Warum CNA Deutsch keinen Jahresrückblick bringt

Das Ritual des Jahresrückblicks gehört zum Presse-Geschäft wie die Kaffee-Tasse neben der Tastatur. Für das Jahr 2016 wird es aber keinen Jahresrückblick geben, zumindest nicht bei CNA Deutsch.

Einmal, weil vieles an diesem Jahr gar nicht schnell genug wieder vergessen werden kann.

Zweitens, weil die schiere Aneinanderreihung chronologischer Ereignisse diesen schlecht gerecht werden kann, und ein Zerrbild produziert, das Übersichtlichkeit suggeriert wo keine mehr herrscht. Und Verwirrung ist eines der Grundprobleme dieser Tage, die gelöst werden müssen, statt sie befeuern, und das nicht nur in der katholischen Kirche.

Drittens mag ein persönlicher Jahresrückblick nützlich sein; als private Reflektion, im Gebet mit Gott vor allem, sogar anregend – aber das ist nicht Aufgabe des Journalismus, und etwaige Hilfestellungen mit Bilderstrecken leisten im 21. Jahrhundert längst die Sozialen Medien besser, weil schöner und persönlicher.

Vor allem aber veröffentlichen wir bei CNA Deutsch keinen Jahresrückblick, weil der diesem zugrunde liegende Anspruch auf den Prüfstand gehört: Die Rolle des Journalismus, und wie Journalisten und Medien diese erfüllen. Wie gut, aber auch wie schlecht wir – ich nehme mich bewusst hier in erster Person als Chefredakteur von CNA Deutsch hinein – unsere Funktion erfüllen.

Was die Arbeit der Presse betrifft, so begann das vergangene Jahr mit einem Offenbarungseid: Das verstörende Versagen mehrerer wichtiger Medien, über die Verbrechen der Silvesternacht auch nur annähernd adäquat zu berichten. Von den zugrunde liegenden Faktoren, die zu benennen, analysieren und fair darzustellen wären, ganz zu schweigen. Ist es seither besser geworden? Leider nicht nur.

Was die Politik und Gesellschaft betrifft, über welche wir als Presse berichten sollten, verlief dieses Jahr mit alarmierenden Versuchen, der Rede- und Meinungsfreiheit Knebel anzulegen, die von manchen Medien unterstützt wurden – statt nüchtern zu berichten, was da geschieht, und es einzuordnen.

Was schließlich die (nicht nur für eine katholische Nachrichtenagentur wie CNA!) wichtigste Institution betrifft – die Braut Christi – so steht die Presse generell, und die konfessionelle besonders, vor der Herausforderung, dass wohl die meisten Menschen zwar ein Bild von der Kirche haben, ja, sogar eine dezidierte Meinung darüber. Aber eine sehr schlecht, oft falsch, informierte. Warum? Weil es an Fakten, an Information und Einordnung fehlt, die in Zeiten rasanter Schrumpfung der einfachsten Grundaspekte des Glaubens umso dringender notwendig wären.

Erzbischof Fulton Sheen hat einmal gesagt:

“Es gibt keine hundert Menschen in den Vereinigten Staaten, welche die Katholische Kirche hassen, aber es gibt Millionen, die hassen, was sie fälschlicherweise für die Katholische Kirche halten”.

Dieses Grundproblem besteht heute mehr denn je im deutschsprachigen Raum – wo Menschen mit “Kirche” eine Art bürokratischen Apparat meinen, nicht sich selber, geschweige denn die ecclesia militans. Und auch deshalb bedarf es einer starken katholischen Presse mehr denn je.

Kaum ein Tag vergeht, wo nicht nur am digitalen Stammtisch Falschheiten über die Kirche zu lesen sind, was verständlich ist, sondern diese auch – was inakzeptabel ist – zu hören sind in politischen Sitzungen, Business-Meetings und akademischen Seminaren, Klassen- und Lehrerzimmern, und eben leider auch und gerade der Presse, die für sich den Anspruch der Deutungshoheit erhebt.

Wenige wissen genug über die Kirche und den Glauben, um sich eine eigene Meinung zu bilden, auch unter getauften Katholiken. Was sie nicht davon abhält, eine zu haben.

Dass es einer großen Katechese und anhand der Sakramente gelebten Umkehr bedarf, um dies zum Guten zu ändern: Das ist Anliegen und Aufgabe aller Katholiken, vom Papst bis zur “ganz normalen” Kirchgängerin.

Darüber zu berichten und dies zu erklären, es einzuordnen und damit zu unterhalten ist Aufgabe katholischer Medien – und nach diesem Jahr 2016 wissen wir: Nächstes Jahr brauchen wir, braucht die Welt wie die Kirche, dies mehr denn je.

