Warum CNA Deutsch keinen Jahresrückblick bringt

Das Ritual des Jahresrückblicks gehört zum Presse-Geschäft wie die Kaffee-Tasse neben der Tastatur. Für das Jahr 2016 wird es aber keinen Jahresrückblick geben, zumindest nicht bei CNA Deutsch.

Einmal, weil vieles an diesem Jahr gar nicht schnell genug wieder vergessen werden kann.

Zweitens, weil die schiere Aneinanderreihung chronologischer Ereignisse diesen schlecht gerecht werden kann, und ein Zerrbild produziert, das Übersichtlichkeit suggeriert wo keine mehr herrscht. Und Verwirrung ist eines der Grundprobleme dieser Tage, die gelöst werden müssen, statt sie befeuern, und das nicht nur in der katholischen Kirche.

Drittens mag ein persönlicher Jahresrückblick nützlich sein; als private Reflektion, im Gebet mit Gott vor allem, sogar anregend – aber das ist nicht Aufgabe des Journalismus, und etwaige Hilfestellungen mit Bilderstrecken leisten im 21. Jahrhundert längst die Sozialen Medien besser, weil schöner und persönlicher.

Vor allem aber veröffentlichen wir bei CNA Deutsch keinen Jahresrückblick, weil der diesem zugrunde liegende Anspruch auf den Prüfstand gehört: Die Rolle des Journalismus, und wie Journalisten und Medien diese erfüllen. Wie gut, aber auch wie schlecht wir – ich nehme mich bewusst hier in erster Person als Chefredakteur von CNA Deutsch hinein – unsere Funktion erfüllen.

Was die Arbeit der Presse betrifft, so begann das vergangene Jahr mit einem Offenbarungseid: Das verstörende Versagen mehrerer wichtiger Medien, über die Verbrechen der Silvesternacht auch nur annähernd adäquat zu berichten. Von den zugrunde liegenden Faktoren, die zu benennen, analysieren und fair darzustellen wären, ganz zu schweigen. Ist es seither besser geworden? Leider nicht nur.

Was die Politik und Gesellschaft betrifft, über welche wir als Presse berichten sollten, verlief dieses Jahr mit alarmierenden Versuchen, der Rede- und Meinungsfreiheit Knebel anzulegen, die von manchen Medien unterstützt wurden – statt nüchtern zu berichten, was da geschieht, und es einzuordnen.

Was schließlich die (nicht nur für eine katholische Nachrichtenagentur wie CNA!) wichtigste Institution betrifft – die Braut Christi – so steht die Presse generell, und die konfessionelle besonders, vor der Herausforderung, dass wohl die meisten Menschen zwar ein Bild von der Kirche haben, ja, sogar eine dezidierte Meinung darüber. Aber eine sehr schlecht, oft falsch, informierte. Warum? Weil es an Fakten, an Information und Einordnung fehlt, die in Zeiten rasanter Schrumpfung der einfachsten Grundaspekte des Glaubens umso dringender notwendig wären.

Erzbischof Fulton Sheen hat einmal gesagt:

“Es gibt keine hundert Menschen in den Vereinigten Staaten, welche die Katholische Kirche hassen, aber es gibt Millionen, die hassen, was sie fälschlicherweise für die Katholische Kirche halten”.

Dieses Grundproblem besteht heute mehr denn je im deutschsprachigen Raum – wo Menschen mit “Kirche” eine Art bürokratischen Apparat meinen, nicht sich selber, geschweige denn die ecclesia militans. Und auch deshalb bedarf es einer starken katholischen Presse mehr denn je.

Kaum ein Tag vergeht, wo nicht nur am digitalen Stammtisch Falschheiten über die Kirche zu lesen sind, was verständlich ist, sondern diese auch – was inakzeptabel ist – zu hören sind in politischen Sitzungen, Business-Meetings und akademischen Seminaren, Klassen- und Lehrerzimmern, und eben leider auch und gerade der Presse, die für sich den Anspruch der Deutungshoheit erhebt.

Wenige wissen genug über die Kirche und den Glauben, um sich eine eigene Meinung zu bilden, auch unter getauften Katholiken. Was sie nicht davon abhält, eine zu haben.

