Die 6 Botschaften der Papstreise nach Chile und Peru: Eine Bilanz

 

Mächtige Wirbel hat die Reise von Papst Franziskus vergangene Woche nach Chile und Peru ausgelöst. Glaubensfreude, Ermutigung und Euphorie, teilweise aber auch Unbehagen und scharfe Kritik von einfachen Katholiken, Menschenrechtlern und vor allem Missbrauchsopfern hat die Reise von Papst Franziskus nach Lateinamerika ausgelöst.

Nachdem sich die Aufregung einigermaßen gelegt hat, lohnt es sich, genauer nachzusehen: Was hat die Reise von Papst Franziskus gebracht? Denn ein Risiko ist besonders groß: Dass von den wichtigen Botschaften abgelenkt wird, die Franziskus für Latein-Amerika und die ganze Welt hatte.

Damit sollen die Kontroversen nicht verschwiegen werden. Der zum Teil frostige, sogar offen feindselige Empfang in Chile, der Fall des umstrittenen Bischof Juan Barros, die Kritik von Menschenrechtlern über das päpstliche Schweigen zum sozialistischen Regime in Venezuela und gegenüber anderen Opfern von Menschenrechtsverletzungen, die zum Teil sehr negative Presse und geringe Pilgerzahlen aus der Papst-Heimat Argentinien, und dann die – im Nachhinein als PR-Aktion entpuppte  – Trauung über den Wolken: All das sind Wermutstropfen in den reinen Wein, den der Papst ja mit seiner Reise einschenkte, und der weder getrübt noch verwässert werden sollte.

Franziskus predigte fünf wichtige Botschaften, die nicht nur Katholiken in Südamerika, sondern weltweit ansprechen und ins Gebet nehmen können.

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Mehr Pulverfass als Peripherie: Die Papstreise nach Burma und Bangladesch

Warum reist Papst Franziskus nach Burma und Bangladesch? Es ist weniger eine Reise an die Peripherie als mitten in ein Pulverfass hinein, dessen Herausforderungen globalen Rang haben. Wie brisant die Lage allein vor Ort in Burma ist, zeigt die Tatsache, dass der örtliche Kardinal dem Papst empfiehlt, das Wort “Rohingya” nicht einmal in den Mund zu nehmen.

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Braucht Deutschland einen “Thomas Morus des Frühstücksfernsehens”?

Warum es Politiker vom Schlag eines Jacob Rees-Mogg nicht in Deutschland gibt, mag mehrere gute Gründe haben. Die Tatsache, dass der britische Abgeordnete praktizierender Katholik ist, und dazu in der Öffentlichkeit mutig steht, sollte jedoch keiner sein.

Die deutsche Bundestagswahl findet am kommenden 24. September statt. Für nicht wenige katholische Wähler stellt sich die Frage: Für welche Partei soll ich angesichts der Entwicklung der letzten Monate und Jahre diesmal stimmen? In welcher Partei ist eine glaubwürdige Stimme praktizierender Katholiken zu hören, der ich Vertrauen kann?

„Es riecht nach der schlimmsten Form anti-katholischer Bigotterie“

Dass Entscheider und Meinungsmacher in Politik und Medien einen dafür angreifen, katholische Positionen zu vertreten: Das ist kein spezifisch deutsches Thema. Drastisch zeigt das der Umgang der US-Senatorin der Democrats, Dianne Feinstein, mit Amy Coney Barrett vergangene Woche. Das Verhalten der US-Politikerin gegenüber der Rechtsanwältin in einer Anhörung „riecht nach der schlimmsten Form anti-katholischer Bigotterie“, warnte der Theologie-Professor Chad Pecknold gegenüber CNA am 6. September.

Die Frage ist eher, warum die Stimmen praktizierender Katholiken nicht lauter vernehmbar sind.

Etwa die von Jacob Rees-Mogg in der TV-Sendung „Good Morning Britain“. Nach einer kurzen Frage über Einwanderungspolitik und den Brexit nahmen die Moderatoren Piers Morgan und Susanne Reid den Abgeordneten der „Tories“ ins Kreuzverhör, wie Autorin Mary Rezac in einem Artikel für CNA schreibt, zu seinen Ansichten über gleichgeschlechtliche Ehe und Abtreibung, die beide in Großbritannien legal sind.

Der 48 Jahre alte Rees-Mogg galt vielen bislang als exzentrischer, wenn auch eloquenter und beliebter Hinterbänkler. Seit kurzem wird der sechsfache Vater jedoch als möglicher Parteichef der Conservatives gehandelt, und sogar als möglicher zukünftiger Premier – obwohl er selber dies abstreitet.

Auf die mehrfach insistierte Frage der TV-Moderatoren nach seiner Meinung zu homosexueller Ehe antwortete Rees-Mogg, dass er die Lehre der Katholischen Kirche unterstützt, und dass diese Lehre „völlig klar“ sei.

Im weiteren Verhör sagte der Abgeordnete für North East Somerset, dass er zwar aus moralischen Gründen gegen homosexuelle Ehe und Abtreibung sei, aber auch zu der katholischen Lehre stehe, dass man andere nicht verurteilen soll. Zudem wies er darauf hin, dass sich die Gesetzeslage im Land nicht verändern werde aufgrund seiner religiösen Ansichten.

„Das sind alles keine parteipolitischen Fragen, es sind Fragen, über die im Parlament frei abgestimmt wird“.

