Der Fukushima-Moment: Drei Anmerkungen zur öffentlichen Reaktion auf Japan

Von Anian Christoph Wimmer

Dieser Text bietet keine aktuellen Informationen zur Entwicklung der Lage der Atomkraftwerke in Japan. Dafür empfehle ich den Twitter-Stream der Internationalen Atomenergiebehörde. Zur Diskussion nach dem umstrittenen Artikel von Josef Oehmen “Warum ich wegen der japanischen Atomkraftwerke nicht besorgt bin” empfiehlt sich diese Seite der Kernphysik-Forscher des MIT.

1.) Das erfolgreiche Versagen der deutschen Medien. Diese Anmerkungen sind zum Fukushima-Moment, nicht zu Japan. Die historische Erdbebenkatastrophe in Japan ist von den deutschen Medien als

Plakat zur Mahnwache
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Nebenkriegsschauplatz identifiziert worden. Was zuerst empören mag, hat sich bewahrheitet: Die wichtigste Geschichte ist die Atomkraft. Nicht das Leid, die Vermissten, die Nachbeben; vielleicht auch die immer noch nicht erzählte positive Geschichte, wie Millionen Menschen durch unglaublich gut gebaute Gebäude ein solches Beben überleben konnten. Wichtig, ja. Die wichtigste Geschichte? Nein. Dies ist jedoch kein Versagen der deutschen Medien, oder zumindest ein “erfolgreiches Versagen”.  Sie moderieren die digitale deutsche Öffentlichkeit: Den Hauptdiskurs, und der ist natürlich die Atomkraft als urdeutsches  Phänomen, an dem sich die gesamte politische Geschichte der Bundesrepublik schreiben liesse. Das bedeutet erstens, die Funktion der Medien ist die Steuerung des nationalen Diskurses, so es denn einen gibt. Es bedeutet zweitens aber auch, dass die deutschen Medien nicht mehr das leisten, was der Journalismus ursprünglich geleistet hat: Als erster zu informieren. Wer wissen will, was in Japan passiert, kann gleich zur IAEA gehen. Wer klug ist, tut es auch.

2.) Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kennen (schon wieder!). Das erfolgreiche Versagen der Medien bedeutet wie gesagt, dass Informationen nicht mehr zuerst von Journalisten öffentlich verfügbar sind. Das haben wir  schon an der “Facebook-Revolution” in Ägypten gesehen. Für den deutschen Sprachraum wird es aber zur Realität durch die Geschichte dieses Textes von Josef Oehmen, “Warum ich wegen der japanischen Kernkraftwerke nicht besorgt bin“:  der Brief “ist eine Übersetzung des englischen Artikels von Dr. Josef Oehmen (…), der am 13.3. meistgetweetete Artikel des Webs”, wie der deutsche Übersetzer und Blogger schreibt. Von Journalisten ist keine Spur. Als Journalist bin ich versucht, hinzuzufügen: Zum Glück. Der Journalismus ist tot. Lang lebe der Journalismus.

3.) Der Versager-Erfolg der politischen Reaktion. Die politische Reaktion  in Deutschland ist ein Versager-Erfolg. Kein Pyrrhus-Sieg, wohlgemerkt, sondern ein Sieg durch ein Versagen. Das absurd anmutende “Moratorium auf die Laufzeitverlängerung”, das aus dem Bauch heraus (also aus Angst – vor der Abwahl?) verkündete Abschalten der Kraftwerke, ist ein Meisterstück politischer Kommunikation, freilich ohne rationell begründete Basis. Die braucht es auch nicht. Warum? Der Fukushima-Moment  ist eine Reaktion, die der Bevölkerungsreaktion entspricht und selbst nicht rationell gefasst ist. Leider gibt es (noch) kein Wort dafür – aber es ist eine Art Instinkt-Reaktion und beweist wieder einmal, warum Angela Merkel an der Macht ist: Sie hat, was Amerikaner den “gut instinct” nennen, und in China als wu wei bezeichnet wird.

Es fehlt eine ganze Wortkategorie. Ein Sammelbegriff für Worte, die direkt Urängste auslösen; auf Knopfdruck mit garanierter Reaktion. Man könnte diese in ihrer Kombination mit der instinktiven (politischen) Reaktion den Fukushima-Moment nennen. Die Panik ist als anthropologische Konstante ebenso bekannt wie als Massenphänomen in Koppelung mit ihrer kleinen Schwester, der Hysterie. Aber was ein Wort wie “Atom-GAU”, Tschernobyl, und nun Fukushima auslöst, verdient in den Handbüchern für politische Strategie und Public Affairs einen eigenen Eintrag, und eine neue Begriffskategorie.

Guttenberg 2.0: Mehr als nur eine Wiederauferstehung per Facebook

Von Anian Christoph Wimmer

“Guttenberg 2.0” ist nur eine Frage der Zeit. Der einzige, der die digitale Wiederauferstehung von Karl-Theodor zu Guttenberg als Politiker wirklich verhindern kann, ist Karl-Theodor zu Guttenberg selbst. Warum dies so ist, und wie es weiter geht: Das sind jetzt schon die wichtigen Fragen für Politiker, PR- und Public-Affairs-Strategen.

