Braucht Deutschland einen “Thomas Morus des Frühstücksfernsehens”?

Warum es Politiker vom Schlag eines Jacob Rees-Mogg nicht in Deutschland gibt, mag mehrere gute Gründe haben. Die Tatsache, dass der britische Abgeordnete praktizierender Katholik ist, und dazu in der Öffentlichkeit mutig steht, sollte jedoch keiner sein.

Die deutsche Bundestagswahl findet am kommenden 24. September statt. Für nicht wenige katholische Wähler stellt sich die Frage: Für welche Partei soll ich angesichts der Entwicklung der letzten Monate und Jahre diesmal stimmen? In welcher Partei ist eine glaubwürdige Stimme praktizierender Katholiken zu hören, der ich Vertrauen kann?

„Es riecht nach der schlimmsten Form anti-katholischer Bigotterie“

Dass Entscheider und Meinungsmacher in Politik und Medien einen dafür angreifen, katholische Positionen zu vertreten: Das ist kein spezifisch deutsches Thema. Drastisch zeigt das der Umgang der US-Senatorin der Democrats, Dianne Feinstein, mit Amy Coney Barrett vergangene Woche. Das Verhalten der US-Politikerin gegenüber der Rechtsanwältin in einer Anhörung „riecht nach der schlimmsten Form anti-katholischer Bigotterie“, warnte der Theologie-Professor Chad Pecknold gegenüber CNA am 6. September.

Die Frage ist eher, warum die Stimmen praktizierender Katholiken nicht lauter vernehmbar sind.

Etwa die von Jacob Rees-Mogg in der TV-Sendung „Good Morning Britain“. Nach einer kurzen Frage über Einwanderungspolitik und den Brexit nahmen die Moderatoren Piers Morgan und Susanne Reid den Abgeordneten der „Tories“ ins Kreuzverhör, wie Autorin Mary Rezac in einem Artikel für CNA schreibt, zu seinen Ansichten über gleichgeschlechtliche Ehe und Abtreibung, die beide in Großbritannien legal sind.

Der 48 Jahre alte Rees-Mogg galt vielen bislang als exzentrischer, wenn auch eloquenter und beliebter Hinterbänkler. Seit kurzem wird der sechsfache Vater jedoch als möglicher Parteichef der Conservatives gehandelt, und sogar als möglicher zukünftiger Premier – obwohl er selber dies abstreitet.

Auf die mehrfach insistierte Frage der TV-Moderatoren nach seiner Meinung zu homosexueller Ehe antwortete Rees-Mogg, dass er die Lehre der Katholischen Kirche unterstützt, und dass diese Lehre „völlig klar“ sei.

Im weiteren Verhör sagte der Abgeordnete für North East Somerset, dass er zwar aus moralischen Gründen gegen homosexuelle Ehe und Abtreibung sei, aber auch zu der katholischen Lehre stehe, dass man andere nicht verurteilen soll. Zudem wies er darauf hin, dass sich die Gesetzeslage im Land nicht verändern werde aufgrund seiner religiösen Ansichten.

„Das sind alles keine parteipolitischen Fragen, es sind Fragen, über die im Parlament frei abgestimmt wird“.

„Sie werden nicht vom Premierminister entschieden, und es besteht keine Frage darüber, ob sie geändert werden sollen. Dafür würde es im House of Commons keine Mehrheit geben”, so Rees-Mogg weiter.

Dann fragte Piers Morgan ihn, ob die Bevölkerung einen Entscheidungsträger mit katholischen Ansichten akzeptieren würde.

„Ich denke, dass die Konservativen Gläubigkeit gegenüber sehr viel toleranter sind, und das sollten sie auch“, sagte Rees-Mogg.

„Es ist schön und gut zu sagen, dass wir in einem multikulturellen Land leben, es sei denn, man ist Christ, es sei denn, man hat die traditionellen Ansichten der Katholischen Kirche“, fügte er hinzu.

„Und das scheint mir fundamental falsch zu sein. Die Menschen haben ein Recht darauf, eigene Ansichten zu haben, aber die demokratische Mehrheit hat auch das Recht, die Gesetze im Land so zu haben, wie sie sind, was mit der Lehre der Katholischen Kirche nicht vereinbar ist und auch nicht in Zukunft vereinbar sein wird.“

Katholische Führungskräfte applaudierten dem Zeugnis des britischen Abgeordneten.

