und damit potentielle Kunden erreichen kann, der hat gewonnen.

Wie man gewinnt, das hat er uns allen gezeigt. Keine 24 Stunden hat es gedauert, da hatte Charlie Sheen über eine Million Anhänger. Am heutigen Dienstag sind es über zwei Millionen. Und wie hat er das geschafft? Es lag nicht allein am buchstäblichen Inhalt seiner Tweets. Denn die bestanden, auf ihre Essenz destilliert, nur aus zwei Worten:

#WINNING!

und, natürlich:

#TIGERBLOOD!

Nur Ahnungslose werden den Kopf schütteln. Nur Neider werden darauf hinweisen, dass der arme Mann gerade seinen Schauspieler-Job bei einer beliebten Unterhaltungs-Serie verloren hat und offensichtlich aus sich selbst ein Spektakel macht.

Das ist alles richtig – aber das Phänomen Charlie Sheen ist ein Sieger – zumindest im Twitter-Spiel. Und es hat mit seinen Tweets den Kaiser auf seine Nacktheit hingewiesen. Sheen hat es einfach gezwitschert: Ich bin der Sieger. Und daraus aus dem Spektakel seiner eigenen öffentlichen Person die logische Konsequenz zum kommunikativ letzten Schluss gezogen.

Im richtigen Leben hat diese Selbstoffenbarung etwas destruktives, tragisches. Viele Kommentatoren haben ja darauf hingewiesen. Aber genau diese Tragik ist die eigentliche Geschichte. Es reicht ja eben nicht, einfach “SIEGER” zu tweeten, um ein Sieger (in welchem Wettkampf auch immer) zu sein.

In der Welt der Sozialen Medien leistet das Phänomen etwas anderes: Das Tigerblut-Phänomen straft die schillernde Halbwelt Lügen, die am Spielfeld-Rand stehend Schlangen-Öl und Marketing-Zauber verkauft. Charlie Sheen hat es allen gezeigt: Bei Twitter spricht der Promi direkt mit der Masse. Die Mittler sind überflüssig. Und die Geschichte ist die Geschichte der Person. Deshalb sind Organisations-Twitter selten erfolgreich.

Wenn sich der Promi dann in einem peinlichen Offenbarungseid in den angeblichen Untergang zwitschert, schaut die Welt fasziniert zu. Aber auch ohne Tragikkomödie ist es spannend. Man schaue sich nur mal die Top-100 der Twitterer an: Lady Gaga, Justin Bieber, Barack Obama….

Deshalb: Lang lebe die Tigerblut-Revolution!

PS: Wer mitmachen will, kann sich jetzt als Praktikant bewerben – aber nur, wenn man #Tigerblut! hat.

Guttenberg 2.0: Mehr als nur eine Wiederauferstehung per Facebook

Von Anian Christoph Wimmer

“Guttenberg 2.0” ist nur eine Frage der Zeit. Der einzige, der die digitale Wiederauferstehung von Karl-Theodor zu Guttenberg als Politiker wirklich verhindern kann, ist Karl-Theodor zu Guttenberg selbst. Warum dies so ist, und wie es weiter geht: Das sind jetzt schon die wichtigen Fragen für Politiker, PR- und Public-Affairs-Strategen.

Das “Junge Deutschland” hat einen Nachruf publiziert. Dabei erlebt Karl-Theodor zu Guttenberg ja bereits eine digitale Renaissance. Wir wollen ihn zurück, sagen am heutigen Freitagmorgen 525,000 Menschen auf Facebook. Eine halbe Million: Das ist so frappierend für manche, dass narzisstische junge Twitterer an der Gesellschaft verzweifeln, auf Blogs absurde Verschwörungstheorien kursieren (“die Zahl ist gefakt! Beweis: DSDS hatte weniger Fans!”); und Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht ebenso wie CSU-Chef Horst Seehofer bereits von Guttenbergs politischer Zukunft.

Die Frage ist für mich nicht, wieso Guttenberg wiederkommt. Das ist so unumstößlich wie der Rücktritt unvermeidlich war. Wiederauferstehen, das wird er: Der Mann personifiziert in gewisser Hinsicht die politische Zukunft des Konservativismus in Deutschland (Chancen, Risiken, Optionen) – auch und gerade deshalb polarisiert er so. Sein größtes Manko freilich wird er ablegen müssen: die katastrophale politische Kommunikation, die seinem Rücktritt voranging, und die noch zu einem Prüfstein für die Zukunft der konservativen politischen Kommunikation werden sollte.

Deshalb ist es paradoxerweise Guttenberg selbst, der noch am ehesten seine wundersame Wiederauferstehung per Facebook verhindern  kann: Erstens, indem er sich entscheidet, aus der Bundespolitik zu verschwinden. Oder zweitens, indem er seine Glaubwürdigkeit wieder durch unverantwortliches Handeln zerstört. Wie er diese Glaubwürdigkeit allgemein im Zeitalter von Social Media gewinnen kann, habe ich ja bereits grob dargelegt.

Wie geht es nun weiter? Wenn er (und seine Berater in der CSU) klug sind, dann mit einem Akt der Reue und Läuterung – und zwar nicht nur mit innovativer Social Media-Begleitung. Guttenberg braucht das, was man im Englischen den “Come to Jesus-Moment” nennt.

Barack Obama hat bereits 2009 mit mäßigem Erfolg das Crowdsourcing, das Sammeln von Ideen und Meinungen zu politischen Zwecken, versucht. Auf den bayerischen Lazarus, Karl-Theodor zu Guttenberg, warten hunderttausende Menschen, die nur all zu gerne an seiner digitalen wie politischen Wiederauferstehung teilnehmen würden. Er hat Barack Obama etwas voraus, was der US-amerikanische Präsident auch einmal hatte: Die Aura des personifizierten Versprechens – und etwas, was Barack Obama (noch?) fehlt: die Chance, die Geschichte vom verlorenen Sohn mit dem Beigeschmack einer Tragik zu erzählen. Genauer: Der  aus dem tiefen Fall geläutert hervorgegangene Sohn der Republik, der auf den Schwingen von Social Media, getragen von Volkes Wohlwollen und Vergebung, stürmt die Bastille der Berufspolitiker und linker Hegemonialisten.

Oder so ähnlich. Wie die Katharsis funktioniert, ist jedenfalls klar. Und das Ziel kann gerne ehrgeizig sein. Dem Strategieberater von Guttenbergs muss eigentlich folgendes Endziel gesteckt werden: Mach in zum Bildungsminister, und dann zum ersten Facebook-Kanzler der Bundesrepublik.