Mehr Pulverfass als Peripherie: Die Papstreise nach Burma und Bangladesch

Warum reist Papst Franziskus nach Burma und Bangladesch? Es ist weniger eine Reise an die Peripherie als mitten in ein Pulverfass hinein, dessen Herausforderungen globalen Rang haben. Wie brisant die Lage allein vor Ort in Burma ist, zeigt die Tatsache, dass der örtliche Kardinal dem Papst empfiehlt, das Wort “Rohingya” nicht einmal in den Mund zu nehmen.

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Wochenkolumne: Was die Kirche nun braucht – neben einem Christbaum und einer Krippe

Warum sich diese Woche die Kontroverse um Amoris Laetitia zuspitzte – Und eine Klärung immer noch gefordert wird. Eine Einordnung.

Über dem Petersplatz leuchten sie nun, die umweltschonenden Lichter des vatikanischen Christbaums. Herab von der Dolomitenfichte, 25 Meter hoch, auf die fast lebensgroße Krippe. Beide hat Papst Franziskus am gestrigen 9. Dezember feierlich “eröffnet”.

Der feierliche Rahmen der Zeremonie auf dem Petersplatz war versöhnlicher Kontrapunkt in diesem Advent, der nicht nur feierlich und friedlich für die Kirche begonnen hat.

Franziskus erinnerte daran, dass es letztlich um Jesus Christus geht: Darauf verweist das Kind, das bereits in der Krippe auf dem Petersplatz liegt.

Wie am Malteserkreuz, der Kleidung und Werkzeugen der Figuren zu erkennen ist – und an einem landestypischen Boot, das auch gleich an die Massenmigration übers Mittelmeer miterinnert – ist diese Krippe ein Geschenk der Erzdiözese Malta. Vertreter des Bistums und der Künstler, Manwel Gretch, waren zugegen, als der Heilige Vater darüber sprach, dass die Krippe “in Kirchen, Häusern und an vielen öffentlichen Plätzen eine Einladung, Platz für Gott zu machen in unserem Leben und unserer Gesellschaft” sei.

Einen Beitrag dazu sollten, ja, müssten eigentlich auch Journalisten leisten: Das forderte Franziskus diese Woche in einem neuen Interview. Das Gespräch mit einer katholischen Wochenpublikation aus Belgien hatte jedoch den gegenteiligen Effekt. Weltliche Medien berichteten die Aussage verzerrt; und katholische Kommentatoren echauffierten sich über die Wortwahl des Papstes. Am Ende war von der “Botschaft der Brüderlichkeit (…) und Solidarität”, über die Franziskus vor der Krippe auf dem Petersplatz sprach, wenig übrig.

Wie es dazu kam, erklärt beispielhaft, warum und wie es derzeit alles andere als beschaulich zugeht.

Eine koprophile Presse – und koprophage Leser?

Was war geschehen? Nun, der Papst warnte “die Medien” im Interview davor, “nicht – verzeihen Sie mir den Ausdruck bitte – an Koprophilie zu erkranken, die bedeutet, immer Skandale kommunizieren zu wollen, hässliche Dinge mitzuteilen, selbst wenn diese wahr sind.”

Wie so oft lohnt es sich, auch dieses Interview mit dem Pontifex, wenn überhaupt, dann in seiner vollen Länge und sehr sorgfältig zu lesen. Der Vatikan hat es in englischer Sprache auf seiner Website veröffentlicht.

Weltliche Medien, darunter etwa der britische “Guardian”, behaupteten mit Verweis auf dieses Interview nun, der Papst habe sich mit diesen Aussagen gegen “Fake News” gerichtet. Das ist – wie das Zitat zeigt – nicht richtig, und zudem ein unredlicher Versuch, den Papst vor den politischen Karren der “Fake News”-Agenda zu spannen, der gerade medial die Runden macht. Franziskus spricht aber nicht von dieser “Fake News”, sondern von echter, die aber nicht erbaulich ist, sondern skandalisiert.