„Gut gemacht, Jacob Rees-Mogg! Danke Ihnen dafür, dass sie sich für Katholiken eingesetzt haben und klar aber sanft die Lehre Christi verkündet haben“, tweete Bischof Philip Egan von Portsmouth.

Luke Coppen, Chefredakteur des britischen Magazins „Catholic Herald“, bestätigte gegenüber Mary Rezac, dass es nicht das erste Mal war, dass ein katholischer Politiker in Großbritannien so antagonistisch angegangen wurde.

„Der Thomas Morus des Frühstücksfernsehens“

„Feindlichkeit gegenüber dem Katholizismus ist in Großbritannien nichts Neues. Tatsächlich ist das heute garnichts im Vergleich dazu, wie es im elisabethanischen Zeitalter zuging“ – einem Zeitalter, in dem es verboten und oft tödlich gefährlich war, Katholik zu sein, bemerkte Coppen.

Statt Angst zu haben vor der manchmal unvermeidbaren Reibung zwischen Glauben und Politik, sollten gläubige Katholiken weiterhin in der Öffentlichkeit dienen, so Coppen.

„Sie sind uns ein Vorbild: wir wollten immer anstreben, der ganzen Gesellschaft zu dienen, denn unser Glaube verpflichtet uns dazu“, sagte er.

Einige Beobachter haben das Zeugnis von Rees-Mogg sogar mit dem des heiligen Thomas Morus verglichen, der gegen die Wiederverheiratung von König Heinrich VIII war, nachdem diesem eine Annullierung seiner Ehe abgelehnt wurde und er daraufhin mit Rom brach und sich zum Oberhaupt seiner eigenen, anglikanischen Kirche machte. Die Treue zur Kirche kostete ihm das Leben, und der heilige Thomas Morus wird often als Schutzpatron der Religionsfreiheit angerufen.

„In der aktuellen Ausgabe des Magazins habe wir eine Schlagzeile, in der Rees-Mogg als ‘der Thomas Morus des Frühstückfernsehens’ bezeichnet wird“, so Coppen weiter.

„Das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, denn er war zwar sehr tapfer, aber er wird dafür wahrscheinlich nicht hingerichtet werden“. Allerdings, fügte Coppen hinzu, würden solche Katholiken im öffentlichen Leben wohl nicht mehr zu bestimmten Dinner-Parties eingeladen werden.

Bischof Mark Davies von Shrewsbury lobte auch Rees-Moggs Worte, und ermutigte Katholiken, weiterhin aktive, gläubige Teilnehmer am öffentlichen Leben zu sein.

„…jenseits des unmittelbaren Aufschreis bin ich mir sicher, dass Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Jacob Rees-Mogg letzten Endes für ihren Mut und ihre Integrität geachtet werden“, sagte er gegenüber Mary Rezac.

„Ich bin davon überzeugt, dass wir in der Politik ein stärkeres christliches Zeugnis brauchen, nicht den Rückzug gläubiger Katholiken aus der Öffentlichkeit und den Debatten der Gegenwart. Die Herausforderung, vor der Christen heute stehen lassen uns deutlicher erkennen, warum der heilige Thomas Morus der Schutzheilige der Politiker ist“.

Die Bundestagswahl findet am 24. September 2017 statt. Die klugen Stimmen praktizierender Katholiken im Vorfeld mutig, laut und deutlich zu hören, ist sicherlich wünschenswert.

Gott sei Dank gibt es hierzulande aber auch mutige Stimmen; etwa die von Natalie Dedreux: Sie bewegte die Bundeskanzlerin mit ihrer Frage zur Abtreibung von Kindern mit Downsyndrom.

So unterhaltsam das wäre: Deutschland braucht nicht unbedingt einen “Thomas Morus des Frühstücksfernsehens”. Aber es braucht mutige Frauen und Männer, die nicht nur ihren Glauben leben, sondern dafür auch öffentlich einstehen: Klar in der Sache, sanft im Ton.