„Sie werden nicht vom Premierminister entschieden, und es besteht keine Frage darüber, ob sie geändert werden sollen. Dafür würde es im House of Commons keine Mehrheit geben”, so Rees-Mogg weiter.

Dann fragte Piers Morgan ihn, ob die Bevölkerung einen Entscheidungsträger mit katholischen Ansichten akzeptieren würde.

„Ich denke, dass die Konservativen Gläubigkeit gegenüber sehr viel toleranter sind, und das sollten sie auch“, sagte Rees-Mogg.

„Es ist schön und gut zu sagen, dass wir in einem multikulturellen Land leben, es sei denn, man ist Christ, es sei denn, man hat die traditionellen Ansichten der Katholischen Kirche“, fügte er hinzu.

„Und das scheint mir fundamental falsch zu sein. Die Menschen haben ein Recht darauf, eigene Ansichten zu haben, aber die demokratische Mehrheit hat auch das Recht, die Gesetze im Land so zu haben, wie sie sind, was mit der Lehre der Katholischen Kirche nicht vereinbar ist und auch nicht in Zukunft vereinbar sein wird.“

Katholische Führungskräfte applaudierten dem Zeugnis des britischen Abgeordneten.

„Gut gemacht, Jacob Rees-Mogg! Danke Ihnen dafür, dass sie sich für Katholiken eingesetzt haben und klar aber sanft die Lehre Christi verkündet haben“, tweete Bischof Philip Egan von Portsmouth.

Luke Coppen, Chefredakteur des britischen Magazins „Catholic Herald“, bestätigte gegenüber Mary Rezac, dass es nicht das erste Mal war, dass ein katholischer Politiker in Großbritannien so antagonistisch angegangen wurde.

„Der Thomas Morus des Frühstücksfernsehens“

„Feindlichkeit gegenüber dem Katholizismus ist in Großbritannien nichts Neues. Tatsächlich ist das heute garnichts im Vergleich dazu, wie es im elisabethanischen Zeitalter zuging“ – einem Zeitalter, in dem es verboten und oft tödlich gefährlich war, Katholik zu sein, bemerkte Coppen.

Statt Angst zu haben vor der manchmal unvermeidbaren Reibung zwischen Glauben und Politik, sollten gläubige Katholiken weiterhin in der Öffentlichkeit dienen, so Coppen.

„Sie sind uns ein Vorbild: wir wollten immer anstreben, der ganzen Gesellschaft zu dienen, denn unser Glaube verpflichtet uns dazu“, sagte er.

Einige Beobachter haben das Zeugnis von Rees-Mogg sogar mit dem des heiligen Thomas Morus verglichen, der gegen die Wiederverheiratung von König Heinrich VIII war, nachdem diesem eine Annullierung seiner Ehe abgelehnt wurde und er daraufhin mit Rom brach und sich zum Oberhaupt seiner eigenen, anglikanischen Kirche machte. Die Treue zur Kirche kostete ihm das Leben, und der heilige Thomas Morus wird often als Schutzpatron der Religionsfreiheit angerufen.

„In der aktuellen Ausgabe des Magazins habe wir eine Schlagzeile, in der Rees-Mogg als ‘der Thomas Morus des Frühstückfernsehens’ bezeichnet wird“, so Coppen weiter.

„Das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, denn er war zwar sehr tapfer, aber er wird dafür wahrscheinlich nicht hingerichtet werden“. Allerdings, fügte Coppen hinzu, würden solche Katholiken im öffentlichen Leben wohl nicht mehr zu bestimmten Dinner-Parties eingeladen werden.

Bischof Mark Davies von Shrewsbury lobte auch Rees-Moggs Worte, und ermutigte Katholiken, weiterhin aktive, gläubige Teilnehmer am öffentlichen Leben zu sein.

„…jenseits des unmittelbaren Aufschreis bin ich mir sicher, dass Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Jacob Rees-Mogg letzten Endes für ihren Mut und ihre Integrität geachtet werden“, sagte er gegenüber Mary Rezac.

„Ich bin davon überzeugt, dass wir in der Politik ein stärkeres christliches Zeugnis brauchen, nicht den Rückzug gläubiger Katholiken aus der Öffentlichkeit und den Debatten der Gegenwart. Die Herausforderung, vor der Christen heute stehen lassen uns deutlicher erkennen, warum der heilige Thomas Morus der Schutzheilige der Politiker ist“.

Die Bundestagswahl findet am 24. September 2017 statt. Die klugen Stimmen praktizierender Katholiken im Vorfeld mutig, laut und deutlich zu hören, ist sicherlich wünschenswert.

Gott sei Dank gibt es hierzulande aber auch mutige Stimmen; etwa die von Natalie Dedreux: Sie bewegte die Bundeskanzlerin mit ihrer Frage zur Abtreibung von Kindern mit Downsyndrom.

So unterhaltsam das wäre: Deutschland braucht nicht unbedingt einen “Thomas Morus des Frühstücksfernsehens”. Aber es braucht mutige Frauen und Männer, die nicht nur ihren Glauben leben, sondern dafür auch öffentlich einstehen: Klar in der Sache, sanft im Ton.

