Journalisten vor Gericht im Fall Pell

Der Freispruch des australischen Kardinals nach einem spektakulären Schuldspruch könnte weitere juristische Konsequenzen nach sich ziehen


von Anian Christoph Wimmer (4135 Anschläge)

Wenn Journalisten dafür vor Gericht stehen, dass sie ihren Beruf ausüben, zumal in einer westlichen Demokratie, ist der Alarm-Reflex vorprogrammiert. Die Nachricht, dass in Australien führenden Medien der Prozess für ihre Berichterstattung im Fall von Kardinal George Pell gemacht wird, sorgte in den vergangenen Tagen weltweit für aufgeregte Schlagzeilen.

Insgesamt sind 18 Journalisten und 12 Medienorganisationen auf der – wegen der Covid-19-Pandemie digitalen – Anklagebank des Supreme Court of Victoria. Sie werden beschuldigt, die Nachrichtensperre gebrochen zu haben, die während des zweiten Geschworenen-Verfahrens gegen Pell verhängt wurde.

Verstöße gegen Nachrichtensperren können mit bis zu fünf Jahren Gefängnis und Geldstrafen von fast 100.000 Australische Dollar (rund 62.000 Euro) für Einzelpersonen und fast 500.000 AUD für Unternehmen geahndet werden.

Vor der Sperre hatten australische Medien und Juristen die Frage aufgeworfen, ob Geschworene durch eine jahrelange – zum Teil vehemente – Berichterstattung über Pell negativ beeinflusst werden könnten.

Als Pells zweiter Prozess im Juni 2018 begann, ordnete das Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft die Einführung einer umfassenden gag order an. Diese “Knebelverordnung” ist im britischen und australischen Rechtswesen durchaus üblich. In der Causa Pell sollte sie verhindern helfen, dass Geschworene von der Berichterstattung, vor allem über den ersten Prozess, negativ beeinflusst werden könnten. In diesem hatten Geschworene den Kardinal weder schuldig noch unschuldig befunden.

Im zweiten Verfahren befanden die Geschworenen den Kardinal bekanntlich für schuldig: Pell wurde zu sechs Jahren Gefängnis wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Der Kardinal saß davon 13 Monate ab, bis Australiens Oberster Gerichtshof im April 2020 das Urteil aufhob. Pell ist mittlerweile nach Rom zurückgekehrt.

Die Nachrichtensperre sollte Medien nur daran hindern, über den Prozess zu berichten, wenn ihre Berichterstattung auch in Australien verfolgt werden konnte. Globale Nachrichtenagenturen wie die Catholic News Agency – samt ihrer hiesigen Tochter, CNA Deutsch – schalteten daher den Zugang zu Stories über das Verfahren für Leser in Australien ab. Viele australische Medien dagegen protestierten: Sie berichteten, dass sie nicht berichten konnten – eine Zeitung schrieb “ZENSIERT” auf ihr Titelblatt – und andere Medienschaffende versuchten, die Sperre zu umgehen. Ein Radiomoderator etwa forderte Hörer auf, bestimmte Begriffe im Internet zu suchen. Denn dort waren diese zu finden: US-Zeitungen etwa hatten trotzdem über den Fall berichtet, von Kommentaren und Auslassungen in Sozialen Medien ganz zu schweigen.

Wie sinnvoll Nachrichtensperren im digitalen Zeitalter sind, ist somit die Frage, die Richter John Dixon in seiner Urteilsfindung mit erwägt. Nicht wenige Beobachter rechneten mit einem Freispruch für die Medien, nachdem Dixon am 23. November mitteilte, “in einigen Tagen” sein Urteil verkünden zu wollen.

Wenn aber Journalisten im digitalen Zeitalter keinen solchen “Knebel” verpasst bekommen können, ist die Frage nach einer Beeinflussung Geschworener durch Berichterstattung umso virulenter. In anderen australischen Bundesstaaten hat die Justiz für prominente Prozesse wie der um Pell bereits die Möglichkeit, das Verfahren von einem Richter ohne Geschworene beurteilen zu lassen. Victoria ist eine der wenigen Gerichtsbarkeiten in Australien, die diese Option eines Bench-Trial bislang nicht hat.