(Zuerst veröffentlicht bei CNA Deutsch)

Wir brauchen eine Wahlpflicht

Als Spektakel kaum zu überbieten ist, was unter dem Begriff “Wahlkampf” gerade in den USA abläuft. Neben anderen Aspekten – dazu gehört ein bizarrer Unterhaltungswert – brennt nicht nur Katholiken dort eine Frage unter den Nägeln: Für welchen Kandidaten kann ich bitte stimmen?

Wie, ja ob diese Frage überhaupt zu beantworten sei, ist Gegenstand robuster Debatten – und sogar wissenschaftlicher Untersuchungen. Deren Bilanz zieht der Forscher Mark Gray von der Georgetown University wie folgt: Die meisten Amerikaner wollen weder Hillary Clinton noch Donald Trump. “Bei der Wahl 2016 geht es nicht darum, für einen Kandidaten zu stimmen, sondern gegen einen. Die Wahlbeteiligung wird der entscheidende Faktor sein.”

Persönlich mag ich bedauern oder erleichtert sein, nicht in den USA wählen zu dürfen. Aber wie ist es mit Deutschland? Trotz aller – zum Teil kategorischer – Unterschiede: Auch hier spielt die Versuchung, gegen jemanden oder etwas zu stimmen, eine riskante Rolle. Und auch bei uns wird 2017 die Wahlbeteiligung entscheidender Faktor sein.

Die “Herrschaft des Volkes”, die eine Demokratie sein will, ist immer nur so gut, wie die Menschen sich zu ihr bekennen und verhalten. Ein probates Mittel dafür, ein gesundes demokratisches Selbstverständnis zu pflegen, mit einer ganzen Reihe positiver Konsequenzen, ist die Wahlpflicht.

Als australischer Staatsbürger habe ich diese persönlich kennen- und schätzengelernt. Nicht nur, weil die Wahlbeteiligung meist bei rund 94 Prozent liegt; sondern auch, weil ein echtes “Wir-“Gefühl entsteht am Wahltag, egal wie er ausgeht. Vielerorts brutzelt am Wahllokal sogar der Würstelgrill; man trifft Nachbarn und Freunde, diskutiert die Lage und fühlt sich beteiligt. Das wünsche ich mir auch in Deutschland und den USA.

“Wahlpflicht” mag negativ klingen für manche Ohren – wie ja auch “Sonntagspflicht”. In Wahrheit aber tut sie – wie das Sonntagsgebot – der Gesellschaft gut, und dem Menschen in ihr. Wir sollten sie einführen – und feiern.

(Originally published as “Standpunkt” on katholisch.de on 26 September 2016)

Nomenklatur des Terrors und das Prinzip der Selbstidentifikation: Warum der Islamische Staat keine Anführungsstriche braucht

Ohne gleich George Orwell in Stellung zu bringen: Wenn unsere Begriffe nicht stimmen, dann stimmt unser Denken, Reden und Handeln nicht. Mit manchmal schlimmen Konsequenzen. Auch im deutschsprachigen Journalismus (und anderen Feldern) gibt es da leider zu viele Beispiele, die einen schaudern lassen.

Etwa der dümmliche Begriff “Verbrechen gegen die Menschlichkeit”, der endlich abgeschafft werden muss.

Wobei wir mit Verbrechen gegen die Menschheit, wie es richtig heißt, schon beim Thema sind: Dem Islamischen Staat.

Seit Wochen, ja, Monaten schreibe ich (und lasse die Redaktion) in der Zeitung über den

selbsternannten “Islamischen Staat”

schreiben, weil ich mich den bestenfalls ungenauen Begrifflichkeiten meiner Kolleginnen und Kollegen nicht anschließen möchte, aber andererseits natürlich auch mit der Konzeptualisierung dieses Phänomens ringe und daran ehrlich gesagt (noch) scheitere.

Oberflächlich betrachtet, ringen wir erst einmal um das richtige Wort hier: Ist es eine Terrormiliz? Ist es eine Terror-Organisation? Ist es ein Staat? Ein Kalifat? Alle diese Dinge? Keines?