Dass es einer großen Katechese und anhand der Sakramente gelebten Umkehr bedarf, um dies zum Guten zu ändern: Das ist Anliegen und Aufgabe aller Katholiken, vom Papst bis zur “ganz normalen” Kirchgängerin.

Darüber zu berichten und dies zu erklären, es einzuordnen und damit zu unterhalten ist Aufgabe katholischer Medien – und nach diesem Jahr 2016 wissen wir: Nächstes Jahr brauchen wir, braucht die Welt wie die Kirche, dies mehr denn je.

Ich hoffe, dass die noch junge deutsche Ausgabe von CNA dabei wieder einen wesentlichen und wachsenden Beitrag spielt – mit Gottes Segen – und dass wir nach diesem schwierigen Jahr alle gemeinsam ein Weihnachtsfest feiern können, dass zum Kind in der Krippe blickt, und mit der uns Christen eigenen Hoffnung und Zuversicht aufs kommende Jahr. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und allen Leserinnen und Lesern von CNA: Frohe Weihnachten!

(Ursprünglich erschienen auf http://www.CNAdeutsch.de)

Die Vergangenheit ist nicht, was sie einmal war” – G. K. Chesterton (Foto: Bohemidan via Pixabay)

Das Ende der Apathie im Umgang mit dem Islam

CC-Image by Sander van der Wal via Wikimedia Commons
CC-Image by Sander van der Wal via Wikimedia Commons

Die Terroristen und die Populisten haben eines gemeinsam – Sie wollen einen Keil treiben zwischen Europas Muslime und die Mehrheitsgesellschaften, in denen sie leben. Dagegen müssen wir alle etwas tun, meint unser Kolumnist. Besonders wir Christen.  

Zuerst einmal ein paar Tatsachen: Der Anschlag am Mittwoch dieser Woche auf die Redakteure, Karikaturisten und Autoren bei Charlie Hebdo ist nur der jüngste Gewaltakt einer ganzen Reihe gegen die Meinungsfreiheit – und die Freiheit, religiöse Gefühle zu verletzen. (Auch meine: Charlie Hebdo hat einige “Cartoons” unseres Herrn und Erlösers veröffentlicht, die ich nach wie vor zutiefst verletzend und beleidigend finde.)

Tödliche Anschläge und Gewaltakte von Menschen, die sich auf den Islam berufen (nennen wir sie der Präzision und Einfachheit zuliebe militante Muslime) gegen Künstler, Satiriker, Journalisten sind nichts neues: Wir kennen das seit über 25 Jahren. Von der “Fatwa” gegen Salman Rushdie über die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh bis hin zu den Mohammed-Karikaturen der dänischen Jyllands-Posten: In all diesen Fällen haben militante Muslime die Meinungs- und Pressefreiheit mit mörderischer Aggression ins Visier genommen.

Fakt ist auch: Die Anschläge auf diese Grundfreiheiten sind Teil eines weiteren Kontextes. Es herrscht eine Atmosphäre der eskalierenden Aggression, die jederzeit in Gewalt und Terror-Akte umschlagen kann. Dabei kann es sich um Einzeltaten oder “kleinere” Angriffe handeln, wie etwa der Anschlag mit einem Kleinbus auf Einkäufer in Nantes jetzt an Weihnachten. Dabei kann es aber auch um eine systematisch geplante Kommando-Attacke gehen. Das Blutbad in Paris ist der zweite solche Angriff innerhalb von zwölf Monaten, der einen gezielten militärischen Gewaltakt gegen Zivilisten darstellt: Im Mai eröffnete ein französischer militanter Muslim in einer ähnlichen Aktion das Feuer im Jüdischen Museum in Brüssel. Vier Menschen starben. Im Jahr 2012 ermordete ein anderer Franzose drei Soldaten und vier Schulkinder sowie deren Lehrkraft in Toulouse und Montauban. Auch in Deutschland, Großbritannien und anderen Ländern wurden Menschen von militanten Muslimen unvermittelt angegriffen, niedergemetzelt, erschossen. Von diversen geplanten – und Gottseidank nur selten erfolgreichen – Bombenanschlägen ganz zu schweigen.

