„Google Circles“, Facebook 2.0 – oder Apple? Wer wird das soziale Netz sozialer machen?

Google Circles: Nur wenige haben es gesehen, aber Unternehmen und Medien, Twitter und Blogs spekulieren um die Wette, seit diesem Artikel auf ReadWriteWeb. Kommt es wirklich? Wann? Wie wird es aussehen, sich anfühlen, funktionieren, heissen? Wo und wie sieht eine Nische zwischen Twitter, Facebook und Co denn aus? Wohin die Reise geht – und warum Apple vielleicht der “lachende Dritte” sein könnte – erklärt Anian Christoph Wimmer.

(Update: Was Patrick Day unten fordert, kann angeblich Hibe.com)

Was soll die ganze Aufregung? Geht es hier um wirklich um eine mögliche Innovation, die das Netz umkrempeln kann, und damit auch die Art und Weise, wie wir damit leben? Ja  und Nein.

Ja, denn:

  1. Wenn jemand Facebook oder Twitter ernsthaft Konkurrenz machen kann, dann ist es Google – aber natürlich nur, wenn es sich differenziert: Und was kann Google besser als Facebook? Dank seiner vielen Dienste ist es für Google sehr leicht, Dienstleister für alle Schnittstellen zwischen unserem Alltag und dem Leben im Netz zu sein: Such-Maske, Email-Dienst, einem eigenen Betriebssystem für mobile Geräte,  Navigation, Bibliothek, und vieles mehr.
  2. Facebook versucht dies, für seine Kunden zu sein: Nachrichten, Fotos, Spiele, die vielen kleinen Programme – all dies schafft ein Biotop, in dem man sich schnell stundenlang tummeln kann. Extern kommt dazu das Angebot, sich im “restlichen” Netz über Facebook zu identifizieren, einzuloggen, und wieder darüber auszutauschen.
  3. Twitter ist wiederum dort, wo Google Buzz und das verworfene “Google Wave” sein woll(t)en. Aber für ein “Twitter 2.0” ist es im Augenblick noch zu früh – auch wenn die Integration über die Twitter-ID natürlich mit der von Facebook konkurriert.

Nein, denn:

  1. Das klingt alles komplizierter, als es ist. Wenn man den ganzen Jargon und die unwichtigen Details beiseite schiebt, wird klar, worum es eigentlich geht: Den Menschen.
  2. Genauer: Es geht darum, all diese Programme und Dienste so zu gestalten, dass sie so funktionieren, wie Menschen leben.
  3. Mit anderen Worten: Das soziale Netz wird endlich wirklich sozial. Das Netz wird als umgekrempelt, aber nicht unser Leben Das Netz wird umgekrempelt wie wir leben.

Wo dank dieser simplen, aber zentralen Einsicht die Reise hingeht, zeigt Patrick Days Präsentation. 

Die Quintessenz des Vortrags: Das Netz muss sich dem Menschen anpassen. Aber wie? Was sind die wichtigsten Aspekte?

  • Statt einem einzigen großen Haufen “Freunde” besteht das wirkliche soziale Umfeld eines Menschen aus etwa einem halben Dutzend unabhängiger Gruppen: Familie, Freunde aus der Schulzeit, Kollegen, Religionsgemeinschaft, Verein, Kommilitonen aus einer bestimmten Stadt, usw. Diese Gruppen sind kleiner als erwartet und bestehen meistens aus 2-10 Personen.
  • Wir wollen nicht unbedingt, dass die eine Gruppe (z.B. Eltern, Familie) liest, was wir mit der anderen Gruppe besprechen, teilen, austauschen. Diskretion und Privatsphäre sind im sozialen Netz aber z.Zt. nur schlecht austarierbar. Um dies zu lösen, müssen die verschiedenen Identitäten (Rollen), die jeder hat, online verfügbar und integrierbar sein.
  • Der enge Kreis persönlicher Freundschaften besteht aus Personen aus allen Gruppen und ist sehr klein. Dieser enge Kreis beeinflußt am stärksten das Kaufverhalten, Wahlverhalten und das gesamte Wertesystem eines Menschen.
  • Ausserhalb des engen Kreises gibt es einen größeren Kreis an Personen, mit denen wir weniger Kontakt haben – mehr als 150 Menschen sind es aber nur in Ausnahmefällen. Ausserhalb dieses Kreises wiederum kann man die zeitlich stark begrenzten Interaktionen und Kontakte verorten, die wir alle haben – auch mit Dienstleistern, Behörden, usw.

Wie und woher die Daten und Forschungsergebnisse für diese Einsichten zustande kamen, erklärt Day, der mittlerweile von Google zu Facebook gewechselt ist, übrigens auf seinem lesenswerten Blog.

Ja, und was ist jetzt nun mit Apple?