(Zuerst veröffentlicht bei CNA Deutsch)

Der Dandy als Märtyrer und Katachrese

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Milo Yiannopoulos im Jahr 2014 (Foto: NEXTConf via Flickr (CC BY 2.0))

(Diesen Artikel lesen Sie auch in der Tagespost vom 25. Februar 2017 und als Wochenkolumne vom 25. Februar 2017 auf www.CNAdeutsch.de)

Wo er auftrat, flogen die Fetzen, und Millionen Menschen sahen dabei zu. Nicht wenige klatschten Applaus, andere dagegen tobten. Nun hat sich der in den USA lebende Brite Milo Yiannopoulos (33), Darling des globalen Phänomens der “alternativen Rechten”, selbst zerfetzt. Der Tabubrecher mit den vier Buchstaben wurde eines Tabubruchs überführt, der selbst in unserer Zeit noch Konsequenzen hat.

Wer ist Milo Yiannopoulos? Milo präsentiert sich als ein schwuler Katholik mit griechischen Wurzeln, britischem Akzent in der Stimme und blonden Strähnchen im Haar. Ein eloquenter Provokateur und telegener Sensationalist, der sich mit beißender Übertreibung und krudester Polemik über den Islam und Political Correctness äußert; der Feminismus als “Krebsgeschwür” bezeichnet und Donald Trump gerne “Daddy” nennt. Damit erreichte er als öffentlicher Redner und Journalist der umstrittenen Nachrichten-Seite “Breitbart” ein Millionenpublikum.

Öffentlich geriert sich Milo stets als rüder “Kämpfer für die Meinungsfreiheit”. Sichtlich gefällt er sich in der Pose eines furchtlosen Wahrheit-Sagers, dem nichts heilig ist, aber der schon mal gute zehn Minuten damit verbringen kann, einem Saal voll Uni-Studenten zu erklären, warum der katholische Glaube “mit allem recht hat” – um dann detailliert zu schildern, warum er am liebsten mit Afro-Amerikanern intim wird.

Je polarisierender seine Polemik, je heftiger die Reaktionen, desto besser, schien es. Seine “Dangerous Faggot Tour” – die “gefährliche Schwuchtel-Tournee” – durch amerikanische Universitäten war begleitet von Protesten. Sein Auftritt an der University of California, Berkeley, musste abgesagt werden, weil es zu Krawallen kam. Der Popularität seiner Person tat dies keinen Abbruch. Im Gegenteil. Da, wo sich Milo zum Opfer und Sieger gleichzeitig stilisieren konnte, wurde er zum Gewinner. Bislang zumindest.

Denn nun ist Milos Höhenflug erst einmal vorbei. Den Job als leitender Redakteur bei Breitbart ist er los (er kündigte, “um Breitbart zu schützen”). Sein Buch-Deal mit dem Verlag “Simon & Schuster” wurde gestrichen. Der Tabubrecher stürzte über seine eigenen, abstossenden Worte über Päderastie.

In Videos, die jetzt an die Öffentlichkeit gespielt wurden, ist zu hören, dass Milo den sexuellen Umgang älterer Männer mit heranwachsenden Jungen für alles andere als inakzeptabel hält.

Die Supernova explodierte. Hinter einer Sonnenbrille versteckt trat Milo im Maßanzug vor die Presse und teilte mit, er bereue, “dass mein üblicher Mix aus schwulem britischem Sarkasmus, Provokation und Galgenhumor als Frivolität rübergekommen ist; als ein Mangel an Sorge um andere Opfer, oder schlimmer noch, als würde ich dies, in manchen Fällen, unterstützen”. Dies sei nicht der Fall. Für erwachsene Menschen, die Minderjährige missbrauchen, empfinde er nichts als Abscheu.

Freilich entbehrt es nicht einer gewissen tragischen Ironie, dass Milo Yiannopolous selber Opfer sexuellen Missbrauchs durch einen katholischen Priester ist. Er ist über den einen Aspekt seiner Person gestolpert, in dem er selber ein echtes Opfer ist.

Warum aber bleibt das Mitleid für das Opfer Milo aus? Ganz einfach: Der Dandy macht als Märtyrer eine schlechte Figur. Märtyrer sterben für ihren Glauben. Wie alle Heiligen ist ihr Leben letztlich – trotz aller “Brüche” – aus dem einem, richtigen Guss. Ein Dandy verkörpert dagegen den Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Wahrheit und Rhetorik als Haltung. Ja, mehr noch: “Der Dandy, so scheint es, ist eine Katachrese!”, wie der Literatur-Theoretiker Axel Fliethmann schreibt, und erklärt: “Als Abweichung von Sprachkonventionen gehört die Katachrese zum rhetorischen System und als Missbrauch von tropischer Sprechweise (die sogenannte verunglückte Metapher) verstößt sie gegen das Regelwerk der Rhetorik, unterminiert das ganze rhetorische System. Die Katachrese ist weder eigentlicher noch figuraler Ausdruck – oder eben beides.”

Tatsächlich ist hier der Schlüssel zum Verständnis einer wandelnden Katachrese wie Milo, aber auch zum Vexierspiel des so unglücklich mit “postfaktisch” bezeichneten Phänomens einer “alternativen Rechten” und ihrer Protagonisten. Auch sie unterwandern rhetorisch Wahrheit und Anspruch, ja, sie verkörpern diesen Bruch.

