Nomenklatur des Terrors und das Prinzip der Selbstidentifikation: Warum der Islamische Staat keine Anführungsstriche braucht

Ohne gleich George Orwell in Stellung zu bringen: Wenn unsere Begriffe nicht stimmen, dann stimmt unser Denken, Reden und Handeln nicht. Mit manchmal schlimmen Konsequenzen. Auch im deutschsprachigen Journalismus (und anderen Feldern) gibt es da leider zu viele Beispiele, die einen schaudern lassen.

Etwa der dümmliche Begriff “Verbrechen gegen die Menschlichkeit”, der endlich abgeschafft werden muss.

Wobei wir mit Verbrechen gegen die Menschheit, wie es richtig heißt, schon beim Thema sind: Dem Islamischen Staat.

Seit Wochen, ja, Monaten schreibe ich (und lasse die Redaktion) in der Zeitung über den

selbsternannten “Islamischen Staat”

schreiben, weil ich mich den bestenfalls ungenauen Begrifflichkeiten meiner Kolleginnen und Kollegen nicht anschließen möchte, aber andererseits natürlich auch mit der Konzeptualisierung dieses Phänomens ringe und daran ehrlich gesagt (noch) scheitere.

Oberflächlich betrachtet, ringen wir erst einmal um das richtige Wort hier: Ist es eine Terrormiliz? Ist es eine Terror-Organisation? Ist es ein Staat? Ein Kalifat? Alle diese Dinge? Keines?

Stop. In diesem Ringen verhandeln wir ideologische, rechtliche und kulturelle Unterschiede, die sich gerade durch und mit dem Islamischen Staat als grundsätzliche oder gar existenzielle Herausforderung darstellen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Drei sind aus meiner Sicht hier vor allem zu bedenken:

  1. (CC0 Public Domain via Pixabay)
    (CC0 Public Domain via Pixabay)

    Das Prinzip der Selbst-Identifikation (von Gruppen) als ein Menschenrecht.

  2. Die Begriffe des Islam, zumindest die Begriffe des Islam, wie sie der Islamische Staat versteht und verwendet, und deren Prägung und Verwendung durch Islamisten; besonders im Verhältnis zu Menschenrechten und Nationalstaaten sowie anderen westlichen Begriffen bzw. dem ihnen zugrunde liegenden (Selbst-)Verständnis
  3. Die Frage nach diesem zugrunde liegenden Verständnis, dass vielleicht als “westliche Kultur” unzulänglich aber verwendbar definiert werden könnte: Was ist diese Kultur und – letzlich: Kann sich der Westen als Wertegemeinschaft von seinem christlichen Hintergrund trennen (wie er es gerade versucht) und als säkulares Phänomen behaupten? (Wie?)

Allein schon aus dem ersten Grund ist die Verwendung von Anführungsstrichen um den “Islamischen Staat” (sic) fragwürdig. Auch wenn der UN-Sicherheitsrat und islamische Gelehrte nicht zustimmen.

Auch aus dem zweiten oben genannten Grund stellt des weiteren die Tatsache, dass dieser “Staat” (sic) sich auf dem Territorium mehrere anderer Nationalstaaten (Libyen, Syrien, Irak, Nigeria, usw. usf.) aufhält, keine automatische Infragestellung oder gar Delegitimation der Begrifflichkeit per se dar. Bedenken wir etwa, dass indigene “Nationen” (sic) etwa westliche Staatsgrenzen auch nicht anerkennen. In islamistischer Sichtweise ist hier eine oberflächliche Parallelität, trotz aller Unterschiede, klar zu sehen. Unter der Oberfläche freilich spielt sich einiges andere ab, was zur Fragestellung im dritten Punkt führt.

Für die westliche Kultur im oben genannten Sinne stellt der (Staats-?)Terror des als Kalifat auftretenden Dschihadismus eine Kampfansage an die Werte und letzten Endes an die Selbst-Identifikation Europas (und evtl. anderer Regionen/Kontinente/Sphären, etwa der anglophonen Welt) auf eine Weise dar, der wir erst einmal begrifflich Herr werden müssen, bevor wir uns fragen können, wie wir damit umgehen. Genauer: Unser Umgang mit der Nomenklatur des Terrors, verstanden vor diesem Hintergrund, bedarf dringend einer rationellen und ehrlichen Auseinandersetzung mit der Frage nach dem eigenen Werte-Kanon und der Selbst-Identifikation, welcher dieser ermöglicht, und aus dem wir heraus überhaupt Terror und terroristisches Handeln definieren und natürlich letzten Endes bekämpfen müssen.

Mit billigem Moralismus oder den Empörungsmechanismen rund um Fragen wie “Homo-Ehe” und Asylpolitik wird es jedenfalls zu keinem sinnvollen (oder friedlichen) Ergebnis kommen. Dazu, scheint es mir, ist die Lage zu ernst, die Frage zu existentiell.