Der jüngere Erfolg von Apple war und ist – neben anderen Faktoren – immer bedingt durch a) die Einsicht, dass die Produktentwicklung vom Menschen und seiner Lebenswelt ausgehen muss und b) die geradlinige Konsequenz der Umsetzung dieser Regel als oberstes Prinzip der gesamten Wertschöpfungskette fungiert.

Dass dies als innovativ, ja radika innovativ, gesehen wird, sagt mehr über die Konkurrenz aus und deren allzu einseitige Betonung von EDV-, Betriebswirtschafts-, bzw. Ingenieursprinzipien als vielleicht Apple.Und natürlich kommt das entsprechende Design, Marketing und vieles mehr dazu. Aber:

  • Apple hat nicht den MP3-Player erfunden, sondern den iPod: Das einfachste und bequemste Modell, das dann auch am besten entwickelt und vermarktet wurde – auch wenn das manche Kritiker bestreiten werden.
  • Apple hat nicht das Mobiltelephon erfunden, aber das iPhone ist die beste Umsetzung der ersten Generation mobiler Geräte, die die Zukunft unseres Lebens online sind.
  • Apple hat nicht den Tablet-Rechner erfunden. Aber das iPad ist einfacher und bequemer zu bedienen, als alle Vorgänger zusammen.

In diesen Bereichen setzt Apple einen Standard, der sich immer daraus ableiten lässt, wie die beiden oben erwähnten Prinzipien umgesetzt werden.

Wo Apple dies schlecht getan hat, z.B. beim .Mac und heutigen .Me Service, muss es wiederum von Google und Co. lernen. Wenn es dies konsequent tut, besteht die Möglichkeit, dass Apple die Zukunft des sozialen Netzes schreiben wird. Nicht weil es die “Sozialisierung des sozialen Netzes” erfunden hat – sondern weil diese Sozialisierung genau das verlangt, was Apple gut kann.

LinkedIn legt die Latte höher: Droht Xing das Schicksal von StudiVZ?

Die Zeiten, in denen Xing ein “Business Tool” war und LinkedIn nur eine Online-Visitenkarte, sind vorbei. Stellt sich die Frage, wie es weitergeht nach den heutigem “LinkedIn Today Launch”, schreibt Anian Christoph Wimmer.

Die offizielle Verkündigung ist erst drei Stunden her. Die Reaktionen sind zwar nicht lautstark, aber  meist positiv: LinkedIn hat mehrere neue Dienste für seine Mitglieder offiziell eingeführt. Zusätzlich zu  “LinkedIn Signal“, eine Art Twitter-Integration, die das uferlose Gezwitscher filtert und bereinigt, kommt nun LinkedIn Today, ein cleveres Nachrichtenaggregat, dass die meistgelesenen Geschichten verschiedener Bereiche als “Zeitung” aufbereitet, und kostenlos zu “abonnieren” ist.

Naja,nicht ganz kostenlos: Natürlich muss man auf seiner LinkedIn Seite vorbeischauen. Und genau das ist natürlich der Sinn der Übung: Jeden Tag auf LinkedIn vorbeischauen, dort die Nachrichten konsumieren, mit Kollegen und Kontakten “netzwerken”, am eigenen Profil basteln, in den “Groups” mitreden, und alles auch, damit der nächste Kunde, der nächste Job auch ins Netz geht.

Das bringt Geld – und einen Vorteil vor der Konkurrenz, aber auch – potentiell – für den Nutzer.

Der “Vorteil für den Nutzer” ist auch schon absehbar am Erfolg von LinkedIn Signal: Weniger Müll, weniger Rauschen. Dafür mehr Qualität und eine bessere Auswahl. Nach dem Motto: Wenn Facebook der SpiegelOnline und Twitter die Bildzeitung der Sozialen Medien sind, dann will LinkedIn das Handelsblatt oder die FT Deutschland werden.

Nun hat das soziale Netzwerk für Berufstätige (und solche, die es werden wollen)  vor allem in Deutschland einen bekannten – und oft als für die “User” viel angenehmer zu verwendenden Konkurrenten: Xing. Mit seinen ca. 10 Millionen Mitgliedern ist Xing zahlenmäßig viel schwächer – LinkedIn hat über 90 Millionen. Doch andererseits ist Xing die Nummer 1 im deutschsprachigen Europa, und in vielerlei Hinsicht schon dort, wo LinkedIn mit seinen neuen Diensten hinmöchte: Zu einer aktiven Online-Gemeinde, die auch ausserhalb des Netzes gemeinsame Veranstaltungen kennt. Das Jahr 2010 war zudem das bisher beste in der Geschichte des Unternehmens.

