Drei Dinge, die wir von Papst Franziskus in seinem dritten Jahr erwarten können

Papa Rock Star: Seine Populariät ist zweischneidig
Papa Rock Star: Seine mediale Populariät ist zweischneidig, aber nicht seine päpstliche Präsenz auf dem Petersplatz. (Foto: Edgar Jimenez – CC/Wikimedia )

Wäre Franziskus ein Bundeskanzler (der Vergleich ist seit Benedikt XVI. Rücktritt etwas weniger schräg, oder?), dann wäre er jetzt in der zweiten Hälfte seiner ersten Legislaturperiode angekommen. Es ist eine kritische Phase. In der Tat könnte das dritte Jahr sein wichtigstes werden. Auch, weil er selber schon davon gesprochen hat, nicht mehr lange im Amt zu bleiben. Er habe “ein Gefühl”, dass seine Zeit als Papst auf vier oder fünf Jahre begrenzt sei, sagte er im mexikanischen Fernsehen. Und: Im dritten Jahr werden hohe Erwartungen auf konkrete Entscheidungen (auch eine Nicht-Entscheidung wäre sehr konkret!) treffen müssen; und bei aller Unberechenbarkeit des Pontifex gibt es doch einige Dinge, die wir von Papst Franziskus bis März 2016 erwarten können. Hier sind meine drei Thesen:

Erstens: Er beendet das oberflächliche “Papa Rock Star”-Phänomen

Mit Zustimmungsraten über 80 oder 90 Prozent in vielen Nationen dieser Erde erfreut sich Papst Franziskus einer beispiellosen Popularität. Das Phänomen ist erst einmal sehr erfreulich und – finde ich – auch sehr nachvollziehbar. Es ist aber, genauer betrachtet, zutiefst ambivalent: Einerseits hat diese weltweite Beliebtheit von Franziskus dafür gesorgt, dass er die vernehmbarste Stimme in Glaubenssachen weltweit geworden ist (auch wenn viele Menschen nicht viel davon vernehmen, was er sagt). Vielen Menschen, Katholiken wie Nicht-Katholiken, hat das Phänomen geholfen, eigene (oder von anderen aufgeschnappte!)  Vorurteile und Klischees über den Katholizismus auszuräumen. Andererseits ruht diese Beliebtheit gerade dort, wo sie besonder hoch ist – in westlichen Ländern wie Deutschland und den USA – selten darauf, was er wirklich predigt. Oder nur auf Zitat-Fetzen bzw. spezielle Passagen, die selten seine Worte über den Teufel, Demütigung und Märtyrer enthalten. Populär ist etwa Franziskus’ scharfe Kritik an der eigenen Kurie und Kirchenmännern. (Wobei sich die Frage stellt, ob Franziskus im eigenen Vatikan-Staat die gleichen positiven Umfrage-Werte erzielen würde, wie er etwa bei uns erzielt). Gerade diese oberflächliche oder selektive Popularität irritiert wichtige Minderheiten innerhalb der weltweiten Kirche. Viele praktizierende Katholiken etwa, insbesondere traditionalistisch orientierte, sehen in der säkularen Welt eine Ausdruck der feindlichen, säkularen Weltlichkeit (ich sehe das nicht so, aber sei’s drum). Und die Beliebtheit des Papstes in der zutiefst weltlichen Öffentlichkeit ist ihnen zutiefst suspekt. Manche Beobachter spekulieren darauf, dass Franziskus eine Art “Obama-Effekt” erleben könnte: Zuerst völlig überdrehter, ja, in Zügen hysterischer, Enthusiasmus, dann die zunehmende, und zunehmend bittere, Enttäuschung gepaart mit abstürzenden Populariätswerten. Persönlich sehe ich dieses Risiko nicht. Zwar erwarte ich ein Ende des “Papa Rock Star”-Phänomens, das ungefähr so intelligent und sinnvoll ist wie das Kultivieren einer heftigen Antipathie gegen Papst Benedikt XVI. (die Hollywood-Schauspielerin Susan Sarandon brachte dieses auf den Punkt als sie Papst Benedikt einen “Nazi” nannte). Aber gerade weil beide Phänomene zwei Seiten der gleichen Medaille sind, nämlich des ambivalenten Verhältnisses eines säkularen Zeitalters zum irdischen Oberhaupt der katholischen Kirche, greift aus meiner Sicht der Vergleich mit Obama nicht nur zu kurz, sondern ist selber Ausdruck der Oberflächlichkeit, mit der die Figur des Heiligen Vaters in der weltlichen Öffentlichkeit verhandelt wird. Das Ende des “Rock Star”-Phänomens wird sowohl weniger spektakulär sein als in der Causa Obama, aber andererseits auch langfristig viel spektakulärer: Es läuft auf eine klärende Ernüchterung hinaus, die hoffentlich auch eine Versachlichung mit sich bringt, wenn es um die öffentliche Beschreibung katholischer Themen und Personen geht. Es wäre zu wünschen, denn sie ermöglicht die Evangelisierung (siehe Punkt 3).