Gewiss: Nur weil Populisten, Poser und Performer kommen und gehen, heißt das nicht, dass die Wahrheiten, derer sie sich bedienen, gleich falsch wären. Der Punkt ist, dass sie diese nicht leben. Milo mag weg sein, doch längst bedienen sich andere der Wahrheit und  gerade auch katholischer Inhalte. Sie bemächtigen sich dieser, um rhetorische Pflöcke einzuschlagen, die jedoch nur der eigenen Agenda dienen, nicht dem Königreich Gottes. Das gilt nicht nur für US-Präsident Donald Trump und seinen Chefstrategen (und ehemaligen Breitbart-Chefredakteur) Steven Bannon. Es ist leider auch wahr für ihre viele ihrer politischen Kontrahenten.

Gelöst wird dies nicht durch brust-trommelnde Empörungsgesten und moralisierendes Mobbing; und schon gar nicht durch politisches Agieren, das dann als der Vorwurf von “Denkverboten” und “Gesinnungsterror” zurückgeworfen werden kann. Gelöst wird es durch Aufklärung im besten katholischen Sinne: Dass die objektive Wahrheit nicht Werkzeug zur Selbstdarstellung und Verzerrung ist, auch nicht zur Relativierung und Instrumentalisierung, sondern Fundament und Rahmen allen Lebens, auch und gerade des eigenen.  

Nicht nachmachen also, sondern besser machen: Das ist die Antwort auf Dandies und andere Katachresen. Nicht Milo spielen, sondern etwa auf Mutter Angelica hören, der Gründerin von EWTN, von der nicht nur Papst Franziskus sagt, dass sie im Himmel ist.

 

 

 

Warum CNA Deutsch keinen Jahresrückblick bringt

Das Ritual des Jahresrückblicks gehört zum Presse-Geschäft wie die Kaffee-Tasse neben der Tastatur. Für das Jahr 2016 wird es aber keinen Jahresrückblick geben, zumindest nicht bei CNA Deutsch.

Einmal, weil vieles an diesem Jahr gar nicht schnell genug wieder vergessen werden kann.

Zweitens, weil die schiere Aneinanderreihung chronologischer Ereignisse diesen schlecht gerecht werden kann, und ein Zerrbild produziert, das Übersichtlichkeit suggeriert wo keine mehr herrscht. Und Verwirrung ist eines der Grundprobleme dieser Tage, die gelöst werden müssen, statt sie befeuern, und das nicht nur in der katholischen Kirche.

Drittens mag ein persönlicher Jahresrückblick nützlich sein; als private Reflektion, im Gebet mit Gott vor allem, sogar anregend – aber das ist nicht Aufgabe des Journalismus, und etwaige Hilfestellungen mit Bilderstrecken leisten im 21. Jahrhundert längst die Sozialen Medien besser, weil schöner und persönlicher.

Vor allem aber veröffentlichen wir bei CNA Deutsch keinen Jahresrückblick, weil der diesem zugrunde liegende Anspruch auf den Prüfstand gehört: Die Rolle des Journalismus, und wie Journalisten und Medien diese erfüllen. Wie gut, aber auch wie schlecht wir – ich nehme mich bewusst hier in erster Person als Chefredakteur von CNA Deutsch hinein – unsere Funktion erfüllen.

Was die Arbeit der Presse betrifft, so begann das vergangene Jahr mit einem Offenbarungseid: Das verstörende Versagen mehrerer wichtiger Medien, über die Verbrechen der Silvesternacht auch nur annähernd adäquat zu berichten. Von den zugrunde liegenden Faktoren, die zu benennen, analysieren und fair darzustellen wären, ganz zu schweigen. Ist es seither besser geworden? Leider nicht nur.

Was die Politik und Gesellschaft betrifft, über welche wir als Presse berichten sollten, verlief dieses Jahr mit alarmierenden Versuchen, der Rede- und Meinungsfreiheit Knebel anzulegen, die von manchen Medien unterstützt wurden – statt nüchtern zu berichten, was da geschieht, und es einzuordnen.

Was schließlich die (nicht nur für eine katholische Nachrichtenagentur wie CNA!) wichtigste Institution betrifft – die Braut Christi – so steht die Presse generell, und die konfessionelle besonders, vor der Herausforderung, dass wohl die meisten Menschen zwar ein Bild von der Kirche haben, ja, sogar eine dezidierte Meinung darüber. Aber eine sehr schlecht, oft falsch, informierte. Warum? Weil es an Fakten, an Information und Einordnung fehlt, die in Zeiten rasanter Schrumpfung der einfachsten Grundaspekte des Glaubens umso dringender notwendig wären.

Erzbischof Fulton Sheen hat einmal gesagt:

“Es gibt keine hundert Menschen in den Vereinigten Staaten, welche die Katholische Kirche hassen, aber es gibt Millionen, die hassen, was sie fälschlicherweise für die Katholische Kirche halten”.

Dieses Grundproblem besteht heute mehr denn je im deutschsprachigen Raum – wo Menschen mit “Kirche” eine Art bürokratischen Apparat meinen, nicht sich selber, geschweige denn die ecclesia militans. Und auch deshalb bedarf es einer starken katholischen Presse mehr denn je.

Kaum ein Tag vergeht, wo nicht nur am digitalen Stammtisch Falschheiten über die Kirche zu lesen sind, was verständlich ist, sondern diese auch – was inakzeptabel ist – zu hören sind in politischen Sitzungen, Business-Meetings und akademischen Seminaren, Klassen- und Lehrerzimmern, und eben leider auch und gerade der Presse, die für sich den Anspruch der Deutungshoheit erhebt.