Ich hoffe, dass die noch junge deutsche Ausgabe von CNA dabei wieder einen wesentlichen und wachsenden Beitrag spielt – mit Gottes Segen – und dass wir nach diesem schwierigen Jahr alle gemeinsam ein Weihnachtsfest feiern können, dass zum Kind in der Krippe blickt, und mit der uns Christen eigenen Hoffnung und Zuversicht aufs kommende Jahr. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und allen Leserinnen und Lesern von CNA: Frohe Weihnachten!

(Ursprünglich erschienen auf http://www.CNAdeutsch.de)

Die Vergangenheit ist nicht, was sie einmal war” – G. K. Chesterton (Foto: Bohemidan via Pixabay)

Wochenkolumne: Was die Kirche nun braucht – neben einem Christbaum und einer Krippe

Warum sich diese Woche die Kontroverse um Amoris Laetitia zuspitzte – Und eine Klärung immer noch gefordert wird. Eine Einordnung.

Über dem Petersplatz leuchten sie nun, die umweltschonenden Lichter des vatikanischen Christbaums. Herab von der Dolomitenfichte, 25 Meter hoch, auf die fast lebensgroße Krippe. Beide hat Papst Franziskus am gestrigen 9. Dezember feierlich “eröffnet”.

Der feierliche Rahmen der Zeremonie auf dem Petersplatz war versöhnlicher Kontrapunkt in diesem Advent, der nicht nur feierlich und friedlich für die Kirche begonnen hat.

Franziskus erinnerte daran, dass es letztlich um Jesus Christus geht: Darauf verweist das Kind, das bereits in der Krippe auf dem Petersplatz liegt.

Wie am Malteserkreuz, der Kleidung und Werkzeugen der Figuren zu erkennen ist – und an einem landestypischen Boot, das auch gleich an die Massenmigration übers Mittelmeer miterinnert – ist diese Krippe ein Geschenk der Erzdiözese Malta. Vertreter des Bistums und der Künstler, Manwel Gretch, waren zugegen, als der Heilige Vater darüber sprach, dass die Krippe “in Kirchen, Häusern und an vielen öffentlichen Plätzen eine Einladung, Platz für Gott zu machen in unserem Leben und unserer Gesellschaft” sei.

Einen Beitrag dazu sollten, ja, müssten eigentlich auch Journalisten leisten: Das forderte Franziskus diese Woche in einem neuen Interview. Das Gespräch mit einer katholischen Wochenpublikation aus Belgien hatte jedoch den gegenteiligen Effekt. Weltliche Medien berichteten die Aussage verzerrt; und katholische Kommentatoren echauffierten sich über die Wortwahl des Papstes. Am Ende war von der “Botschaft der Brüderlichkeit (…) und Solidarität”, über die Franziskus vor der Krippe auf dem Petersplatz sprach, wenig übrig.

Wie es dazu kam, erklärt beispielhaft, warum und wie es derzeit alles andere als beschaulich zugeht.

Eine koprophile Presse – und koprophage Leser?

Was war geschehen? Nun, der Papst warnte “die Medien” im Interview davor, “nicht – verzeihen Sie mir den Ausdruck bitte – an Koprophilie zu erkranken, die bedeutet, immer Skandale kommunizieren zu wollen, hässliche Dinge mitzuteilen, selbst wenn diese wahr sind.”

Wie so oft lohnt es sich, auch dieses Interview mit dem Pontifex, wenn überhaupt, dann in seiner vollen Länge und sehr sorgfältig zu lesen. Der Vatikan hat es in englischer Sprache auf seiner Website veröffentlicht.

Weltliche Medien, darunter etwa der britische “Guardian”, behaupteten mit Verweis auf dieses Interview nun, der Papst habe sich mit diesen Aussagen gegen “Fake News” gerichtet. Das ist – wie das Zitat zeigt – nicht richtig, und zudem ein unredlicher Versuch, den Papst vor den politischen Karren der “Fake News”-Agenda zu spannen, der gerade medial die Runden macht. Franziskus spricht aber nicht von dieser “Fake News”, sondern von echter, die aber nicht erbaulich ist, sondern skandalisiert.

Ob oder wie diese bemerkenswerte Forderung des Papstes mit der demokratischen Funktion des Journalismus vereinbar ist, wäre eigentlich die relevante Frage – die nun nicht gestellt wurde. Dass ausgerechnet Medien damit sich der Sünde schuldig machen, die anhand des Themas “Fake News” externalisiert werden soll, ist kein Trost. Dass dabei ausgerechnet zum Thema “Fake News” einzelne Journalisten wieder einmal falsch und verfälschend argumentieren statt ordentlich zu berichten, zeigt jedoch, wie dringend die Professionalität der Presse auf den eigenen Prüfstand gehört. Wer sich nicht mit dem gefährlichen Vorwurf der “Lügenpresse” beschimpfen lassen will, sollte gerade bei diesen Themen auf sauberes Handwerk achten.