Stop. In diesem Ringen verhandeln wir ideologische, rechtliche und kulturelle Unterschiede, die sich gerade durch und mit dem Islamischen Staat als grundsätzliche oder gar existenzielle Herausforderung darstellen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Drei sind aus meiner Sicht hier vor allem zu bedenken:

  1. (CC0 Public Domain via Pixabay)
    (CC0 Public Domain via Pixabay)

    Das Prinzip der Selbst-Identifikation (von Gruppen) als ein Menschenrecht.

  2. Die Begriffe des Islam, zumindest die Begriffe des Islam, wie sie der Islamische Staat versteht und verwendet, und deren Prägung und Verwendung durch Islamisten; besonders im Verhältnis zu Menschenrechten und Nationalstaaten sowie anderen westlichen Begriffen bzw. dem ihnen zugrunde liegenden (Selbst-)Verständnis
  3. Die Frage nach diesem zugrunde liegenden Verständnis, dass vielleicht als “westliche Kultur” unzulänglich aber verwendbar definiert werden könnte: Was ist diese Kultur und – letzlich: Kann sich der Westen als Wertegemeinschaft von seinem christlichen Hintergrund trennen (wie er es gerade versucht) und als säkulares Phänomen behaupten? (Wie?)

Allein schon aus dem ersten Grund ist die Verwendung von Anführungsstrichen um den “Islamischen Staat” (sic) fragwürdig. Auch wenn der UN-Sicherheitsrat und islamische Gelehrte nicht zustimmen.

Auch aus dem zweiten oben genannten Grund stellt des weiteren die Tatsache, dass dieser “Staat” (sic) sich auf dem Territorium mehrere anderer Nationalstaaten (Libyen, Syrien, Irak, Nigeria, usw. usf.) aufhält, keine automatische Infragestellung oder gar Delegitimation der Begrifflichkeit per se dar. Bedenken wir etwa, dass indigene “Nationen” (sic) etwa westliche Staatsgrenzen auch nicht anerkennen. In islamistischer Sichtweise ist hier eine oberflächliche Parallelität, trotz aller Unterschiede, klar zu sehen. Unter der Oberfläche freilich spielt sich einiges andere ab, was zur Fragestellung im dritten Punkt führt.

Für die westliche Kultur im oben genannten Sinne stellt der (Staats-?)Terror des als Kalifat auftretenden Dschihadismus eine Kampfansage an die Werte und letzten Endes an die Selbst-Identifikation Europas (und evtl. anderer Regionen/Kontinente/Sphären, etwa der anglophonen Welt) auf eine Weise dar, der wir erst einmal begrifflich Herr werden müssen, bevor wir uns fragen können, wie wir damit umgehen. Genauer: Unser Umgang mit der Nomenklatur des Terrors, verstanden vor diesem Hintergrund, bedarf dringend einer rationellen und ehrlichen Auseinandersetzung mit der Frage nach dem eigenen Werte-Kanon und der Selbst-Identifikation, welcher dieser ermöglicht, und aus dem wir heraus überhaupt Terror und terroristisches Handeln definieren und natürlich letzten Endes bekämpfen müssen.

Mit billigem Moralismus oder den Empörungsmechanismen rund um Fragen wie “Homo-Ehe” und Asylpolitik wird es jedenfalls zu keinem sinnvollen (oder friedlichen) Ergebnis kommen. Dazu, scheint es mir, ist die Lage zu ernst, die Frage zu existentiell.

Die Islamisten indessen wissen scheinbar, wo der eigentliche “Kopf” ist, den sie abschlagen wollen: In Rom, beim Papst. Angekündigt haben sie es bereits.

Heiligung durch Gender-Debatte?

Im neuen Gotteslob ist ein wunderbarer Abschnitt – es ist Nummer 29 – der erklärt, warum wir auf der Welt sind. Das Ziel unseres Daseins ist, steht dort, ein “Leben in Fülle”. Anders gesagt: Wir sind aufgefordert, die besten Menschen zu sein, die wir nur sein können. Die Pop-Psychologen und Management-Berater nennen das “unser Potential voll ausschöpfen”. Wir Christen kennen es seit 2000 Jahren unter einem viel besseren Begriff: Der Berufung zur Heiligkeit.