Wenige wissen genug über die Kirche und den Glauben, um sich eine eigene Meinung zu bilden, auch unter getauften Katholiken. Was sie nicht davon abhält, eine zu haben.

Dass es einer großen Katechese und anhand der Sakramente gelebten Umkehr bedarf, um dies zum Guten zu ändern: Das ist Anliegen und Aufgabe aller Katholiken, vom Papst bis zur “ganz normalen” Kirchgängerin.

Darüber zu berichten und dies zu erklären, es einzuordnen und damit zu unterhalten ist Aufgabe katholischer Medien – und nach diesem Jahr 2016 wissen wir: Nächstes Jahr brauchen wir, braucht die Welt wie die Kirche, dies mehr denn je.

Ich hoffe, dass die noch junge deutsche Ausgabe von CNA dabei wieder einen wesentlichen und wachsenden Beitrag spielt – mit Gottes Segen – und dass wir nach diesem schwierigen Jahr alle gemeinsam ein Weihnachtsfest feiern können, dass zum Kind in der Krippe blickt, und mit der uns Christen eigenen Hoffnung und Zuversicht aufs kommende Jahr. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und allen Leserinnen und Lesern von CNA: Frohe Weihnachten!

(Ursprünglich erschienen auf http://www.CNAdeutsch.de)

Die Vergangenheit ist nicht, was sie einmal war” – G. K. Chesterton (Foto: Bohemidan via Pixabay)

Wochenkolumne: Was die Kirche nun braucht – neben einem Christbaum und einer Krippe

Warum sich diese Woche die Kontroverse um Amoris Laetitia zuspitzte – Und eine Klärung immer noch gefordert wird. Eine Einordnung.

Über dem Petersplatz leuchten sie nun, die umweltschonenden Lichter des vatikanischen Christbaums. Herab von der Dolomitenfichte, 25 Meter hoch, auf die fast lebensgroße Krippe. Beide hat Papst Franziskus am gestrigen 9. Dezember feierlich “eröffnet”.

Der feierliche Rahmen der Zeremonie auf dem Petersplatz war versöhnlicher Kontrapunkt in diesem Advent, der nicht nur feierlich und friedlich für die Kirche begonnen hat.

Franziskus erinnerte daran, dass es letztlich um Jesus Christus geht: Darauf verweist das Kind, das bereits in der Krippe auf dem Petersplatz liegt.

Wie am Malteserkreuz, der Kleidung und Werkzeugen der Figuren zu erkennen ist – und an einem landestypischen Boot, das auch gleich an die Massenmigration übers Mittelmeer miterinnert – ist diese Krippe ein Geschenk der Erzdiözese Malta. Vertreter des Bistums und der Künstler, Manwel Gretch, waren zugegen, als der Heilige Vater darüber sprach, dass die Krippe “in Kirchen, Häusern und an vielen öffentlichen Plätzen eine Einladung, Platz für Gott zu machen in unserem Leben und unserer Gesellschaft” sei.

Einen Beitrag dazu sollten, ja, müssten eigentlich auch Journalisten leisten: Das forderte Franziskus diese Woche in einem neuen Interview. Das Gespräch mit einer katholischen Wochenpublikation aus Belgien hatte jedoch den gegenteiligen Effekt. Weltliche Medien berichteten die Aussage verzerrt; und katholische Kommentatoren echauffierten sich über die Wortwahl des Papstes. Am Ende war von der “Botschaft der Brüderlichkeit (…) und Solidarität”, über die Franziskus vor der Krippe auf dem Petersplatz sprach, wenig übrig.

Wie es dazu kam, erklärt beispielhaft, warum und wie es derzeit alles andere als beschaulich zugeht.

Eine koprophile Presse – und koprophage Leser?

Was war geschehen? Nun, der Papst warnte “die Medien” im Interview davor, “nicht – verzeihen Sie mir den Ausdruck bitte – an Koprophilie zu erkranken, die bedeutet, immer Skandale kommunizieren zu wollen, hässliche Dinge mitzuteilen, selbst wenn diese wahr sind.”

Wie so oft lohnt es sich, auch dieses Interview mit dem Pontifex, wenn überhaupt, dann in seiner vollen Länge und sehr sorgfältig zu lesen. Der Vatikan hat es in englischer Sprache auf seiner Website veröffentlicht.

Weltliche Medien, darunter etwa der britische “Guardian”, behaupteten mit Verweis auf dieses Interview nun, der Papst habe sich mit diesen Aussagen gegen “Fake News” gerichtet. Das ist – wie das Zitat zeigt – nicht richtig, und zudem ein unredlicher Versuch, den Papst vor den politischen Karren der “Fake News”-Agenda zu spannen, der gerade medial die Runden macht. Franziskus spricht aber nicht von dieser “Fake News”, sondern von echter, die aber nicht erbaulich ist, sondern skandalisiert.

Ob oder wie diese bemerkenswerte Forderung des Papstes mit der demokratischen Funktion des Journalismus vereinbar ist, wäre eigentlich die relevante Frage – die nun nicht gestellt wurde. Dass ausgerechnet Medien damit sich der Sünde schuldig machen, die anhand des Themas “Fake News” externalisiert werden soll, ist kein Trost. Dass dabei ausgerechnet zum Thema “Fake News” einzelne Journalisten wieder einmal falsch und verfälschend argumentieren statt ordentlich zu berichten, zeigt jedoch, wie dringend die Professionalität der Presse auf den eigenen Prüfstand gehört. Wer sich nicht mit dem gefährlichen Vorwurf der “Lügenpresse” beschimpfen lassen will, sollte gerade bei diesen Themen auf sauberes Handwerk achten.