 

Zweitens: Er schenkt uns eine Antwort zur Frage der Kommunion für geschiedene Wiederverheiratete

Ein Katalysator der Ernüchterung wird die Familiensynode sein. Wie der alte Vatikan-Beobachter John L. Allen treffend schreibt, gibt es für Papst Franziskus im Zuge der Familiensynode nur drei mögliche Antworten auf die aus Sicht vieler (aber nicht aller!) Beobachter zentralen Frage, die verhandelt werden soll: Ob Menschen, die sich scheiden haben lassen und dann staatlich wieder geheiratet haben, zur Kommunion zugelassen werden sollten. Wie wird Franziskus entscheiden? Der Journalist Allen sieht drei Möglichkeiten:

1. Er sagt “Ja”.

2. Er sagt “Nein”.

3. Er vertagt die Entscheidung.

Meine Vermutung, welche Antwort bzw. wie er die Antwort formuliert, führt mich zum dritten und letzten Punkt. Zuvor aber eine persönliche Einschätzung: Es droht hier, bei diesem Thema, ein “Humanae Vitae”-Moment, der ein hohes Risiko darstellt.

 

Drittens: Er evangelisiert die Kirche (und ihre Mitglieder)

Das ist nicht nur meine spekulativste Antwort zur Frage, was wir von Papst Franziskus bis März 2016 erwarten können. Es is auch die am leichtesten missverstandene. Was meine ich mit “Evangelisierung”? Keine Protestantisierung natürlich. Und auch keine Evangelikalisierung, obwohl Elemente davon enthalten sind, wie sie etwa Allen und George Weigels gleichnamiges Buch beschreiben, oder etwa prägnant auf dem Blog “Zeit zu Beten” zu lesen sind. Die Evangelisierung, beschrieben als Regierungsprogramm in Evangelii Gaudium, ist das Kernanliegen des Papstes. Es durchkreuzt (sic) die spalterischen Etikettierungen zwischen “liberalen”, “progressiven”, “konservativen”, “restaurativen” Katholiken. Der Heilige Vater, erfahrener Hirte und Bischof von Buenos Aires, lebt uns diese Evangelisierung handfest vor:

  • Durch seine unmittelbare Nähe zu den Armen und Entrechteten, den vielzitierten “Rändern” der Gesellschaft
  • Durch sein robustes Vorgehen gegen Klerikalismus (auch unter Laien, liebe deutsche Strukturen!), gegen Privilegiendenken und ideologische Verhärtungen
  • Durch seine missionarische Freude über die Verkündigung der Frohen Botschaft

Franziskus könnte es so im dritten Jahr gelingen, uns (die “ecclesia militans”) alle auf den gemeinsamen Nenner des Evangeliums zurück zu bringen (und damit natürlich auf unseren Erlöser, Jesus Christus). Dabei bleiben Konzeptionen, Distinktionen und Verkrampfungen zurück, die nicht mehr weiter helfen. Unter dem Begriff der Barmherzigkeit werden diese scheinbaren Widerstände sich durch die Evangelisierung auflösen. Wie? Es ist das Alleinstellungsmerkmal des Christentums, auch im Vergleich zum Islam und Judentum, über ein rein legalistisches Verhältnis zum unnahbaren Gott hinaus zu gehen. Dort findet zwar keine Aufhebung eines Verbots statt (auch wenn sich manche Memorandenschreiber das wünschen), aber wohl ist eine Sublimation des Verbotes möglich in der persönlichen Beziehung zum Erlöser. Diese geht nur durch den Weg der Demütigung, den Franziskus in seiner Palmsonntagspredigt deutlich beschrieben und angemahnt hat. Klingt verquast? Ist es nicht.

 

Fazit

Wer bis jetzt gelesen hat, wird es schon gemerkt haben: Diese drei Dinge, die wir von Papst Franziskus heuer erwarten können, sind integrale Bestandteile des gleichen Programms. Dazu gehören etwa auch seine klaren Aussagen darüber, womit Schluss sein sollte:

  • Schluss mit langweiligen, lauwarmen Predigten
  • Schluss mit Weltlichkeit
  • Schluss mit Selbstbeschäftigung

Was die oben definierte Ernüchterung eben ausmacht: Das Programm von Franziskus ist weit jenseits der Lebenswelt der meisten Katholiken, aber gleichzeitig für die meisten Katholiken interessant personifiziert im Papst, der damit persönlich alle Christen, besonders natürlich uns Katholiken einlädt, mitzumachen und auffordert, mitzukommen.