Heilig werden: Wie schaffen wir das? Ein gewisser Jesus hat es uns verraten: Ihn zu kennen, ihn zu lieben, und ihm nachzugehen ist unser steiler Weg und Ziel. Völlig wurst ist dabei, ob wir das nun als Priester, Mönch oder Laie tun. Egal ist auch, ob wir dies als Mann oder Frau tun. Das garantiert die christliche Errungenschaft der menschlichen Würde. Aber unser Geschlecht bestimmt den Rahmen der Möglichkeiten, wie wir das tun.

Oder?

Logisch, sagen die christliche Lehre wie auch die Naturwissenschaft. Stimmt nicht! sagt die Gender-Theorie, und fordert eine Menge Konsequenzen. Kritiker sehen in diesem Gender Mainstreaming eine gefährliche Ideologie. Viele Befürworter sehen Gender dagegen als ein Ringen um Gleichberechtigung. Kein Wunder, dass um dieses Thema ein heftige Debatte entbrannt ist.

Wir haben in der Münchner Kirchenzeitung verschiedene Kommentatoren zu Wort gebeten, die sich zum Teil auch widersprechen. Das war schon einigen Leuten zu viel. Einige haben sich bei mir beschwert. Andere haben sich bedankt. Ich bin überzeugt: Wir brauchen diese Debatte! Und gerade ein christliches Medium muss sie so führen, dass jeder sich seine eigene Meinung bilden kann und diese auch beisteuern – etwa per Leserbrief oder bei Twitter. Und wenn dabei der eine oder andere lernt, kognitive Dissonanzen auszuhalten, also sich mit einer Meinung zu beschäftigen, die er nicht teilen wird, dann ist das ein wichtiger Nebeneffekt. Und vielleicht sogar ein Schritt auf dem richtigen Weg, dem der Nachfolge Jesu. Oder?

(Crosspost der Kolumne “Wimmers Woche” auf den Münchner Kirchennachrichten)

"Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie." So steht es schon in Genesis 1,27  (CC-Bild: kosmolaut/flickr)
“Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.” So steht es schon in Genesis 1,27
(CC-Bild: kosmolaut/flickr)

Wimmers Woche: Obama, Franziskus und andere Götzen der Gegenwart

Über “Fantasy Francis”, falsche Idole und die beste Prophylaxe geht es diesmal in der Wochenkolumne.

Kennen Sie den Watschenbaum von Washington? Robert Gates? Er war nicht nur Barack Obamas Verteidigungsminister, bekannt für seine ruhige und ausgeglichene Art. Er war eine der wichtigsten Säulen der “Administration”, wie die Regierung in den USA genannt wird. Obama nannte Gates sogar “einen der besten” Verteidigungminister, den die USA je gehabt habe. Nun hat dieser hochgeschätzte Politiker in einem sehr kritischen Buch öffentlich mit Barack Obama und seiner Regierung abgerechnet. Von wegen Säule! Eben ein echter Watschenbaum, der da in Washington umgefallen ist.

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Der Fukushima-Moment: Drei Anmerkungen zur öffentlichen Reaktion auf Japan

Von Anian Christoph Wimmer

Dieser Text bietet keine aktuellen Informationen zur Entwicklung der Lage der Atomkraftwerke in Japan. Dafür empfehle ich den Twitter-Stream der Internationalen Atomenergiebehörde. Zur Diskussion nach dem umstrittenen Artikel von Josef Oehmen “Warum ich wegen der japanischen Atomkraftwerke nicht besorgt bin” empfiehlt sich diese Seite der Kernphysik-Forscher des MIT.

1.) Das erfolgreiche Versagen der deutschen Medien. Diese Anmerkungen sind zum Fukushima-Moment, nicht zu Japan. Die historische Erdbebenkatastrophe in Japan ist von den deutschen Medien als