Ob oder wie diese bemerkenswerte Forderung des Papstes mit der demokratischen Funktion des Journalismus vereinbar ist, wäre eigentlich die relevante Frage – die nun nicht gestellt wurde. Dass ausgerechnet Medien damit sich der Sünde schuldig machen, die anhand des Themas “Fake News” externalisiert werden soll, ist kein Trost. Dass dabei ausgerechnet zum Thema “Fake News” einzelne Journalisten wieder einmal falsch und verfälschend argumentieren statt ordentlich zu berichten, zeigt jedoch, wie dringend die Professionalität der Presse auf den eigenen Prüfstand gehört. Wer sich nicht mit dem gefährlichen Vorwurf der “Lügenpresse” beschimpfen lassen will, sollte gerade bei diesen Themen auf sauberes Handwerk achten.

Doch der Papst diagnostizierte nicht nur die Gefahr einer an “Koprophilie” krankenden Presse. Er sagte weiter: “Und nachdem Menschen eine Tendenz zur Erkrankung an Koprophagie haben, kann dies großen Schaden anrichten”.

Unabhängig von der Absicht ist eine solche eindeutig zweideutige Wortwahl für viele Gläubige befremdlich; nicht wenige werden nicht einmal gewußt haben, was diese skatologischen Begriffe bedeuten. Vielleicht würden es manche auch gerne wieder vergessen, und das nicht nur zur Adventszeit.

Ob man darin gleich einen weiteren direkten Hinweis dafür sehen muss, wie Blank die Nerven im Vatikan liegen, ist zwar fraglich. Immerhin ist “Unser guter Papa Franz” (Radio Vatikan-Redakteurin Gudrun Sailer) dafür bekannt, “bisweilen flapsig” (Erzbischof Georg Gänswein) zu reden. Verwunderlich wäre es allerdings nicht, denn der Druck auf den Papst wächst.

Klärungsbedarf in Sachen Freude der Liebe?

Wer einen genaueren Blick auf die Debatten der vergangenen Tage geworfen hat, weiß: Neben dem – formal sehr höflichen – Bittbrief der vier Kardinäle mit ihren fünf Dubia, der inzwischen einige öffentliche Unterstützer gefunden hat, gibt es eine Reihe weiterer Bitten um Klärung und Klarstellung zu Amoris Laetitia.

So haben, wie nun bekannt wurde, zwei renommierte katholische Philosophen einen 37 Seiten starken, offenen Brief an den Papst geschrieben. Sie bitten Franziskus, mögliche Fehlinterpretationen seines Schreibens auszuräumen. Und bereits vor den Dubia ist ein Schreiben von 45 Theologen veröffentlicht worden, welche die “Freude der Liebe” peinlich genau seziert. Die Anamnese fällt dramatisch aus.

Nun mag man zum Inhalt dieser Schreiben stehen wie man will; man mag auch nur Unbehagen ob deren Veröffentlichung verspüren, oder sie für dringend nötig halten. Fest steht dennoch eines: Trotz Versicherungen päpstlicher Mitarbeiter, wie etwa des Jesuitenpaters Antonio Spadaro gegenüber Austen Ivereigh auf “Crux”, dass doch alles klar sei, ist ein wichtiges Segment der Weltkirche der Meinung, dass dies nicht der Fall ist. Die Verwirrung und widersprüchlichen Interpretationen sind nicht einfach zu ignorieren, so der renommierte Vatikanist John Allen auf der gleichen Website; Allen stellt nüchtern fest: “Ob diese nur eine Minderheit sind, ist egal – sie können nicht einfach ignoriert werden, denn zu ihnen gehören führende Persönlichkeiten der Hierarchie”. Mehr noch: Schon die Tatsache, dass sich Pater Spadaro diesen so stelle, zeige ja, dass Fragen zu Amoris Laetitia offen sind, so Allen.

Worum es geht

Der Klärungsbedarf, dem diesen Kritikern zufolge der Papst bislang aus dem Weg zu gehen versuche, verhandelt weit mehr, als nur die ohnehin schon kontrovers diskutierte Frage, ob und wie geschiedene Wiederverheiratete zur Kommunion zugelassen werden können oder sollten.

Wie der Freiburger Theologie-Professor Helmut Hoping in der “FAZ” schreibt: “Für liberale Bischöfe und Theologen ist die Frage der Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene ein Türöffner zur Revision der katholischen Sexualmoral insgesamt”. Gebe man in ihrem Bindungsanspruch erst einmal die traditionelle Lehre auf, die als Ort gelebter Sexualität ausschließlich die gültige Ehe von Mann und Frau vorsehe, so Hoping, dann “könnte die katholische Kirche wie die evangelische auch eheähnlichen Verhältnissen ihren Segen geben, einschließlich gottesdienstlicher Segensfeiern”.