Das ist auch die ganz konkrete Antwort auf die Frage nach einer Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion: Kein “Ja” oder “Nein” im Sinne einer “Erlaubnis”! Ein solches legalistisches, oder kasuistisches Antworten verrät eine zu kurz gedachte Fragestellung:  Vielmehr geht es darum, das Verständnis der Kommunion als Ausdruck der Barmherzigkeit Gottes zu erreichen. Wer das erreicht hat, der wird wissen, dass diese Entscheidung nicht eine doktrinäre ist, und auch keine pastorale. Letzten Endes ist es für jeden Christen eine Frage des persönlichen Verhältnisses zu Gott und der Rolle des Sakraments der Eucharistie. Dies zu verstehen und leben ist das Anliegen von Franziskus auch für uns.

PS: Ja, wir können auch eine Umwelt-Enzyklika erwarten. Aber das wussten wir eh alle schon, oder?

 

 

Das vermessene Selbst (Vorfreude auf ein tragbares katholisches Internet)

Diese Woche habe ich eine seelische Spontan-Amputation erlitten. Beim Einstieg in den Zug prallte meine Tasche so unglücklich im Gedrängel an eine Stahlstange, dass die gläserne Oberfläche des Tablet-Computers in seiner Hülle splitterte. Wie bitte? Der kaputte iPad soll eine seelische Spontan-Amputation verursacht haben? Nein, natürlich nicht.

Es war noch viel schlimmer.

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Empörium Germanicum

Wann wurden Sie das letzte Mal mit Hitler verglichen?

Weniges bringt den Menschen in hochentwickelten Ländern bekanntlich näher an den Abgrund der existenziellen Verzweiflung als das Niveau von Internet-Diskussionen. Neben der überall lauernden Pornographisierung ist das Niveau von Kommentaren, Foren und Diskussionen online ein täglicher Beweis dafür, dass das Böse wirklich existiert. Oder zumindest: das Blöde. In der anglophonen Welt wird dieser Umstand treffend mit dem Godwinschen Gesetz beschrieben. Der Anwalt und Autor Mike Godwin hat es nämlich auf den Punkt gebracht: „Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Hitler dem Wert Eins an.“ 

Mit bildungsbürgerlicher Beflissenheit hat sich jüngst die Wochenzeitung “Die Zeit” dieses Problems unter dem Titel “Empörium Germanicum” gewidmet. Da wird fröhlich die Reaktion auf Uli Hoeneß, die Piratenpartei und eine deutsche Schauspielerin am roten Faden der öffentlichen Entgleisungen von Nutzern online aufgehängt. Fazit: Im Jahr 2013 ist es auch im deutschsprachigen Internet so weit, dass Themen hysterische Hasstiraden provozieren, die der Redaktion einer bürgerlichen Wochenpostille wichtig sind.

Da kann man nur sagen: Willkommen im Internet, liebe Kollegen! Aber Scherz beiseite: Wer sich mit Minderheitenpositionen identifiziert, der wurde schon vor 10 Jahren gerne im Internet angegriffen, gemobbt oder mit Häme übergossen. Katholiken zum Beispiel. Die Frage, wann ich zum letzten Mal mit Hitler verglichen wurde, kann ich – wenn ich mich richtig erinnere – eigentlich nur damit beantworten, dass ich sage: “Als ich mir das letzte Mal eine Darstellung katholischer Positionen zum Thema AIDS, Fortpflanzung, oder einfach zum Papst im Internet erlaubt habe.”

Wer der Versuchung zu erliegen droht, mit einer Art Märtyrerkomplex im Internet rhetorische Schlachten gegen fundamentalistische Katholiken-Hasser und andere Glühbirnen schlagen zu wollen, erreicht wenig ausser der eigenen Frustration. Die Antwort ist vielmehr eine Antwort, die auch das angebliche Problem eines “Empörium Germanicum” löst: Ruhige, vernünftige, ja, liebevolle und sachliche Diskussion. Das ist zwar anstrengend, vor allem wenn man mit den Nazis verglichen wird. Aber es kann zu positiven Dialogen führen, und ist in unserer Zeit von NSA-Abhören, Cybermobbing, Anonymous-Angriffen und anderen Phänomenen eine Art positiver elektronischer Verkündigung der besonderen Art.  Man muss ja nicht gleich wie der schon legendäre Father Barron von “Word on Fire Ministries”  auf dem dürren und steinigen Kommentar-Acker von YouTube Furchen ziehen. Es gibt weniger steinige Weinberge: der eigene Facebook-Account zum Beispiel.