Die Islamisten indessen wissen scheinbar, wo der eigentliche “Kopf” ist, den sie abschlagen wollen: In Rom, beim Papst. Angekündigt haben sie es bereits.

Why I published an interview with a Muslim Imam in a Catholic newspaper in the week of the terror attacks in Paris

Imam Idriz showing me the Penzberg mosque

The timing could not have been worse: that was my first thought, and I am ashamed to admit it, but I caught myself thinking it when I read about the deadly attack on the editorial offices of Charlie Hebdo in Paris today. (Then I briefly prayed for the souls of those killed – and their murderers. God have mercy on them.)

Over the coming days, the readers of the Catholic weekly newspaper of which I am editor-in-chief will read, amongst other things, my interview with a local Muslim Imam, Benjamin Idriz of the Penzberg Mosque and the Munich Forum for Islam. As they will continue to receive news about how (three ?) terrorists, alledgedly shouting “Allah is great!”, killed my colleagues at a French paper in the name of Islam, they will read what I asked the local Imam about Islamophobia, the allure of Salafist/Islamist ideology and other issues – before the latest attack.

Many of my readers will react angrily. Several will no doubt write letters – some to me and the paper, others to the publisher or other important stakeholders. So be it. I had good reasons to interview the Imam; and today’s terrible bloodshed by members of his faith underlines the need to engage with Islam and its leaders.

No, it is not my job to protect Muslims from those members of their faith who threaten both me and them with their murderous ideological interpretation of Islam. Nor is it my job to point out that Islam has (probably inherent) political tendencies which – amongst other reasons – make it immune to effect the Enlightenment has had on Christianity, and prone to violence.

However, it is my job to publically engage and discuss problems, to help Christians not just talk about Muslims, but with them. One step down this road is to ask the questions I asked. Before you can discuss the differences between Christianity and Islam (and they are categorical on several crucial levels), you need to actually meet and establish some common ground on which to build everything else.

That was the reason why I undertook the interview – and that is why I thought that the timing could not have been worse. Those terrorists are trying to destroy everything that engenders dialogue, exchange and robust debate. They are cowards. And, for the record, they are guilty of “the most terrible form of blasphemy” – in the words of the very Imam I interviewed just before the attacks today. He, like many other Muslim leaders, quickly and very clearly condemned the vicious act of barbarity.

Perhaps the timing was not so bad after all. I just hope I can convince others – including many of my readers – to agree and also engage in this debate we so urgently need.

Unbequeme Fragen

Die Flüchtlinge von Krieg und Terror sind längst sichtbarer Teil unserer Gesellschaft – und es werden täglich mehr. Einrichtungen wie die Caritas und engagierte Laien vor Ort kümmern sich beispielhaft um sie. Nur: Welche Antwort haben wir parat, wenn der Krieg und Terror zu uns kommen, vor dem diese Menschen flüchten?

“Isis bildet Kämpfer für Anschläge in Europa aus” – so die Schlagzeile auf der Titelseite der FAZ vom Montag. Im Interview spricht Gilles de Kerchove, EU-Koordinator für Terrorismusbekämpfung, nicht nur von entsprechenden Hinweisen. Er verweist auch nüchtern darauf, dass aus Europa in den Krieg gezogene Islamisten längst wieder zurückgekehrt sind. Das zeige wohl auch der Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel, und vereitelte Attacken in Frankreich und Großbritannien. Ist es nur eine Frage der Zeit, bis Islamisten auch in Deutschland zuschlagen?

Bekanntlich arbeiten die Innenminister der EU wie auch von Bund und Ländern daran, dies zu verhindern. Islamisten sollen an der Ausreise gehindert werden, ebenso wie an der Rückreise aus Kriegsgebieten. In deutschen Hochburgen der Salafisten sollen neue Aussteigerprogramme denen helfen, die sich von der aggressiven Missionierung in den Sozialen Medien, an Schulen und Jugendzentren angesprochen fühlen. Helfen sollen auch Netzwerke aus Moscheenvereinen, kommunalen Ämtern, Sozialverbänden und Polizei.

…und was ist mit uns? Was tun wir, was tun die Kirchen? Ist dieser Rand der Gesellschaft nicht besonders der Evangelisierung bedürftig? Ist das Angebot der Islamisten attraktiver oder gar überzeugender als die Schönheit und Wahrheit der Frohen Botschaft? Oder zumindest als die Art und Weise, wie wir diese vorleben und verkünden? Unbequeme Fragen, gewiss. Wir sollten uns diesen stellen, bevor wir ganz anderen Antworten gegenüber stehen.

Publiziert in der Kolumne “Standpunkt” auf http://www.katholisch.de20140623-084450 pm-74690718.jpg