Die Anzeichen einer dahin gehenden Reform gibt es freilich schon länger: Im Jahr 2018 sagte Victorias Staatsanwältin Jill Hennessy der Melbourner Zeitung “The Age”, die Option von Verfahren ohne Geschworene in prominenten Fällen zu prüfen. Der Sprecher der Australian Lawyers Alliance, Greg Barns, sagte damals, dies sei höchste Zeit – angesichts “der medialen Übersättigung in einer Ära sozialer Medien, unverantwortlicher Berichterstattung und gezielter Kampagnen gegen Personen”.

Mit Spannung wird nun erwartet, ob die Behörden weitere Aspekte des spektakulären Falls Pell ermitteln – darunter die Frage angeblicher Überweisungen aus dem Vatikan.

(Zuerst veröffentlicht in der Wochenzeitung “Die Tagespost”.)

‘Clarifying discussion’ at the Vatican: German bishops expected to discuss parish instruction

The German Bishops’ Conference has said it will accept the Vatican’s invitation to discuss the new instruction on parishes at a meeting in Rome, suggesting that it will be accompanied by laymen representing the “Synodal Process” under way in Germany.

At the conclusion of their meeting in the Bavarian town of Würzburg Aug. 24, the permanent council, comprising the diocesan bishops of the 27 Catholic dioceses in Germany, announced the decision that Bishop Georg Bätzing of Limburg would “accept the offer of conversation made by the Prefect of the Congregation for the Clergy, Cardinal Beniamino Stella”.

More here: https://www.catholicnewsagency.com/news/german-bishops-to-accept-vatican-offer-of-clarifying-discussion-on-parish-instruction-96115

Funeral of Georg Ratzinger – Interview with EWTN NEWS Nightly

Funeral services were held Wednesday in Germany for Msgr. Georg Ratzinger, the older brother of Pope Emeritus Benedict XVI, who died on July 1 at the age of 96. Pope Benedict visited his brother in Germany last month. He followed the Mass via the internet. Anian Christoph Wimmer, editor-in-chief of Catholic News Agency Deutsch, tells us about the memorial and the legacy of Msgr. Ratzinger.

Video: Interview with EWTN News Nightly on why record numbers are leaving the Catholic Church in Munich

A record number of people left the Church in the German Archdiocese of Munich and Freising last year, a local statistical office said Tuesday (May 25, 2020).

The Munich statistical office told CNA Deutsch, CNA’s German-language news partner, May 26 that 10,744 Catholics formally withdrew from the Church in 2019. It noted that this was a fifth higher than in 2018, when 8,995 people left. 

Was hat der Fall Pell mit der italinischen Mafia zu tun?

Was hat der Fall Pell mit der italienischen Mafia zu tun?

von Anian C Wimmer

Simon Overland ist für seine robust-australische Ausdrucksweise bekannt. Als der ehemalige “Top Cop” im Kampf der Polizei gegen einen blutigen Bandenkrieg vor wenigen Tagen jedoch zugab, dass seine Beamten “wahrscheinlich” Rechtsbeugung begangen und auf jeden Fall “fucking unethical” gehandelt haben, um eine als Polizeispitzel agierende Mafia-Anwältin zu schützen, platzte eine Bombe, die auch die dicken Gefängnismauern erschüttern könnte, hinter denen Kardinal George Pell weiter in Einzelhaft sitzt.

Overlands Kraftausdruck war begleitet von der Enthüllung, dass sich führende Beamte der Polizei von Victoria darüber ausgetauscht haben, wie Ermittlungen gegen Kardinal George Pell von einem eigenen Skandal historischen Ausmaßes ablenken konnten, der nun an als “Lawyer X”-Affäre die Öffentlichkeit und Justiz erschüttert.