Das “Junge Deutschland” hat einen Nachruf publiziert. Dabei erlebt Karl-Theodor zu Guttenberg ja bereits eine digitale Renaissance. Wir wollen ihn zurück, sagen am heutigen Freitagmorgen 525,000 Menschen auf Facebook. Eine halbe Million: Das ist so frappierend für manche, dass narzisstische junge Twitterer an der Gesellschaft verzweifeln, auf Blogs absurde Verschwörungstheorien kursieren (“die Zahl ist gefakt! Beweis: DSDS hatte weniger Fans!”); und Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht ebenso wie CSU-Chef Horst Seehofer bereits von Guttenbergs politischer Zukunft.

Die Frage ist für mich nicht, wieso Guttenberg wiederkommt. Das ist so unumstößlich wie der Rücktritt unvermeidlich war. Wiederauferstehen, das wird er: Der Mann personifiziert in gewisser Hinsicht die politische Zukunft des Konservativismus in Deutschland (Chancen, Risiken, Optionen) – auch und gerade deshalb polarisiert er so. Sein größtes Manko freilich wird er ablegen müssen: die katastrophale politische Kommunikation, die seinem Rücktritt voranging, und die noch zu einem Prüfstein für die Zukunft der konservativen politischen Kommunikation werden sollte.

Deshalb ist es paradoxerweise Guttenberg selbst, der noch am ehesten seine wundersame Wiederauferstehung per Facebook verhindern  kann: Erstens, indem er sich entscheidet, aus der Bundespolitik zu verschwinden. Oder zweitens, indem er seine Glaubwürdigkeit wieder durch unverantwortliches Handeln zerstört. Wie er diese Glaubwürdigkeit allgemein im Zeitalter von Social Media gewinnen kann, habe ich ja bereits grob dargelegt.

Wie geht es nun weiter? Wenn er (und seine Berater in der CSU) klug sind, dann mit einem Akt der Reue und Läuterung – und zwar nicht nur mit innovativer Social Media-Begleitung. Guttenberg braucht das, was man im Englischen den “Come to Jesus-Moment” nennt.

Barack Obama hat bereits 2009 mit mäßigem Erfolg das Crowdsourcing, das Sammeln von Ideen und Meinungen zu politischen Zwecken, versucht. Auf den bayerischen Lazarus, Karl-Theodor zu Guttenberg, warten hunderttausende Menschen, die nur all zu gerne an seiner digitalen wie politischen Wiederauferstehung teilnehmen würden. Er hat Barack Obama etwas voraus, was der US-amerikanische Präsident auch einmal hatte: Die Aura des personifizierten Versprechens – und etwas, was Barack Obama (noch?) fehlt: die Chance, die Geschichte vom verlorenen Sohn mit dem Beigeschmack einer Tragik zu erzählen. Genauer: Der  aus dem tiefen Fall geläutert hervorgegangene Sohn der Republik, der auf den Schwingen von Social Media, getragen von Volkes Wohlwollen und Vergebung, stürmt die Bastille der Berufspolitiker und linker Hegemonialisten.

Oder so ähnlich. Wie die Katharsis funktioniert, ist jedenfalls klar. Und das Ziel kann gerne ehrgeizig sein. Dem Strategieberater von Guttenbergs muss eigentlich folgendes Endziel gesteckt werden: Mach in zum Bildungsminister, und dann zum ersten Facebook-Kanzler der Bundesrepublik.

Die Tragik des Karl-Theodor zu Guttenberg, oder: 4 altbewährte Regeln für Digital Public Affairs

von Anian Christoph Wimmer

Heute hat Karl-Theodor zu Guttenberg kapituliert. Der bayerische Baron ist vom Amt des Verteidigungsministers zurückgetreten. In Augen aller Beobachter nicht unerheblich dabei war die Rolle von GuttenPlag Wiki. Hier wurde kollektiv und öffentlich die Dissertation des CSU-Politikers zerpflückt und analysiert. So wurde das Ausmass des Plagiats schneller bekannt, als der immer noch beliebte Minister zurückrudern konnte.

Vielleicht müßte die Geschichte “der Fall GuttenPlag” heißen, nicht “der Fall Guttenberg”. (Ganz zu schweigen von dem unsäglich piefigen Begriffsgeschwulst “Causa Guttenberg”.) Denn erstens hat  Guttenbergs Versagen mit seinem Rücktritt kein Ende gefunden: Bis zum Schluss konnte sich der 39jährige nicht durchringen, ein klärendes Wort über das Fiasko zu sprechen, und wie es dazu kommen konnte. Und zweitens, was viele Beobachter noch nicht realisieren: Die eigentlich interessante Konsequenz des Falls ist der neue, höhere Anspruch an die Moral und die Werte unserer Politiker – und damit auch an unsere Gesellschaft.

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