Doch der Papst diagnostizierte nicht nur die Gefahr einer an “Koprophilie” krankenden Presse. Er sagte weiter: “Und nachdem Menschen eine Tendenz zur Erkrankung an Koprophagie haben, kann dies großen Schaden anrichten”.

Unabhängig von der Absicht ist eine solche eindeutig zweideutige Wortwahl für viele Gläubige befremdlich; nicht wenige werden nicht einmal gewußt haben, was diese skatologischen Begriffe bedeuten. Vielleicht würden es manche auch gerne wieder vergessen, und das nicht nur zur Adventszeit.

Ob man darin gleich einen weiteren direkten Hinweis dafür sehen muss, wie Blank die Nerven im Vatikan liegen, ist zwar fraglich. Immerhin ist “Unser guter Papa Franz” (Radio Vatikan-Redakteurin Gudrun Sailer) dafür bekannt, “bisweilen flapsig” (Erzbischof Georg Gänswein) zu reden. Verwunderlich wäre es allerdings nicht, denn der Druck auf den Papst wächst.

Klärungsbedarf in Sachen Freude der Liebe?

Wer einen genaueren Blick auf die Debatten der vergangenen Tage geworfen hat, weiß: Neben dem – formal sehr höflichen – Bittbrief der vier Kardinäle mit ihren fünf Dubia, der inzwischen einige öffentliche Unterstützer gefunden hat, gibt es eine Reihe weiterer Bitten um Klärung und Klarstellung zu Amoris Laetitia.

So haben, wie nun bekannt wurde, zwei renommierte katholische Philosophen einen 37 Seiten starken, offenen Brief an den Papst geschrieben. Sie bitten Franziskus, mögliche Fehlinterpretationen seines Schreibens auszuräumen. Und bereits vor den Dubia ist ein Schreiben von 45 Theologen veröffentlicht worden, welche die “Freude der Liebe” peinlich genau seziert. Die Anamnese fällt dramatisch aus.

Nun mag man zum Inhalt dieser Schreiben stehen wie man will; man mag auch nur Unbehagen ob deren Veröffentlichung verspüren, oder sie für dringend nötig halten. Fest steht dennoch eines: Trotz Versicherungen päpstlicher Mitarbeiter, wie etwa des Jesuitenpaters Antonio Spadaro gegenüber Austen Ivereigh auf “Crux”, dass doch alles klar sei, ist ein wichtiges Segment der Weltkirche der Meinung, dass dies nicht der Fall ist. Die Verwirrung und widersprüchlichen Interpretationen sind nicht einfach zu ignorieren, so der renommierte Vatikanist John Allen auf der gleichen Website; Allen stellt nüchtern fest: “Ob diese nur eine Minderheit sind, ist egal – sie können nicht einfach ignoriert werden, denn zu ihnen gehören führende Persönlichkeiten der Hierarchie”. Mehr noch: Schon die Tatsache, dass sich Pater Spadaro diesen so stelle, zeige ja, dass Fragen zu Amoris Laetitia offen sind, so Allen.

Worum es geht

Der Klärungsbedarf, dem diesen Kritikern zufolge der Papst bislang aus dem Weg zu gehen versuche, verhandelt weit mehr, als nur die ohnehin schon kontrovers diskutierte Frage, ob und wie geschiedene Wiederverheiratete zur Kommunion zugelassen werden können oder sollten.

Wie der Freiburger Theologie-Professor Helmut Hoping in der “FAZ” schreibt: “Für liberale Bischöfe und Theologen ist die Frage der Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene ein Türöffner zur Revision der katholischen Sexualmoral insgesamt”. Gebe man in ihrem Bindungsanspruch erst einmal die traditionelle Lehre auf, die als Ort gelebter Sexualität ausschließlich die gültige Ehe von Mann und Frau vorsehe, so Hoping, dann “könnte die katholische Kirche wie die evangelische auch eheähnlichen Verhältnissen ihren Segen geben, einschließlich gottesdienstlicher Segensfeiern”.

Gleichzeitig ist der Ton, der den Kardinälen und anderen entgegenschlägt, die um eine Klarstellung bitten, enorm eskaliert. Von “Freude der Liebe” kann keine Rede sein, wenn deutsche Theologen, ein römischer Rota-Richter oder ein griechischer Bischof wortmächtige “Drohkulissen aufbauen” (Helmut Hoping), die sich allerdings gegen die Person der Kardinäle richtet, nicht den Inhalt ihres Schreibens.

Die Vehemenz mag den Ernst der Lage unterstreichen; aber gerade weil es letztlich um die Einheit der Lehre und Kirche geht, sollte als Konsens auf allen Seiten gelten: “Don’t judge!”, “(Ver)urteile nicht!”, mahnte EWTN Deutschland-Intendant Martin Rothweiler bei “Katholisch.de”.

Im Licht des Christbaums sagte Papst Franziskus gestern: “Die Krippe und der Baum bilden eine Botschaft der Hoffnung und der Liebe und helfen dabei, eine förderliche Weihnachtsatmosphäre zu schaffen, um mit Glauben das Geheimnis der Geburt des Erlösers zu erleben, der in Einfachheit und Demut auf die Erde gekommen ist.”