Doch der Papst diagnostizierte nicht nur die Gefahr einer an “Koprophilie” krankenden Presse. Er sagte weiter: “Und nachdem Menschen eine Tendenz zur Erkrankung an Koprophagie haben, kann dies großen Schaden anrichten”.

Unabhängig von der Absicht ist eine solche eindeutig zweideutige Wortwahl für viele Gläubige befremdlich; nicht wenige werden nicht einmal gewußt haben, was diese skatologischen Begriffe bedeuten. Vielleicht würden es manche auch gerne wieder vergessen, und das nicht nur zur Adventszeit.

Ob man darin gleich einen weiteren direkten Hinweis dafür sehen muss, wie Blank die Nerven im Vatikan liegen, ist zwar fraglich. Immerhin ist “Unser guter Papa Franz” (Radio Vatikan-Redakteurin Gudrun Sailer) dafür bekannt, “bisweilen flapsig” (Erzbischof Georg Gänswein) zu reden. Verwunderlich wäre es allerdings nicht, denn der Druck auf den Papst wächst.

Klärungsbedarf in Sachen Freude der Liebe?

Wer einen genaueren Blick auf die Debatten der vergangenen Tage geworfen hat, weiß: Neben dem – formal sehr höflichen – Bittbrief der vier Kardinäle mit ihren fünf Dubia, der inzwischen einige öffentliche Unterstützer gefunden hat, gibt es eine Reihe weiterer Bitten um Klärung und Klarstellung zu Amoris Laetitia.

So haben, wie nun bekannt wurde, zwei renommierte katholische Philosophen einen 37 Seiten starken, offenen Brief an den Papst geschrieben. Sie bitten Franziskus, mögliche Fehlinterpretationen seines Schreibens auszuräumen. Und bereits vor den Dubia ist ein Schreiben von 45 Theologen veröffentlicht worden, welche die “Freude der Liebe” peinlich genau seziert. Die Anamnese fällt dramatisch aus.

Nun mag man zum Inhalt dieser Schreiben stehen wie man will; man mag auch nur Unbehagen ob deren Veröffentlichung verspüren, oder sie für dringend nötig halten. Fest steht dennoch eines: Trotz Versicherungen päpstlicher Mitarbeiter, wie etwa des Jesuitenpaters Antonio Spadaro gegenüber Austen Ivereigh auf “Crux”, dass doch alles klar sei, ist ein wichtiges Segment der Weltkirche der Meinung, dass dies nicht der Fall ist. Die Verwirrung und widersprüchlichen Interpretationen sind nicht einfach zu ignorieren, so der renommierte Vatikanist John Allen auf der gleichen Website; Allen stellt nüchtern fest: “Ob diese nur eine Minderheit sind, ist egal – sie können nicht einfach ignoriert werden, denn zu ihnen gehören führende Persönlichkeiten der Hierarchie”. Mehr noch: Schon die Tatsache, dass sich Pater Spadaro diesen so stelle, zeige ja, dass Fragen zu Amoris Laetitia offen sind, so Allen.

Worum es geht

Der Klärungsbedarf, dem diesen Kritikern zufolge der Papst bislang aus dem Weg zu gehen versuche, verhandelt weit mehr, als nur die ohnehin schon kontrovers diskutierte Frage, ob und wie geschiedene Wiederverheiratete zur Kommunion zugelassen werden können oder sollten.

Wie der Freiburger Theologie-Professor Helmut Hoping in der “FAZ” schreibt: “Für liberale Bischöfe und Theologen ist die Frage der Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene ein Türöffner zur Revision der katholischen Sexualmoral insgesamt”. Gebe man in ihrem Bindungsanspruch erst einmal die traditionelle Lehre auf, die als Ort gelebter Sexualität ausschließlich die gültige Ehe von Mann und Frau vorsehe, so Hoping, dann “könnte die katholische Kirche wie die evangelische auch eheähnlichen Verhältnissen ihren Segen geben, einschließlich gottesdienstlicher Segensfeiern”.

Gleichzeitig ist der Ton, der den Kardinälen und anderen entgegenschlägt, die um eine Klarstellung bitten, enorm eskaliert. Von “Freude der Liebe” kann keine Rede sein, wenn deutsche Theologen, ein römischer Rota-Richter oder ein griechischer Bischof wortmächtige “Drohkulissen aufbauen” (Helmut Hoping), die sich allerdings gegen die Person der Kardinäle richtet, nicht den Inhalt ihres Schreibens.