Trotzdem ist die Frage offen, ob Xing das Schicksal von StudiVZ, das von Facebook vernichtet wurde, teilen wird. Der ernüchternde Blick auf einen Vergleich bei Alexa zeigt, warum:

Die blaue Linie ist die Zahl der täglichen Pageviews bei Xing; die rote die gleiche für LinkedIn. Ein Vergleich auf Google Trends bringt auch drastische Ergebnisse für Xing:

Klar doch: Der Konkurrenzdruck im Augenblick ist positiv, vor allem, was die Innovationen betrifft. Aber auf lange Sicht zukunftsfähig sind beide nur, wenn es eine Differenzierung gibt. Im Augenblick sind beide Dienste sich zu ähnlich – auch in der Erweiterungsstrategie – um langfristig ein Biotop für Xing zu rechtfertigen: Der Dienst braucht einen stärkeren Differenzierungspunkt; und zwar einen, den LinkedIn nicht streitig machen kann. Die relative Stärke für Xing im chinesischsprachigen Markt – zumindest laut Google Trends – ist da nur ein Trostpflaster.

Aber wie könnte diese Differenzierung aussehen? Wenn Facebook fürs Private ist, und LinkedIn fürs Professionelle, was ist dann Xing?

Guttenberg 2.0: Mehr als nur eine Wiederauferstehung per Facebook

Von Anian Christoph Wimmer

“Guttenberg 2.0” ist nur eine Frage der Zeit. Der einzige, der die digitale Wiederauferstehung von Karl-Theodor zu Guttenberg als Politiker wirklich verhindern kann, ist Karl-Theodor zu Guttenberg selbst. Warum dies so ist, und wie es weiter geht: Das sind jetzt schon die wichtigen Fragen für Politiker, PR- und Public-Affairs-Strategen.

Das “Junge Deutschland” hat einen Nachruf publiziert. Dabei erlebt Karl-Theodor zu Guttenberg ja bereits eine digitale Renaissance. Wir wollen ihn zurück, sagen am heutigen Freitagmorgen 525,000 Menschen auf Facebook. Eine halbe Million: Das ist so frappierend für manche, dass narzisstische junge Twitterer an der Gesellschaft verzweifeln, auf Blogs absurde Verschwörungstheorien kursieren (“die Zahl ist gefakt! Beweis: DSDS hatte weniger Fans!”); und Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht ebenso wie CSU-Chef Horst Seehofer bereits von Guttenbergs politischer Zukunft.

Die Frage ist für mich nicht, wieso Guttenberg wiederkommt. Das ist so unumstößlich wie der Rücktritt unvermeidlich war. Wiederauferstehen, das wird er: Der Mann personifiziert in gewisser Hinsicht die politische Zukunft des Konservativismus in Deutschland (Chancen, Risiken, Optionen) – auch und gerade deshalb polarisiert er so. Sein größtes Manko freilich wird er ablegen müssen: die katastrophale politische Kommunikation, die seinem Rücktritt voranging, und die noch zu einem Prüfstein für die Zukunft der konservativen politischen Kommunikation werden sollte.

Deshalb ist es paradoxerweise Guttenberg selbst, der noch am ehesten seine wundersame Wiederauferstehung per Facebook verhindern  kann: Erstens, indem er sich entscheidet, aus der Bundespolitik zu verschwinden. Oder zweitens, indem er seine Glaubwürdigkeit wieder durch unverantwortliches Handeln zerstört. Wie er diese Glaubwürdigkeit allgemein im Zeitalter von Social Media gewinnen kann, habe ich ja bereits grob dargelegt.

Wie geht es nun weiter? Wenn er (und seine Berater in der CSU) klug sind, dann mit einem Akt der Reue und Läuterung – und zwar nicht nur mit innovativer Social Media-Begleitung. Guttenberg braucht das, was man im Englischen den “Come to Jesus-Moment” nennt.

Barack Obama hat bereits 2009 mit mäßigem Erfolg das Crowdsourcing, das Sammeln von Ideen und Meinungen zu politischen Zwecken, versucht. Auf den bayerischen Lazarus, Karl-Theodor zu Guttenberg, warten hunderttausende Menschen, die nur all zu gerne an seiner digitalen wie politischen Wiederauferstehung teilnehmen würden. Er hat Barack Obama etwas voraus, was der US-amerikanische Präsident auch einmal hatte: Die Aura des personifizierten Versprechens – und etwas, was Barack Obama (noch?) fehlt: die Chance, die Geschichte vom verlorenen Sohn mit dem Beigeschmack einer Tragik zu erzählen. Genauer: Der  aus dem tiefen Fall geläutert hervorgegangene Sohn der Republik, der auf den Schwingen von Social Media, getragen von Volkes Wohlwollen und Vergebung, stürmt die Bastille der Berufspolitiker und linker Hegemonialisten.

Oder so ähnlich. Wie die Katharsis funktioniert, ist jedenfalls klar. Und das Ziel kann gerne ehrgeizig sein. Dem Strategieberater von Guttenbergs muss eigentlich folgendes Endziel gesteckt werden: Mach in zum Bildungsminister, und dann zum ersten Facebook-Kanzler der Bundesrepublik.