Plakat zur Mahnwache
Plakat zur Mahnwache

Nebenkriegsschauplatz identifiziert worden. Was zuerst empören mag, hat sich bewahrheitet: Die wichtigste Geschichte ist die Atomkraft. Nicht das Leid, die Vermissten, die Nachbeben; vielleicht auch die immer noch nicht erzählte positive Geschichte, wie Millionen Menschen durch unglaublich gut gebaute Gebäude ein solches Beben überleben konnten. Wichtig, ja. Die wichtigste Geschichte? Nein. Dies ist jedoch kein Versagen der deutschen Medien, oder zumindest ein “erfolgreiches Versagen”.  Sie moderieren die digitale deutsche Öffentlichkeit: Den Hauptdiskurs, und der ist natürlich die Atomkraft als urdeutsches  Phänomen, an dem sich die gesamte politische Geschichte der Bundesrepublik schreiben liesse. Das bedeutet erstens, die Funktion der Medien ist die Steuerung des nationalen Diskurses, so es denn einen gibt. Es bedeutet zweitens aber auch, dass die deutschen Medien nicht mehr das leisten, was der Journalismus ursprünglich geleistet hat: Als erster zu informieren. Wer wissen will, was in Japan passiert, kann gleich zur IAEA gehen. Wer klug ist, tut es auch.

2.) Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kennen (schon wieder!). Das erfolgreiche Versagen der Medien bedeutet wie gesagt, dass Informationen nicht mehr zuerst von Journalisten öffentlich verfügbar sind. Das haben wir  schon an der “Facebook-Revolution” in Ägypten gesehen. Für den deutschen Sprachraum wird es aber zur Realität durch die Geschichte dieses Textes von Josef Oehmen, “Warum ich wegen der japanischen Kernkraftwerke nicht besorgt bin“:  der Brief “ist eine Übersetzung des englischen Artikels von Dr. Josef Oehmen (…), der am 13.3. meistgetweetete Artikel des Webs”, wie der deutsche Übersetzer und Blogger schreibt. Von Journalisten ist keine Spur. Als Journalist bin ich versucht, hinzuzufügen: Zum Glück. Der Journalismus ist tot. Lang lebe der Journalismus.

3.) Der Versager-Erfolg der politischen Reaktion. Die politische Reaktion  in Deutschland ist ein Versager-Erfolg. Kein Pyrrhus-Sieg, wohlgemerkt, sondern ein Sieg durch ein Versagen. Das absurd anmutende “Moratorium auf die Laufzeitverlängerung”, das aus dem Bauch heraus (also aus Angst – vor der Abwahl?) verkündete Abschalten der Kraftwerke, ist ein Meisterstück politischer Kommunikation, freilich ohne rationell begründete Basis. Die braucht es auch nicht. Warum? Der Fukushima-Moment  ist eine Reaktion, die der Bevölkerungsreaktion entspricht und selbst nicht rationell gefasst ist. Leider gibt es (noch) kein Wort dafür – aber es ist eine Art Instinkt-Reaktion und beweist wieder einmal, warum Angela Merkel an der Macht ist: Sie hat, was Amerikaner den “gut instinct” nennen, und in China als wu wei bezeichnet wird.

Es fehlt eine ganze Wortkategorie. Ein Sammelbegriff für Worte, die direkt Urängste auslösen; auf Knopfdruck mit garanierter Reaktion. Man könnte diese in ihrer Kombination mit der instinktiven (politischen) Reaktion den Fukushima-Moment nennen. Die Panik ist als anthropologische Konstante ebenso bekannt wie als Massenphänomen in Koppelung mit ihrer kleinen Schwester, der Hysterie. Aber was ein Wort wie “Atom-GAU”, Tschernobyl, und nun Fukushima auslöst, verdient in den Handbüchern für politische Strategie und Public Affairs einen eigenen Eintrag, und eine neue Begriffskategorie.

Guttenberg 2.0: Mehr als nur eine Wiederauferstehung per Facebook

Von Anian Christoph Wimmer

“Guttenberg 2.0” ist nur eine Frage der Zeit. Der einzige, der die digitale Wiederauferstehung von Karl-Theodor zu Guttenberg als Politiker wirklich verhindern kann, ist Karl-Theodor zu Guttenberg selbst. Warum dies so ist, und wie es weiter geht: Das sind jetzt schon die wichtigen Fragen für Politiker, PR- und Public-Affairs-Strategen.

Das “Junge Deutschland” hat einen Nachruf publiziert. Dabei erlebt Karl-Theodor zu Guttenberg ja bereits eine digitale Renaissance. Wir wollen ihn zurück, sagen am heutigen Freitagmorgen 525,000 Menschen auf Facebook. Eine halbe Million: Das ist so frappierend für manche, dass narzisstische junge Twitterer an der Gesellschaft verzweifeln, auf Blogs absurde Verschwörungstheorien kursieren (“die Zahl ist gefakt! Beweis: DSDS hatte weniger Fans!”); und Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht ebenso wie CSU-Chef Horst Seehofer bereits von Guttenbergs politischer Zukunft.