Die Vehemenz mag den Ernst der Lage unterstreichen; aber gerade weil es letztlich um die Einheit der Lehre und Kirche geht, sollte als Konsens auf allen Seiten gelten: “Don’t judge!”, “(Ver)urteile nicht!”, mahnte EWTN Deutschland-Intendant Martin Rothweiler bei “Katholisch.de”.

Im Licht des Christbaums sagte Papst Franziskus gestern: “Die Krippe und der Baum bilden eine Botschaft der Hoffnung und der Liebe und helfen dabei, eine förderliche Weihnachtsatmosphäre zu schaffen, um mit Glauben das Geheimnis der Geburt des Erlösers zu erleben, der in Einfachheit und Demut auf die Erde gekommen ist.”

Diese klare Einfachheit des Erlösers und dessen Demut, an die uns der Heilige Vater erinnert: Sie ist es, die Jesus nicht nur selber vorgelebt hat, sondern auch von uns einfordert, wenn er im Matthäusevangelium, kurz nach der Bergpredigt, klipp und klar sagt: “Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen” (Mt 5,37).

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(Ursprünglich veröffentlicht auf www.CNAdeutsch.de

Brennende Müllcontainer

Kein schönes, aber ein treffendes Bild hat der digitale Volksmund Amerikas für den Wahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton gefunden: “It’s a Dumpster Fire”. Genau, ein brennender Müllcontainer.
Wenn nun – endlich! – das Feuer dieses Wahlk(r)ampfes erst einmal erlischt, dann steht die USA vor der gewaltigen Aufgabe, eine bis zum Zerreissen gespannte Gesellschaft neu zusammen zu bringen, ja zu heilen. Dazu hat Carl Anderson nun die Katholiken Amerikas aufgerufen. Anderson steht der einflussreichen Laienorganisation der Kolumbusritter vor. Der Oberste Ritter der Knights of Columbus sagte wörtlich: “Die Frage, die wir uns stellen sollten, ist diese: Wie Katholiken in Amerika in Zukunft eine Quelle der Einheit und Versöhnung sein können, oder ob wir ein Grund für weitere Spaltung und Feindseligkeit sein werden”.
Diese Frage sollten sich dringend auch wir Katholiken in Deutschland stellen; sowohl mit Blick auf unsere eigene Gesellschaft – als auch unsere Kirche.
Erstens: Welchen Beitrag leisten wir und unsere katholischen Meinungsführer eigentlich zum öffentlichen Diskurs? Ermutigen wir unsere Bischöfe, Funktionäre, Lehrstuhlinhaber einen vereinenden, versöhnenden zu leisten, statt zu spalten, pöbeln, anzufeinden? Das bundesdeutsche “Dumpster Fire” brennt schon ohne katholisches Öl hell genug!
Zweitens: Wir brauchen innerkirchliche Einheit und Versöhnung, statt Rauchbomben, die Verwirrung stiften und Brandsätzen, die an der Einheit der Kirche und ihrer Lehre zündeln.
Wenn ich höre und sehe, wie manche Katholiken öffentlich agieren, komme ich mir gelegentlich vor wie in einem Sketch von Monty Python. Unsere Gesellschaft braucht uns Katholiken aber weder als unbiedere Brandstifter noch als Laientruppe einer “Leben des Brian”-Inszenierung. Unser Land braucht Jesus Christus, und Menschen die seine heilende, Frohe Botschaft verkünden und leben.

(Crosspost meines “Standpunkt”-Kommentars heute auf katholisch.de)

Wir brauchen eine Wahlpflicht

Als Spektakel kaum zu überbieten ist, was unter dem Begriff “Wahlkampf” gerade in den USA abläuft. Neben anderen Aspekten – dazu gehört ein bizarrer Unterhaltungswert – brennt nicht nur Katholiken dort eine Frage unter den Nägeln: Für welchen Kandidaten kann ich bitte stimmen?

Wie, ja ob diese Frage überhaupt zu beantworten sei, ist Gegenstand robuster Debatten – und sogar wissenschaftlicher Untersuchungen. Deren Bilanz zieht der Forscher Mark Gray von der Georgetown University wie folgt: Die meisten Amerikaner wollen weder Hillary Clinton noch Donald Trump. “Bei der Wahl 2016 geht es nicht darum, für einen Kandidaten zu stimmen, sondern gegen einen. Die Wahlbeteiligung wird der entscheidende Faktor sein.”

Persönlich mag ich bedauern oder erleichtert sein, nicht in den USA wählen zu dürfen. Aber wie ist es mit Deutschland? Trotz aller – zum Teil kategorischer – Unterschiede: Auch hier spielt die Versuchung, gegen jemanden oder etwas zu stimmen, eine riskante Rolle. Und auch bei uns wird 2017 die Wahlbeteiligung entscheidender Faktor sein.