Gleichzeitig ist der Ton, der den Kardinälen und anderen entgegenschlägt, die um eine Klarstellung bitten, enorm eskaliert. Von “Freude der Liebe” kann keine Rede sein, wenn deutsche Theologen, ein römischer Rota-Richter oder ein griechischer Bischof wortmächtige “Drohkulissen aufbauen” (Helmut Hoping), die sich allerdings gegen die Person der Kardinäle richtet, nicht den Inhalt ihres Schreibens.

Die Vehemenz mag den Ernst der Lage unterstreichen; aber gerade weil es letztlich um die Einheit der Lehre und Kirche geht, sollte als Konsens auf allen Seiten gelten: “Don’t judge!”, “(Ver)urteile nicht!”, mahnte EWTN Deutschland-Intendant Martin Rothweiler bei “Katholisch.de”.

Im Licht des Christbaums sagte Papst Franziskus gestern: “Die Krippe und der Baum bilden eine Botschaft der Hoffnung und der Liebe und helfen dabei, eine förderliche Weihnachtsatmosphäre zu schaffen, um mit Glauben das Geheimnis der Geburt des Erlösers zu erleben, der in Einfachheit und Demut auf die Erde gekommen ist.”

Diese klare Einfachheit des Erlösers und dessen Demut, an die uns der Heilige Vater erinnert: Sie ist es, die Jesus nicht nur selber vorgelebt hat, sondern auch von uns einfordert, wenn er im Matthäusevangelium, kurz nach der Bergpredigt, klipp und klar sagt: “Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen” (Mt 5,37).

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(Ursprünglich veröffentlicht auf www.CNAdeutsch.de

Wimmers Woche: Das Schönste an “Laudato Si”

Die neue Enzyklika von Papst Franziskus selbst lesen: Das sollten alle mündigen Christen tun. Und getrost erst einmal die Explosion der Einschätzungen durch Experten – echte wie vermeintliche – vermeiden, die alle versuchen, mit ihrer Exegese die Deutungshoheit darüber zu haben, was Papst Franziskus “wirklich sagt” und “eigentlich meint”. (Das gilt auch für diesen Kommentar!) Bei einer solch klaren, wenn auch langen Übersetzung des Lehrschreibens ins Deutsche ist das vorab weder nötig noch hilfreich.

Wenn geschätzte Kollegen sogar vorschlagen, es lohne sich vor allem, im ersten Drittel und gegen Ende zu lesen, dann kann ich dem nur entgegenhalten: Moment! Es lohnt sich, den Text erst einmal ganz zu lesen. Mindestens einmal. Nur so erschließt sich auch eine einzelne herausragende Passage dieser Enzyklika, die es verdient, besonders gewürdigt zu werden. Sie stellt eine Innovation dar, die gerade keiner politischen Interpretation oder Vereinnahmung bedarf, und weit über den Lärm der Reaktionen ragt. Es ist der Abschnitt mit den beiden Gebeten, die uns Franziskus zum Schluss seiner Überlegungen schenkt. Das eine stellt ein bemerkenswertes Novum dar: Dieses Gebet können alle beten “die an einen Gott glauben, der allmächtiger Schöpfer ist”. Und das andere schenkt uns der Papst, damit “wir Christen die Verpflichtungen gegenüber der Schöpfung übernehmen können, die uns das Evangelium Jesu vorstellt”, wie er schreibt.

Damit leistet der Text etwas Bemerkenswertes: Er macht die Menschheit zum Adressat, zumindest alle, die an einen Schöpfergott glauben. Und er gibt der Christenheit gleichzeitig ihre Rolle, im Verhältnis zu (und aus dem Verhältnis heraus mit) unserem dreifaltigen Gott. Das ist für mich das Schönste an “Laudato Si”; nicht zuletzt weil der Text damit auch zurück zu seinem Ausgangspunkt kehrt – dem Sonnengesang des heiligen Franz – und diesen in einem Gebet und Anliegen aufhebt, das wir alle heute und durch die Zeit mit der Schöpfung teilen.

(Wimmers Woche ist eine Kolumne in den Münchner Kirchennachrichten)

Die Kirch des Hl. Franziskus von Assis in Coyocan, Mexiko (CC Image by Enrique López-Tamayo Biosca vua Wikimedia)
Die Kirche des Hl. Franziskus von Assis in Coyocan, Mexiko (CC Image Enrique López-Tamayo Biosca vua Wikimedia)

Das Zeug zum Märtyrer?