Die Frage ist für mich nicht, wieso Guttenberg wiederkommt. Das ist so unumstößlich wie der Rücktritt unvermeidlich war. Wiederauferstehen, das wird er: Der Mann personifiziert in gewisser Hinsicht die politische Zukunft des Konservativismus in Deutschland (Chancen, Risiken, Optionen) – auch und gerade deshalb polarisiert er so. Sein größtes Manko freilich wird er ablegen müssen: die katastrophale politische Kommunikation, die seinem Rücktritt voranging, und die noch zu einem Prüfstein für die Zukunft der konservativen politischen Kommunikation werden sollte.

Deshalb ist es paradoxerweise Guttenberg selbst, der noch am ehesten seine wundersame Wiederauferstehung per Facebook verhindern  kann: Erstens, indem er sich entscheidet, aus der Bundespolitik zu verschwinden. Oder zweitens, indem er seine Glaubwürdigkeit wieder durch unverantwortliches Handeln zerstört. Wie er diese Glaubwürdigkeit allgemein im Zeitalter von Social Media gewinnen kann, habe ich ja bereits grob dargelegt.

Wie geht es nun weiter? Wenn er (und seine Berater in der CSU) klug sind, dann mit einem Akt der Reue und Läuterung – und zwar nicht nur mit innovativer Social Media-Begleitung. Guttenberg braucht das, was man im Englischen den “Come to Jesus-Moment” nennt.

Barack Obama hat bereits 2009 mit mäßigem Erfolg das Crowdsourcing, das Sammeln von Ideen und Meinungen zu politischen Zwecken, versucht. Auf den bayerischen Lazarus, Karl-Theodor zu Guttenberg, warten hunderttausende Menschen, die nur all zu gerne an seiner digitalen wie politischen Wiederauferstehung teilnehmen würden. Er hat Barack Obama etwas voraus, was der US-amerikanische Präsident auch einmal hatte: Die Aura des personifizierten Versprechens – und etwas, was Barack Obama (noch?) fehlt: die Chance, die Geschichte vom verlorenen Sohn mit dem Beigeschmack einer Tragik zu erzählen. Genauer: Der  aus dem tiefen Fall geläutert hervorgegangene Sohn der Republik, der auf den Schwingen von Social Media, getragen von Volkes Wohlwollen und Vergebung, stürmt die Bastille der Berufspolitiker und linker Hegemonialisten.

Oder so ähnlich. Wie die Katharsis funktioniert, ist jedenfalls klar. Und das Ziel kann gerne ehrgeizig sein. Dem Strategieberater von Guttenbergs muss eigentlich folgendes Endziel gesteckt werden: Mach in zum Bildungsminister, und dann zum ersten Facebook-Kanzler der Bundesrepublik.

Der Begriff “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” gehört abgeschafft.

Von Anian Christoph Wimmer

“Das Understatement des Jahrhunderts” hat Hannah Arendt es genannt. Karl Jaspers hat sich dagegen angeblich gewehrt. Und wirklich, es spottet jeder Beschreibung. Aber die geschätzten Kollegen der ARD begehen diese Untat genau so wie zahllose Journalisten, Juristen und andere. Darum will ich es kurz machen:

Der Begriff “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” gehört abgeschafft.

Er ist eine peinliche Fehlübersetzung des englischen Begriffs “humanity”, bzw. des französischen Wortes “l’humanité”. Im Englischen müsste es sonst heissen “Crimes Against Humaneness”. Und kommt mir nicht mit der Haager Landordnung. Hier hat offensichtlich jemand schlecht Englisch bzw. Französisch gekonnt und in den 1940ern den Begriff falsch übersetzt. Fehler, die massenhaft nachgeäfft werden, sind immer noch falsch und werden dadurch nicht richtiger.

Es sind Verbrechen gegen die Menschheit, von denen die Rede ist. Nicht gegen die Menschlichkeit. Der Unterschied ist kategorisch. Wer begrifflich so schlampt, als Kulturnation, der hat entweder einen an der Klatsche oder ist gar keine (Kulturnation). Deutschland ist es aber, und die deutsche Sprache einer der präzisesten (und wie ich finde: schönsten) die es gibt.