Diese klare Einfachheit des Erlösers und dessen Demut, an die uns der Heilige Vater erinnert: Sie ist es, die Jesus nicht nur selber vorgelebt hat, sondern auch von uns einfordert, wenn er im Matthäusevangelium, kurz nach der Bergpredigt, klipp und klar sagt: “Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen” (Mt 5,37).

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(Ursprünglich veröffentlicht auf www.CNAdeutsch.de

Brennende Müllcontainer

Kein schönes, aber ein treffendes Bild hat der digitale Volksmund Amerikas für den Wahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton gefunden: “It’s a Dumpster Fire”. Genau, ein brennender Müllcontainer.
Wenn nun – endlich! – das Feuer dieses Wahlk(r)ampfes erst einmal erlischt, dann steht die USA vor der gewaltigen Aufgabe, eine bis zum Zerreissen gespannte Gesellschaft neu zusammen zu bringen, ja zu heilen. Dazu hat Carl Anderson nun die Katholiken Amerikas aufgerufen. Anderson steht der einflussreichen Laienorganisation der Kolumbusritter vor. Der Oberste Ritter der Knights of Columbus sagte wörtlich: “Die Frage, die wir uns stellen sollten, ist diese: Wie Katholiken in Amerika in Zukunft eine Quelle der Einheit und Versöhnung sein können, oder ob wir ein Grund für weitere Spaltung und Feindseligkeit sein werden”.
Diese Frage sollten sich dringend auch wir Katholiken in Deutschland stellen; sowohl mit Blick auf unsere eigene Gesellschaft – als auch unsere Kirche.
Erstens: Welchen Beitrag leisten wir und unsere katholischen Meinungsführer eigentlich zum öffentlichen Diskurs? Ermutigen wir unsere Bischöfe, Funktionäre, Lehrstuhlinhaber einen vereinenden, versöhnenden zu leisten, statt zu spalten, pöbeln, anzufeinden? Das bundesdeutsche “Dumpster Fire” brennt schon ohne katholisches Öl hell genug!
Zweitens: Wir brauchen innerkirchliche Einheit und Versöhnung, statt Rauchbomben, die Verwirrung stiften und Brandsätzen, die an der Einheit der Kirche und ihrer Lehre zündeln.
Wenn ich höre und sehe, wie manche Katholiken öffentlich agieren, komme ich mir gelegentlich vor wie in einem Sketch von Monty Python. Unsere Gesellschaft braucht uns Katholiken aber weder als unbiedere Brandstifter noch als Laientruppe einer “Leben des Brian”-Inszenierung. Unser Land braucht Jesus Christus, und Menschen die seine heilende, Frohe Botschaft verkünden und leben.

(Crosspost meines “Standpunkt”-Kommentars heute auf katholisch.de)

Wir brauchen eine Wahlpflicht

Als Spektakel kaum zu überbieten ist, was unter dem Begriff “Wahlkampf” gerade in den USA abläuft. Neben anderen Aspekten – dazu gehört ein bizarrer Unterhaltungswert – brennt nicht nur Katholiken dort eine Frage unter den Nägeln: Für welchen Kandidaten kann ich bitte stimmen?

Wie, ja ob diese Frage überhaupt zu beantworten sei, ist Gegenstand robuster Debatten – und sogar wissenschaftlicher Untersuchungen. Deren Bilanz zieht der Forscher Mark Gray von der Georgetown University wie folgt: Die meisten Amerikaner wollen weder Hillary Clinton noch Donald Trump. “Bei der Wahl 2016 geht es nicht darum, für einen Kandidaten zu stimmen, sondern gegen einen. Die Wahlbeteiligung wird der entscheidende Faktor sein.”

Persönlich mag ich bedauern oder erleichtert sein, nicht in den USA wählen zu dürfen. Aber wie ist es mit Deutschland? Trotz aller – zum Teil kategorischer – Unterschiede: Auch hier spielt die Versuchung, gegen jemanden oder etwas zu stimmen, eine riskante Rolle. Und auch bei uns wird 2017 die Wahlbeteiligung entscheidender Faktor sein.

Die “Herrschaft des Volkes”, die eine Demokratie sein will, ist immer nur so gut, wie die Menschen sich zu ihr bekennen und verhalten. Ein probates Mittel dafür, ein gesundes demokratisches Selbstverständnis zu pflegen, mit einer ganzen Reihe positiver Konsequenzen, ist die Wahlpflicht.

Als australischer Staatsbürger habe ich diese persönlich kennen- und schätzengelernt. Nicht nur, weil die Wahlbeteiligung meist bei rund 94 Prozent liegt; sondern auch, weil ein echtes “Wir-“Gefühl entsteht am Wahltag, egal wie er ausgeht. Vielerorts brutzelt am Wahllokal sogar der Würstelgrill; man trifft Nachbarn und Freunde, diskutiert die Lage und fühlt sich beteiligt. Das wünsche ich mir auch in Deutschland und den USA.

“Wahlpflicht” mag negativ klingen für manche Ohren – wie ja auch “Sonntagspflicht”. In Wahrheit aber tut sie – wie das Sonntagsgebot – der Gesellschaft gut, und dem Menschen in ihr. Wir sollten sie einführen – und feiern.