Die “Herrschaft des Volkes”, die eine Demokratie sein will, ist immer nur so gut, wie die Menschen sich zu ihr bekennen und verhalten. Ein probates Mittel dafür, ein gesundes demokratisches Selbstverständnis zu pflegen, mit einer ganzen Reihe positiver Konsequenzen, ist die Wahlpflicht.

Als australischer Staatsbürger habe ich diese persönlich kennen- und schätzengelernt. Nicht nur, weil die Wahlbeteiligung meist bei rund 94 Prozent liegt; sondern auch, weil ein echtes “Wir-“Gefühl entsteht am Wahltag, egal wie er ausgeht. Vielerorts brutzelt am Wahllokal sogar der Würstelgrill; man trifft Nachbarn und Freunde, diskutiert die Lage und fühlt sich beteiligt. Das wünsche ich mir auch in Deutschland und den USA.

“Wahlpflicht” mag negativ klingen für manche Ohren – wie ja auch “Sonntagspflicht”. In Wahrheit aber tut sie – wie das Sonntagsgebot – der Gesellschaft gut, und dem Menschen in ihr. Wir sollten sie einführen – und feiern.

(Originally published as “Standpunkt” on katholisch.de on 26 September 2016)

Is a 5k-swim a “half marathon”?

swimming-pool-504780_1920Comparing distance swimming to running makes only limited sense. That said, I consider it useful to at least have that old 1/4 rule on hand, right?

When you multiply a swimming distance by four, you have an approximation of how much – to some extent – we are talking about relative to a running distance. Equally, divide a running distance by four, and you can make a fair fist of what the rough equivalent is in the water.

Was mulling this over on the way back to the office after a 5k swim today. Took me 1.30 hrs on the dot to swim that. Were I to run 20k, which I could not, I would be walking mostly, I have no idea how long it would take, but I reckon much longer. And my arms and shoulders would not feel as they are doing right now.

According to the rules of Marathon Swimming, a minimum distance of 10k is the minimum for a swim to be considered a “marathon”, for eminently sensible reasons. As I am on a “Great Big 10k Swim Adventure” – something like my personal version of the “Couch to 5k” – my view is that this is mostly psychological. Could I swim 10k? Probably. But the psychological mark is what matters, and the psychology of staying put for that long. Both in terms of training towards it, and then achieving it of course.

It is a question of mind over matter more than anything…a goal and challenge – and what I love about it.

 

Der Krieg als Chance: Drei konkrete Vorschläge nach dem Terror-Angriff auf Brüssel

“Wir befinden uns im Krieg”. Damit hat Frankreichs Premier Manuel Valls gestern auf den Punkt gebracht, was nicht erst seit Brüssel bitterste Wahrheit ist. Es herrscht Krieg. Auch wenn viele unter uns — auch ich — es eigentlich nicht wahrhaben wollen. Und nun? Die Frage ist, wie wir ehrlich, sachlich und differenziert damit umgehen, und dann vor allem handeln. Ohne selbst-verordnete Scheuklappen oder emotionale Hysterie. Als Christen, als Bürger, als Gesellschaft. Was also tun? Drei Dinge würde ichvorschlagen:

1)     Die Opfer beim Namen nennen, für sie beten — und ihren Hinterbliebenen beistehen. Christen, aber auch Jesiden, Atheisten, Juden, Muslime; alle, die den Terroristen zum Opfer fallen, egal ob in Brüssel, auf dem Sinai oder in Istanbul. Gedenken wir ihrer, und helfen wir den Überlebenden; auch mit Asyl.

2)     Den Gegner beim Namen nennen, für ihn beten — und sich seiner wehren. Wie wir uns vor andere stellen würdenwelche uns und unserer Freiheit an die Kehle wollen. Das ist auch Christenpflicht. Der selbst-ernannte Islamische Staat lebt eine mörderische Ideologie, die weder uns respektiert noch unsere Demokratie und Werte, noch die meisten anderen, inklusive dem übrigen Islam. Völlig egal, ob er sich IS nennt, oder als Takfirismus, Salafismus etikettiert wird: Diese Ideologie hat keinen Platz in unserer Gesellschaft. Nicht in unseren Flüchtlingsheimen, nicht an unseren Schulen, in unseren Fußgängerzonen, den sozialen Medien — und schon gar nicht in unseren Moscheen und Kulturvereinen.  Ein Islamgesetz, robuster Schutz sowie eine rationelle Migrationspolitik wären ein Anfang.