Emails aus dem Jahr 2014 belegen, dass sich Victorias damaliger stellvertretender Polizeichef Graham Ashton und sein Pressesprecher Charlie Morton darüber austauschten, wie die Presse sich auf den Kardinal stürzen würde – statt auf einen Skandal aus den eigenen Reihen der Polizei. In einer auf den 1. April 2014 datierten Email empfiehlt Morton dem damaligen Deputy CommissionerAshton ausdrücklich, zum Fall “Lawyer X” nicht vor die Presse zu treten, da bevorstehende Ankündigungen über Kardinal Pell die Aufmerksamkeit der Medien und Öffentlichkeit auf sich ziehen werden.

“Morgen kommt das Pell-Zeugs. Das fegt (das Thema “Lawyer X”) von allen Titelseiten”, schreibt Morton im gleichen Zeitraum an Ashton: Wenn die Medien erst einmal mit dem katholischen Kirchenmann beschäftigt sind, so der Pressesprecher dem stellvertretenden Polizeichef, muss schon ein prominenter, verurteilter Verbrecher eine Aussage machen, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erregen.

An die Öffentlichkeit gelangt ist diese Email jetzt dank Aussagen der Verantwortlichen vor einer Royal Commission, einer eigens eingesetzten Untersuchungskommission mit richterlichen Befugnissen zum Fall “Lawyer X”. Als “Kommission Ihrer Majestät” genießt diese Royal Commission weitreichende juristische Vollmachten – auch der Oberste Polizeichef eines Bundesstaates, zu dem mittlerweile Gavin Ashton befördert worden ist, muss sich deren Fragen stellen.

Die Einzelheiten werden erst nach und nach bekannt, doch der “Lawyer X” liest sich jetzt schon wie ein schier unglaublicher Krimi, der vor der blutigen Kulisse der “Melbourne Ganglands Killings” spielt, die selbst bereits verfilmt worden sind.

Im Kern geht es dabei um die Juristin Nicola Gobbo, die als Rechtsanwältin führende Mafia-Bosse vor Gericht vertrat – und gleichzeitig jahrelang offenbar gegen Millionen Dollar der Polizei Victorias als Informantin und “Top-Spitzel” diente, im Kampf gegen zwei Gruppen der ‘Ndrangheta und andere Banden organisierter Kriminalität.

Nach eigenen Angaben hat Nicola Gobbo von 1995 bis 2009 als Spitzel der Polizei geholfen, in 386 Strafverfahren Verurteilungen vor Gericht zu erzielen –Urteile, von denen nun einige erneut vor Gericht kommen könnten, denn Gobbo brach offenbar wiederholt das Anwaltsgeheimnis und weitere Pflichten und Vorschriften.

Gleichzeitig war Gobbo vor allem Anwältin von Mitgliedern der einflußreichen ‘Ndrangheta: Die kalabrische Mafia ist seit über 100 Jahren in Australien aktiv, nach wie vor in enger Verbindung zum “Mutterland”, und Berichten zufolge in Drogenkriminalität, Geldwäsche, Erpressung sowie Bestechungsfälle verwickelt.

Die Emailkorrespondenz über “Lawyer X” und Kardinal Pell zwischen den Polizeibeamten Morton und Ashton im Jahr 2014 hatten einen konkreten Anlass: Ein Radio-Sender in Melbourne war kurz davor, Nicola Gobbo öffentlich und namentlich zu identifizieren. Angekündigt war die Enthüllung eines der “größten Skandale überhaupt in der Geschichte Victorias”, der dazu führen könnte, “dass Killer wieder auf freien Fuß kommen”. Die Identifizierung wurde in letzter Minute verhindert. Eine Verfügung des Obersten Gerichtshofes verbot die Veröffentlichung: Auftakt jahrelanger juristischer Anstrengungen der Polizei, den Fall nicht öffentlich werden zu lassen. Insgesamt soll die Polizei rund 4,5 Millionen australische Dollar an Kosten dafür aufgebracht haben – das sind rund 3 Millionen Euro.