(Originally published as “Standpunkt” on katholisch.de on 26 September 2016)

Der Krieg als Chance: Drei konkrete Vorschläge nach dem Terror-Angriff auf Brüssel

“Wir befinden uns im Krieg”. Damit hat Frankreichs Premier Manuel Valls gestern auf den Punkt gebracht, was nicht erst seit Brüssel bitterste Wahrheit ist. Es herrscht Krieg. Auch wenn viele unter uns — auch ich — es eigentlich nicht wahrhaben wollen. Und nun? Die Frage ist, wie wir ehrlich, sachlich und differenziert damit umgehen, und dann vor allem handeln. Ohne selbst-verordnete Scheuklappen oder emotionale Hysterie. Als Christen, als Bürger, als Gesellschaft. Was also tun? Drei Dinge würde ichvorschlagen:

1)     Die Opfer beim Namen nennen, für sie beten — und ihren Hinterbliebenen beistehen. Christen, aber auch Jesiden, Atheisten, Juden, Muslime; alle, die den Terroristen zum Opfer fallen, egal ob in Brüssel, auf dem Sinai oder in Istanbul. Gedenken wir ihrer, und helfen wir den Überlebenden; auch mit Asyl.

2)     Den Gegner beim Namen nennen, für ihn beten — und sich seiner wehren. Wie wir uns vor andere stellen würdenwelche uns und unserer Freiheit an die Kehle wollen. Das ist auch Christenpflicht. Der selbst-ernannte Islamische Staat lebt eine mörderische Ideologie, die weder uns respektiert noch unsere Demokratie und Werte, noch die meisten anderen, inklusive dem übrigen Islam. Völlig egal, ob er sich IS nennt, oder als Takfirismus, Salafismus etikettiert wird: Diese Ideologie hat keinen Platz in unserer Gesellschaft. Nicht in unseren Flüchtlingsheimen, nicht an unseren Schulen, in unseren Fußgängerzonen, den sozialen Medien — und schon gar nicht in unseren Moscheen und Kulturvereinen.  Ein Islamgesetz, robuster Schutz sowie eine rationelle Migrationspolitik wären ein Anfang.

3)     Diese Bedrohung, dieser Krieg, ist auch eine Gelegenheit, die “doppelte tiefgreifende Krise” des Glaubens in Europa zu überwinden, die Papst emeritus Benedikt XVI. unlängst diagnostiziert hat und auch Franziskus tadelt. Auch der – endlich anerkannte – Völkermord des IS und sein Terror sind ein Aufruf zur Umkehr und zum Zeugnis seiner Liebe.

(Dieser Kommentar wurde veröffentlicht als “Standpunkt” auf http://www.katholisch.de)

Umberto Eco zum Abschied: Der Guerilla-Gärtner in der katholischen Botanik

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Umberto Eco im Jahr 1987. Bild: Reichsfotoarchiv im Nationalarchiv der Niederlande, Den Haag (CC BY-SA nl)

 

Frommere Menschen als ich mögen in Umberto Eco einen dieser scheußlichen Intellektuellen sehen, die mit ihren postchristlichen Protagonisten fröhlich im frommen Unterholz toben, im Dienst an der eigenen Sache (nicht der unseres Herrn). Ein Vorwurf, der nicht unberechtigt ist, aber der Eco und seinem Beitrag zur christlichen Kultur, vor allem Europas, nicht gerecht wird.

Die behutsame Beschneidung einer Blumenhecke schadet dieser nicht. Vielmehr bringt sie Wachstum und neue Blüte. Eco war ein großer Guerilla-Gärtner in der katholischen Botanik. Er hat vieles zum Blühen gebracht, Duftendes wie Fades, Wichtiges wie Witziges. Unvergessen sein Vergleich der Betriebssysteme von PC und Macintosh mit katholisch und evangelisch.

Umberto Eco war aber nicht nur Schriftsteller sondern auch Gelehrter der Semiotik, der Wissenschaft vom Wesen und Gebrauch von Zeichen. Als solcher hat er, der einst über „das ästhetische Problem beim heiligen Thomas“ promovierte, allen Kulturschaffenden neue Werkzeuge und Techniken geschenkt, mit denen wir selber schneiden, propfen und pflanzen können. Auch und gerade als Katholiken in unserer Zeit, an unserer Kultur.

Beispiel Massenmedien: Eco ist Vordenker einer „semiologischen Guerilla“ und der unterschätzten Technik des „Culture Jammings“, der kreativen Störung medialen Unkrauts und institutionellen Wildwuchses. Das digitale Zeitalter braucht eine katholische Kommunikationsguerilla; Menschen, welche mit der Frohen Botschaft unsere Kultur und Gesellschaft kreativ stutzen und veredeln, die so den Glauben zum Blühen bringen im medialen Humus unserer Zeit.

Auch wenn er selber nicht an Gott geglaubt haben mag: Umberto Eco war ein Geschenk des Himmels, und das — wie passend für einen Semiotik-Professor! — buchstäblich: Der Name „Eco“ soll für „Ex Caelis Oblatus“ stehen. Es heißt sein Großvater, ein Findelkind, habe diesen von einem Beamten erhalten. Am 19. Februar ist Umberto Eco im Alter von 84 Jahren verstorben.

(Crossposted: Der “Standpunkt” vom 22. Februar 2016 auf http://www.katholisch.de)