(Original veröffentlicht als “Standpunkt” auf katholisch.de)

Klarer geht es nicht. Vom Karfreitag über Ostersonntag bis zur Ansprache beim Regina Caeli am gestrigen Ostermontag: Immer wieder hat Papst Franziskus in den vergangenen Tagen auf die Christenverfolgung verwiesen und Konsequenzen gefordert. Gestern hat er wieder an die Weltgemeinschaft appelliert, endlich einzuschreiten “angesichts solch inakzeptabler Verbrechen”. Heute gebe es mehr Märtyrer als in der Frühphase des Christentums; die Welt mache sich zum “stillen Komplizen”, wenn sie den Blick abwende, so Franziskus wörtlich.
 
Das hat gesessen. Zumindest bei mir, wie ich so am Kachelofen saß, im tief verschneiten Ammertal, umgeben von meinen seligen Kindern, von Hefezopf und Ostereiern, den Weihrauch der Eucharistiefeier noch im Janker. Die Worte von Franziskus rissen mich aus der Beschaulichkeit und riefen die jüngsten blutigen Bilder ins Gedächtnis: Der Innenhof einer Universität in Kenia, bedeckt mit den blutigen Körpern dutzender junger Christen, systematisch aussortiert und hingerichtet.
 
Eine unangenehme Frage drängte sich auf, die sich wohl immer mehr von uns in letzter Zeit stellen: Wie würde ich damit umgehen, wenn meine Familie oder ich in eine solche Situation der Bedrängung oder Verfolgung kämen, Gott behüte? Würde ich für meinen Glauben wirklich sterben wollen, können? Dieser Gretchenfrage folgten weitere: Habe ich bislang nicht auch den Blick abgewendet? Habe ich feige relativiert und verharmlost? Habe ich letztlich falsche Prioritäten gesetzt? Und: Was kann, was muss ich tun? Was müssen wir alle tun?
 
Die herrliche Antwort lieferte Franziskus gestern mit: Er erinnerte uns an den Sieg des Lebens über den Tod, den gerade Ostern darstellt. Mehr noch: Die Auferstehung, so der Papst wörtlich, ist auch “das schönste Geschenk, das der Christ den Brüdern und Schwestern anbieten kann“. In dieser Gewissheit ist die gute Antwort auf unangenehme Fragen. Christus ist auferstanden! Das soll unser Leben bezeugen. Nicht mehr und nicht weniger.

Drei Dinge, die wir von Papst Franziskus in seinem dritten Jahr erwarten können

Papa Rock Star: Seine Populariät ist zweischneidig
Papa Rock Star: Seine mediale Populariät ist zweischneidig, aber nicht seine päpstliche Präsenz auf dem Petersplatz. (Foto: Edgar Jimenez – CC/Wikimedia )

Wäre Franziskus ein Bundeskanzler (der Vergleich ist seit Benedikt XVI. Rücktritt etwas weniger schräg, oder?), dann wäre er jetzt in der zweiten Hälfte seiner ersten Legislaturperiode angekommen. Es ist eine kritische Phase. In der Tat könnte das dritte Jahr sein wichtigstes werden. Auch, weil er selber schon davon gesprochen hat, nicht mehr lange im Amt zu bleiben. Er habe “ein Gefühl”, dass seine Zeit als Papst auf vier oder fünf Jahre begrenzt sei, sagte er im mexikanischen Fernsehen. Und: Im dritten Jahr werden hohe Erwartungen auf konkrete Entscheidungen (auch eine Nicht-Entscheidung wäre sehr konkret!) treffen müssen; und bei aller Unberechenbarkeit des Pontifex gibt es doch einige Dinge, die wir von Papst Franziskus bis März 2016 erwarten können. Hier sind meine drei Thesen:

Erstens: Er beendet das oberflächliche “Papa Rock Star”-Phänomen

Mit Zustimmungsraten über 80 oder 90 Prozent in vielen Nationen dieser Erde erfreut sich Papst Franziskus einer beispiellosen Popularität. Das Phänomen ist erst einmal sehr erfreulich und – finde ich – auch sehr nachvollziehbar. Es ist aber, genauer betrachtet, zutiefst ambivalent: Einerseits hat diese weltweite Beliebtheit von Franziskus dafür gesorgt, dass er die vernehmbarste Stimme in Glaubenssachen weltweit geworden ist (auch wenn viele Menschen nicht viel davon vernehmen, was er sagt). Vielen Menschen, Katholiken wie Nicht-Katholiken, hat das Phänomen geholfen, eigene (oder von anderen aufgeschnappte!)  Vorurteile und Klischees über den Katholizismus auszuräumen. Andererseits ruht diese Beliebtheit gerade dort, wo sie besonder hoch ist – in westlichen Ländern wie Deutschland und den USA – selten darauf, was er wirklich predigt. Oder nur auf Zitat-Fetzen bzw. spezielle Passagen, die selten seine Worte über den Teufel, Demütigung und Märtyrer enthalten. Populär ist etwa Franziskus’ scharfe Kritik an der eigenen Kurie und Kirchenmännern. (Wobei sich die Frage stellt, ob Franziskus im eigenen Vatikan-Staat die gleichen positiven Umfrage-Werte erzielen würde, wie er etwa bei uns erzielt). Gerade diese oberflächliche oder selektive Popularität irritiert wichtige Minderheiten innerhalb der weltweiten Kirche. Viele praktizierende Katholiken etwa, insbesondere traditionalistisch orientierte, sehen in der säkularen Welt eine Ausdruck der feindlichen, säkularen Weltlichkeit (ich sehe das nicht so, aber sei’s drum). Und die Beliebtheit des Papstes in der zutiefst weltlichen Öffentlichkeit ist ihnen zutiefst suspekt. Manche Beobachter spekulieren darauf, dass Franziskus eine Art “Obama-Effekt” erleben könnte: Zuerst völlig überdrehter, ja, in Zügen hysterischer, Enthusiasmus, dann die zunehmende, und zunehmend bittere, Enttäuschung gepaart mit abstürzenden Populariätswerten. Persönlich sehe ich dieses Risiko nicht. Zwar erwarte ich ein Ende des “Papa Rock Star”-Phänomens, das ungefähr so intelligent und sinnvoll ist wie das Kultivieren einer heftigen Antipathie gegen Papst Benedikt XVI. (die Hollywood-Schauspielerin Susan Sarandon brachte dieses auf den Punkt als sie Papst Benedikt einen “Nazi” nannte). Aber gerade weil beide Phänomene zwei Seiten der gleichen Medaille sind, nämlich des ambivalenten Verhältnisses eines säkularen Zeitalters zum irdischen Oberhaupt der katholischen Kirche, greift aus meiner Sicht der Vergleich mit Obama nicht nur zu kurz, sondern ist selber Ausdruck der Oberflächlichkeit, mit der die Figur des Heiligen Vaters in der weltlichen Öffentlichkeit verhandelt wird. Das Ende des “Rock Star”-Phänomens wird sowohl weniger spektakulär sein als in der Causa Obama, aber andererseits auch langfristig viel spektakulärer: Es läuft auf eine klärende Ernüchterung hinaus, die hoffentlich auch eine Versachlichung mit sich bringt, wenn es um die öffentliche Beschreibung katholischer Themen und Personen geht. Es wäre zu wünschen, denn sie ermöglicht die Evangelisierung (siehe Punkt 3).

 

Zweitens: Er schenkt uns eine Antwort zur Frage der Kommunion für geschiedene Wiederverheiratete

Ein Katalysator der Ernüchterung wird die Familiensynode sein. Wie der alte Vatikan-Beobachter John L. Allen treffend schreibt, gibt es für Papst Franziskus im Zuge der Familiensynode nur drei mögliche Antworten auf die aus Sicht vieler (aber nicht aller!) Beobachter zentralen Frage, die verhandelt werden soll: Ob Menschen, die sich scheiden haben lassen und dann staatlich wieder geheiratet haben, zur Kommunion zugelassen werden sollten. Wie wird Franziskus entscheiden? Der Journalist Allen sieht drei Möglichkeiten:

1. Er sagt “Ja”.

2. Er sagt “Nein”.

3. Er vertagt die Entscheidung.

Meine Vermutung, welche Antwort bzw. wie er die Antwort formuliert, führt mich zum dritten und letzten Punkt. Zuvor aber eine persönliche Einschätzung: Es droht hier, bei diesem Thema, ein “Humanae Vitae”-Moment, der ein hohes Risiko darstellt.