 Wie gesagt, dies sind erst einmal Tatsachen. Wer sie verschweigen, schönreden, verbiegen oder verwässern möchte, selbst wenn es aus gut gemeinter Absicht wäre, der leistet der Demokratie, dem Frieden, der Pressefreiheit und unserer Gesellschaft insgesamt einen Bärendienst. Auch und gerade die Millionen friedlicher Muslime, die unter uns in Deutschland und ganz Europa leben, verdienen und brauchen eine freiheitliche und funktionierende Presse, frei von Selbstzensur, didaktischen Aussparungen und verkrampft gekrümmten Zeigefingern.
Wir, die (christlichen, muslimischen, jüdischen, säkularen) Menschen in den westlichen Gesellschaften (wie übrigens auch viele andere, asiatische und afrikanische etwa!) haben alle ein Problem mit Gewalt und Terror der militanten Muslime. Darüber müssen wir offen reden, um uns zu schützen, stärken und gemeinsam handlungsfähig zu machen. Das bedeutet für uns Christen – und für mich als Chefredakteur einer konfessionellen Zeitung – dass wir auch und gerade auf unsere muslimischen Nachbarn zugehen müssen. Dabei geht es nicht nur darum, sich solidarisch zu zeigen. Es geht auch darum, ein paar ernste Worte zu sprechen über die Unterschiede unter uns und gemeinsam dann zu handeln. Etwa der Frage nachzugehen, warum Salafisten überhaupt für junge Muslime (egal ob Konvertiten oder Türkisch-Deutsche der dritten Generation) attraktiv sind.
Ich habe diese Fragen dem Imam der Penzberger Moschee und Vorsitzenden des Münchner Forums für Islam gestellt und als Interview in der Kirchenzeitung abgedruckt. Bejamin Idriz gibt offen zu, dass die normalen Muslime, auch die Imame, in einer Hinsicht, so wörtlich, “versagt” haben: Es sei ihnen nicht gelungen, die Jugendarbeit zu leisten, die eine Radikalisierung uninteressant, wenn nicht gar unmöglich gemacht hätte. Wohlgemerkt: Der Imam gab mir dieses Interview noch vor den Pariser Morden, zu dem er auch schnell klar stellte, dass Terrorismus die schlimmste Form der Gotteslästerung sei.
Aber so wichtig diese Einsichten sind: Wir haben bisher alle noch nicht genug getan. Damit schließe ich mich persönlich ein. Edmund Burke wird folgender Satz zugeschrieben: Damit das Böse triumphiert genügt es, dass gute Menschen nichts tun. Dass der militante Islam eine Form des Bösen ist, gegen die wir etwas tun müssen, liegt auf der Hand. Positive Anfänge, Ausnahmen und Ansätze gibt es genug, gerade bei uns in Bayern. Da sind die Freunde Abrahams mit ihrem rührigen Vorsitzenden, Stefan Jakob Wimmer. Da ist das Erzbischöfliche Ordinariat in München, wo eine eigene Fachstelle, besetzt durch den hervorragenden Andreas Renz, einzelnen Betroffenen genauso hilft wie sie den interreligiösen Dialog insgesamt vorantreibt, zusammen mit Einrichtungen wie IDIZEM und anderen.
Die Terroristen und die Populisten haben eines gemeinsam: Sie wollen einen Keil treiben zwischen Muslime und die Mehrheitsgesellschaften, in denen sie leben. Die Apathie ist der Handlanger solcher Absichten. Wenn wir nicht einfach betroffen schauen und auf eine weitere Eskalation warten wollen, dann können wir dies nur gemeinsam mit der friedlichen Mehrzahl der Muslime tun, ihren Vertretern, wie auch den anderen, vor allem staatlichen, Institutionen unserer freien und demokratischen Gesellschaft. Wir haben keine andere Wahl. Unsere Apathie im Umgang mit dem Islam muss ein Ende haben. Die darin versteckte, gepflegte Feigheit widert mich an – auch an mir selbst.
Zuerst erschienen am 9. Januar 2015 in der Kolumne “Wimmers Woche” auf den Münchner Kirchennachrichten.