3)     Diese Bedrohung, dieser Krieg, ist auch eine Gelegenheit, die “doppelte tiefgreifende Krise” des Glaubens in Europa zu überwinden, die Papst emeritus Benedikt XVI. unlängst diagnostiziert hat und auch Franziskus tadelt. Auch der – endlich anerkannte – Völkermord des IS und sein Terror sind ein Aufruf zur Umkehr und zum Zeugnis seiner Liebe.

(Dieser Kommentar wurde veröffentlicht als “Standpunkt” auf http://www.katholisch.de)

Umberto Eco zum Abschied: Der Guerilla-Gärtner in der katholischen Botanik

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Umberto Eco im Jahr 1987. Bild: Reichsfotoarchiv im Nationalarchiv der Niederlande, Den Haag (CC BY-SA nl)

 

Frommere Menschen als ich mögen in Umberto Eco einen dieser scheußlichen Intellektuellen sehen, die mit ihren postchristlichen Protagonisten fröhlich im frommen Unterholz toben, im Dienst an der eigenen Sache (nicht der unseres Herrn). Ein Vorwurf, der nicht unberechtigt ist, aber der Eco und seinem Beitrag zur christlichen Kultur, vor allem Europas, nicht gerecht wird.

Die behutsame Beschneidung einer Blumenhecke schadet dieser nicht. Vielmehr bringt sie Wachstum und neue Blüte. Eco war ein großer Guerilla-Gärtner in der katholischen Botanik. Er hat vieles zum Blühen gebracht, Duftendes wie Fades, Wichtiges wie Witziges. Unvergessen sein Vergleich der Betriebssysteme von PC und Macintosh mit katholisch und evangelisch.

Umberto Eco war aber nicht nur Schriftsteller sondern auch Gelehrter der Semiotik, der Wissenschaft vom Wesen und Gebrauch von Zeichen. Als solcher hat er, der einst über „das ästhetische Problem beim heiligen Thomas“ promovierte, allen Kulturschaffenden neue Werkzeuge und Techniken geschenkt, mit denen wir selber schneiden, propfen und pflanzen können. Auch und gerade als Katholiken in unserer Zeit, an unserer Kultur.

Beispiel Massenmedien: Eco ist Vordenker einer „semiologischen Guerilla“ und der unterschätzten Technik des „Culture Jammings“, der kreativen Störung medialen Unkrauts und institutionellen Wildwuchses. Das digitale Zeitalter braucht eine katholische Kommunikationsguerilla; Menschen, welche mit der Frohen Botschaft unsere Kultur und Gesellschaft kreativ stutzen und veredeln, die so den Glauben zum Blühen bringen im medialen Humus unserer Zeit.

Auch wenn er selber nicht an Gott geglaubt haben mag: Umberto Eco war ein Geschenk des Himmels, und das — wie passend für einen Semiotik-Professor! — buchstäblich: Der Name „Eco“ soll für „Ex Caelis Oblatus“ stehen. Es heißt sein Großvater, ein Findelkind, habe diesen von einem Beamten erhalten. Am 19. Februar ist Umberto Eco im Alter von 84 Jahren verstorben.

(Crossposted: Der “Standpunkt” vom 22. Februar 2016 auf http://www.katholisch.de)

Hoch hinauf zu den Horizonten

Über die Rolle katholischer Medienarbeit und das Selbstverständnis von CNA Deutsch, dem jüngsten Ableger der internationalen Catholic News Agency

Zwei Herren gehen nebeneinander auf einem einsamen Feldweg im Schwarzwald, den Rücken zum Beobachter. Es ist September. Das Jahr: 1966. Der linke Mann ist ein führender Vertreter der modernen, säkularen Öffentlichkeit. Der rechte Herr ist ein führender Vertreter der modernen, säkularen Philosophie. Der Weg der beiden führt leicht bergan, scheinbar auf einen farblosen, ungewissen Himmel zu.

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Titel-Illustration aus Vatican-Magazin (1/2016)

Auf den ersten Blick hat das bekannte Bild, eine Schwarz-­Weiß-­Fotografie der legendären Begegnung von Rudolf Augstein mit Martin Heidegger, nichts mit Kirche oder Kommunikation zu tun, geschweige denn mit der Frage nach Wesen und Funktion eines katholischen Journalismus. Auf den zweiten Blick jedoch illustriert diese Photographie den Ausgangspunkt christlicher Medienarbeit in der heutigen Gesellschaft im Allgemeinen; und den Ansatz der internationalen Catholic News Agency (CNA) im Besonderen.