Ich gebe zu, ich habe eine dreifache “Deformation”, die mich besonders sensibel macht: Zweisprachig aufgewachsen, habe ich jahrelang tagtäglich als Nachrichtenredakteur englischsprachige Stories und Begriffe in zuverlässiges Deutsch übersetzt. Und dann als Deutscher an einer englischsprachigen “Elite-Uni” Philosophie studiert, wo in der angelsächsischen Analytischen Tradition Sprachspiele getrieben wurden.

Aber hier geht es nicht um persönliche Vorlieben oder verfehlte Korinthenkackerei. Es ist nicht einmal das “Understatement” eines Jahrhunderts. Es ist falsch übersetzt, das muss jeder wissen. Und wer wegschaut ist ein Sprach-Appeaser und begeht ein moralisches und sprachliches Verbrechen. Wie Twitter-Kollege Alexander Rossner treffend zusammenfasste: “Pleonasmus und Euphemismus zugleich.”

Menschlichkeit, als “humanitas” verstanden, begreift nicht eine Zivilbevölkerung oder Gruppe von Menschen; er begreift eine abstrakte Idee. Mehr noch: in seiner Abstraktion umfasst er immer auch das Unwürdige, das schlechte Verhalten, das eben genau so “menschlich” ist, wie “gutes Verhalten”. Man kann natürlich unmenschlich handeln, z.B. die Würde eines Menschen verletzen. Aber dessen werden Menschen, die Verbrechen gegen die Menschheit begehen, nicht angeklagt. Im § 7 des VStGB sind ganz andere Tatbestände beschrieben, und zwar Taten gegen Menschen. Aber dennoch steht auf dem Dokument “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” darübergeschrieben.

Das ist, mit Verlaub, in diesem Kontext – und vor allem im deutschen – grob fahrlässiger, unmenschlicher Blödsinn, und zudem verdammt peinlich. Dagegen ist eine Verwechslung von “Mord” mit “fahrlässiger Tötung” noch verständlich, aber auch nicht entschuldbar.

Der Begriff “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” gehört abgeschafft. Es sind “Verbrechen gegen die Menschheit”. Klar und simpel.

„Das den Nürnberger Prozessen zugrunde liegende Londoner Statut hat […] die ‚Verbrechen gegen die Menschheit‘ als ‚unmenschliche Handlungen‘ definiert, woraus dann in der deutschen Übersetzung die bekannten ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ geworden sind; als hätten es die Nazis lediglich an ‚Menschlichkeit‘ fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten, wahrhaftig das Understatement des Jahrhunderts.

Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem, Ausg. 2004, S. 399 – Mehr dazu hier.

Die Tragik des Karl-Theodor zu Guttenberg, oder: 4 altbewährte Regeln für Digital Public Affairs

von Anian Christoph Wimmer

Heute hat Karl-Theodor zu Guttenberg kapituliert. Der bayerische Baron ist vom Amt des Verteidigungsministers zurückgetreten. In Augen aller Beobachter nicht unerheblich dabei war die Rolle von GuttenPlag Wiki. Hier wurde kollektiv und öffentlich die Dissertation des CSU-Politikers zerpflückt und analysiert. So wurde das Ausmass des Plagiats schneller bekannt, als der immer noch beliebte Minister zurückrudern konnte.

Vielleicht müßte die Geschichte “der Fall GuttenPlag” heißen, nicht “der Fall Guttenberg”. (Ganz zu schweigen von dem unsäglich piefigen Begriffsgeschwulst “Causa Guttenberg”.) Denn erstens hat  Guttenbergs Versagen mit seinem Rücktritt kein Ende gefunden: Bis zum Schluss konnte sich der 39jährige nicht durchringen, ein klärendes Wort über das Fiasko zu sprechen, und wie es dazu kommen konnte. Und zweitens, was viele Beobachter noch nicht realisieren: Die eigentlich interessante Konsequenz des Falls ist der neue, höhere Anspruch an die Moral und die Werte unserer Politiker – und damit auch an unsere Gesellschaft.

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