 

Drittens: Er evangelisiert die Kirche (und ihre Mitglieder)

Das ist nicht nur meine spekulativste Antwort zur Frage, was wir von Papst Franziskus bis März 2016 erwarten können. Es is auch die am leichtesten missverstandene. Was meine ich mit “Evangelisierung”? Keine Protestantisierung natürlich. Und auch keine Evangelikalisierung, obwohl Elemente davon enthalten sind, wie sie etwa Allen und George Weigels gleichnamiges Buch beschreiben, oder etwa prägnant auf dem Blog “Zeit zu Beten” zu lesen sind. Die Evangelisierung, beschrieben als Regierungsprogramm in Evangelii Gaudium, ist das Kernanliegen des Papstes. Es durchkreuzt (sic) die spalterischen Etikettierungen zwischen “liberalen”, “progressiven”, “konservativen”, “restaurativen” Katholiken. Der Heilige Vater, erfahrener Hirte und Bischof von Buenos Aires, lebt uns diese Evangelisierung handfest vor:

  • Durch seine unmittelbare Nähe zu den Armen und Entrechteten, den vielzitierten “Rändern” der Gesellschaft
  • Durch sein robustes Vorgehen gegen Klerikalismus (auch unter Laien, liebe deutsche Strukturen!), gegen Privilegiendenken und ideologische Verhärtungen
  • Durch seine missionarische Freude über die Verkündigung der Frohen Botschaft

Franziskus könnte es so im dritten Jahr gelingen, uns (die “ecclesia militans”) alle auf den gemeinsamen Nenner des Evangeliums zurück zu bringen (und damit natürlich auf unseren Erlöser, Jesus Christus). Dabei bleiben Konzeptionen, Distinktionen und Verkrampfungen zurück, die nicht mehr weiter helfen. Unter dem Begriff der Barmherzigkeit werden diese scheinbaren Widerstände sich durch die Evangelisierung auflösen. Wie? Es ist das Alleinstellungsmerkmal des Christentums, auch im Vergleich zum Islam und Judentum, über ein rein legalistisches Verhältnis zum unnahbaren Gott hinaus zu gehen. Dort findet zwar keine Aufhebung eines Verbots statt (auch wenn sich manche Memorandenschreiber das wünschen), aber wohl ist eine Sublimation des Verbotes möglich in der persönlichen Beziehung zum Erlöser. Diese geht nur durch den Weg der Demütigung, den Franziskus in seiner Palmsonntagspredigt deutlich beschrieben und angemahnt hat. Klingt verquast? Ist es nicht.

 

Fazit

Wer bis jetzt gelesen hat, wird es schon gemerkt haben: Diese drei Dinge, die wir von Papst Franziskus heuer erwarten können, sind integrale Bestandteile des gleichen Programms. Dazu gehören etwa auch seine klaren Aussagen darüber, womit Schluss sein sollte:

  • Schluss mit langweiligen, lauwarmen Predigten
  • Schluss mit Weltlichkeit
  • Schluss mit Selbstbeschäftigung

Was die oben definierte Ernüchterung eben ausmacht: Das Programm von Franziskus ist weit jenseits der Lebenswelt der meisten Katholiken, aber gleichzeitig für die meisten Katholiken interessant personifiziert im Papst, der damit persönlich alle Christen, besonders natürlich uns Katholiken einlädt, mitzumachen und auffordert, mitzukommen.

Das ist auch die ganz konkrete Antwort auf die Frage nach einer Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion: Kein “Ja” oder “Nein” im Sinne einer “Erlaubnis”! Ein solches legalistisches, oder kasuistisches Antworten verrät eine zu kurz gedachte Fragestellung:  Vielmehr geht es darum, das Verständnis der Kommunion als Ausdruck der Barmherzigkeit Gottes zu erreichen. Wer das erreicht hat, der wird wissen, dass diese Entscheidung nicht eine doktrinäre ist, und auch keine pastorale. Letzten Endes ist es für jeden Christen eine Frage des persönlichen Verhältnisses zu Gott und der Rolle des Sakraments der Eucharistie. Dies zu verstehen und leben ist das Anliegen von Franziskus auch für uns.

PS: Ja, wir können auch eine Umwelt-Enzyklika erwarten. Aber das wussten wir eh alle schon, oder?