Werfen wir also noch einmal einen Blick auf die Szene im Schwarzwald. Dem Glauben den Rücken gekehrt, schreiten Öffentlichkeit und Philosophie, personifiziert durch Augstein und Heidegger, in eine unklare gemeinsame Zukunft, vereint im Bruch mit der Lehre und Lebenswelt der Kirche sowie den eigenen katholischen Wurzeln. Sie wandern auf den grauen Horizont der Moderne zu, Ausdruck der säkularisierenden Gesellschaft, die einen eigenen Anspruch auf Universalität hat, die sich abwendet und entfernt vom universalen Anspruch der katholischen Kirche. Wie Navid Kermani vor Wochen in einem Gespräch mit Erzbischof Georg Gänswein sagte: Der deutsche Geist schaut gerne in den Himmel, “auch wenn er für manche irgendwann leer wurde”.

Der leere Horizont der Moderne und die gesellschaftliche Ausrichtung und Bewegung daraufhin stellt bekanntlich für die Kirche eine enorme Herausforderung dar, auf die mehrere Päpste, darunter Heilige, antworteten. Bezeichnend ist, dass bis heute die Enzyklika Humani Generis, die Antwort auf das Denken, das Heidegger mit entwickelt hat, einer verbindlichen Einordnung bedarf.

Auch wenn – oder gerade weil – diese Einordnung fehlt, bedarf es in unserer Gegenwart einer fortdauernden, hermeneutischen Verschmelzung der katholischen und säkularen Horizonte, um es mit dem Heidegger­-Schüler Gadamer auszudrücken. Diese Hermeneutik der Verschmelzung leisten aber nicht Päpste oder Theologen, sondern die Realität der Massenmedien – genauer: Die beiden Realitäten der Massenmedien, wie Niklas Luhmann schreibt. Einerseits die Realität, innerhalb der Medienarbeit, sei es Print, Fernsehen, Radio oder Internet entsteht, andererseits die Realität, welche die Medien für ihre Beobachter erzeugen.

Für alle, die es zumindest intuitiv spüren, ist es einer der Gründe, warum der katholische Journalismus so reizvoll ist: Mit jeder neuen Geschichte geben katholische Medien auch eine neue Antwort auf die Frage, wie die wundersame und wunderschöne, heilige katholische Kirche unseres Herrn und Erlösers auf dem felsenfesten Grund des Petrus-Amtes agiert.

Klar: Was und wie da alles berichtet wird, in Form von Nachrichten und Kommentaren, Analysen und Essays, das ist so vielfältig wie die Bandbreite der verfügbaren Dienste. Sie reicht von der ehrenwerten KNA über das furchtlose Kath.net der Kollegen in Linz und Rom, bis hin zu Zenit e tutti quanti plus einer Reihe formidabler Printmedien, darunter insbesondere das Vatican-Magazin und die Tagespost.

Nicht alle Medien sind im Schwarzwald unterwegs, nicht alle führen aus dem Wald heraus; manche scheint es sogar hineinzudrängen; vielleicht weil sie die katholische Welt vor lauter modernistischem Gestrüpp nicht mehr sehen können (oder wollen). Andere sammeln köstliche Pilze am Waldrand, oder schlagen mutig mit Macheten gute Pfade durch dunkles Unterholz.

Hier kommt die Catholic News Agency ins Spiel. Denn sie gibt – nun auch in deutscher Sprache – mit Blick auf beide oben genannten Realitäten eine eigene Antwort.

Erstens ist sie nicht im schönen Schwarzwald geboren. Sie wurde von einem deutschen Missionar 1980 in Peru gegründet. Die Realität dieser Agentur ist heute, 35 Jahre später, die einer internationalen, multilingualen Organisation. Ein weltweit gespanntes Korrespondenten­-Netz berichtet aus allen Ecken der katholischen Welt, besonders natürlich aus dem Vatikan und über die neuesten Aussagen des Heiligen Vaters. Das ist der operative Horizont der CNA, den sie teilt mit der spanischsprachigen Schwester-Agentur ACI Prensa, zu der wiederum auch portugiesische (ACI Digital) und italienische (ACI Stampa) Agenturen gehören. Als Geschwister sind sie Teil der Familie von Mutter Angelica, also EWTN, dem weltgrößten religiösen Medienhaus.

Zweitens ist der ewige Horizont der CNA nur einer: Jesus Christus. Es geht uns nicht darum, seine Kirche mit dem Horizont der Moderne zu verschmelzen, sondern die Moderne durch den Horizont der Frohen Botschaft zu evangelisieren. Aus diesem Grund ist CNA Deutsch kein kommerzielles Projekt, sondern spendenfinanziert – und kostenfrei: CNA stellt seine Inhalte (Texte, Bilder, Videos) allen zur Verfügung; egal ob sie Privatpersonen, kirchliche oder kommerzielle Einrichtungen sind. Quellenangabe genügt.

Durch Gottes Gnade wissen wir, was Martin Heidegger sich mühsam in dem Gespräch mit Rudolf Augstein abgerungen hat, das Anlass war der eingangs erwähnten Fotografie, und das dem Interview seinen eindrücklichen Titel gab, als es 1976 erschien: „Nur noch ein Gott kann uns retten“. So war es, so ist es, und so wird es immer sein. Dies der Welt zu sagen, immer wieder und in allen Umständen: Das ist der Hintergrund der Arbeit von www.CNAdeutsch.de

Erstpublikation in Vatican Magazin (Heft 1, Januar 2016) – Artikel als PDF laden

 

Rich, powerful and distrusting the papacy

This article first appeared in the latest edition of the Catholic Herald magazine (17/7/15).

The German Church, defined by centuries of tension with Rome, is regarded as a bastion of liberalism. But Teutonic Catholicism is much more diverse than outsiders realise

Anyone following the news over the past few months could be forgiven for thinking that German Catholicism is uniformly liberal. Fifty years after the Second Vatican Council, it appears that the Rhine may once again be flowing into the Tiber, to paraphrase Fr Ralph Wiltgen’s historic account of that council, in the lead-up to this year’s critical family synod.

But a closer look at the actual situation of the Church in Germany not only reveals clues as to why German clergy, theologians and others are wielding such enormous influence in Rome ahead of the synod. It also shows that the Rhine’s waters are far from the fast-running liberal current that they appear to many outside observers.

In fact, the Church in Germany, though fed by several different streams and sources, to a large extent is dissipating into its secular environs. The vast majority of the 24 million German Catholics in 2015 are neither practising their faith nor sufficiently aware of its teachings.

Church attendance hovers around the 12 per cent mark. More alarming still, a recent study showed that almost half of all priests neither pray daily nor go to Confession. To be sure, other Western countries are registering similar numbers and trends. What is different in German-speaking Europe, however, are three important factors that need to be reckoned with in preparation for the synod.

First, while the Faith may continue to dissipate and membership decline, the Catholic community in Germany – in no small part due to the Church tax – is materially very rich and socially rather powerful, as well as politically influential.

The Church is the country’s second-largest employer, running everything from childcare centres to schools, retirement homes, libraries and hospitals. Catholic clergy belong to important public institutions such as the National Ethics Committee. The contribution of German Catholic relief organisations to the world, meanwhile, is rightfully legendary.

The financial contribution to the Universal Church, particularly in Rome, is also highly significant. The second thing to bear in mind is that Germany’s relationship with Catholicism is, to an important degree, one of deep suspicion.The country’s identity is marked by distrust of the papacy and the Church’s claims to any type of authority, even a moral one. Modern Germany is built on a heritage that is, at best, uneasy with Catholicism.

This sentiment dates back to the days of the “Holy Roman Empire” and was reinforced by the Reformation, the subsequent horrors of the Thirty Years War, the Napoleonic invasions, Prussia’s rabid Kulturkampf, the Nazi terror and the Second World War. In fact, Germany as a nation and culture is to a large extent defined by its centuries of tension with Rome.

These tensions range from open conflict to more subtle, but also more common anti-Catholic stereotypes and misrepresentations. They draw on decades of anti-Church propaganda, from the earnest Luther to the savvy Bismarck right down to the incomparably nastier Goebbels.

In its current secular form, anti-Catholic propaganda portrays orthodox Catholics as suspect and requiring state surveillance, since they are “ultraconservative” (ie Right-wing, which is a modern German taboo). They are presented as a potential threat to open society in general and democracy in particular.

The third thing to remember is that, at the risk of overgeneralising, the German national character emphasises earnest debate and rational thought at the expense of moderation, temperance and other virtues. As one visiting priest from Africa said: “German Catholics no longer know how to pray the Ave Maria. But they know very well what their bishop is doing wrong.”

Sharing critical opinions with others is considered a good thing in German culture and is not regarded as being scandalous or constituting gossip. While this attitude has its advantages, it makes Germans – including German theologians and cardinals – come across as rather forthright and even abrupt.

This is even the case with shy introverts such as Cardinal Joseph Ratzinger. Against this backdrop, it is hardly surprising that Catholicism in Germany runs in three currents that intermingle but remain distinct.

At the centre, but beneath the surface, runs the slow and cool, if not lukewarm, current of the disaffected majority. Above it, and fed by it, is the liberal stream, drawing on the shallow but plentiful waters of the Church tax. Along the banks, finally, are the marginal but strong currents of practising, orthodox Catholics.

This last current may sometimes run parallel or even counter to the official structures and institutions. But from it are drawn influential bishops commonly labelled as “conservative”, such as the young Bishop Stefan Oster of Passau and Cardinal Gerhard Ludwig Müller, prefect of the Congregation for the Doctrine of the Faith. It is worth bearing this in mind the next time you hear someone speaking as if there were nothing more to the German Church than liberalism.