Was genau die “Ankündigungen” über Pell sein sollten, ist aus den Emails der beiden ranghohen Polizisten nicht klar ersichtlich. Zu diesem Zeitpunkt hatte Pell lediglich als Zeuge vor der damaligen Royal Commission über Missbrauch ausgesagt. Fest steht auch, dass Pell im April 2014 erst seit einigen Wochen im Vatikan als Präfekt des Wirtschaftssekretariats diente. In diese Rolle hatte ihn Papst Franziskus berufen, um im Vatikan finanzielle Korruption und Misswirtschaft zu bekämpfen sowie Transparenz und Rechenschaft einzuführen.

Fest steht inzwischen auch, dass im Jahr 2013 die Polizei von Victoria die “Operation Tethering” startete: Beamte begannen, offenbar ohne konkreten Tatverdacht, gegen Kardinal Pell zu ermitteln – zumindest war weder Anzeige gegen Pell erstattet worden, noch gab es etwa Vorwürfe mutmaßlicher Opfer. Mehr noch: Nachdem die Ermittlungen zwei Jahre lang nichts ergaben, wurde “Operation Tethering” im Jahr 2015 nach Recherchen der “Catholic News Agency” (CNA) formal bestätigt und ausgeweitet. Weitere zwei Jahre später dann wurde gegen Pell Anklage erhoben wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauchs zweier Minderjähriger. Im Jahr 2018 wurde der Kardinal verurteilt – auf Grundlage der Aussage eines einzelnen Zeugen, ohne weitere Indizien und trotz gegenteiliger Aussagen mehrerer Augenzeugen. Das andere mutmaßliche Opfer, inzwischen verstorben, hat den Tatvorwurf vor seinem Tod ebenfalls mehrfach deutlich bestritten.

Für die meisten Medien ist George Pell der “ranghöchste katholische Geistliche, der bisher wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde”. Kritische Beobachter – etwa George Weigel – ziehen einen Vergleich mit der Dreyfus-Affäre: Der berühmte Justizirrtum um den jüdischen Artillerie-Offizier erregte auch weltweit Aufsehen und verhandelte brennende gesellschaftliche Themen.

Wie es nun in der Affäre für die eigentliche Person Pell weitergeht, ist unklar: Nachdem das Berufungsgericht in Melbourne mit einer Zweidrittelmehrheit den Schuldspruch bestätigt hat, soll das Verfahren nun im Jahr 2020 mit Blick auf ein Berufungsverfahren vor dem Obersten Gerichtshof in Canberra gehört werden. Bis dahin sitzt der 78-jährige weiterhin hinter Gittern – Berichten zufolge in Einzelhaft. Die Behörden erlauben ihm auch nicht, die heilige Messe zu feiern.

An Heiligabend sang eine Gruppe australischer Katholiken vor dem Gefängnis Weihnachtslieder für den ehemaligen Erzbischof von Melbourne und Sydney. “Wir wollen dem Kardinal so mitteilen, dass er geliebt und an Weihnachten nicht vergessen wird”, so einer der Sänger gegenüber CNA am 24. Dezember 2019. Das “Konzert” sei spontan zustande gekommen, nachdem eine Person mit dem Pseudonym “Albert Dreyfus” dies in den sozialen Netzwerken vorgeschlagen hatte.

Analyse: Kardinal Pell und der Kulturkampf

Nicht nur die Nachricht, dass Kardinal George Pell vor dem High Court in Berufung gehen will, hat gewaltigen Wirbel verursacht. Auch die öffentlichen Reaktionen auf die Reaktionen zu diesem neuen Kapitel in der Affäre Pell sind geprägt von der rhetorischen Härte und polemischen Heftigkeit, die Kulturkämpfe auszeichnet.

Aber worum geht es eigentlich?

Die Positionen scheinen auf den ersten Blick klar: Auf der einen Seite stehen alle, die Zweifel am Verfahren und Schuldspruch gegen den ehemaligen Finanzchef des Vatikans wegen des sexuellen Missbrauchs zweier Chorknaben in den 1990er Jahren haben. Auf der anderen stehen jene, die Pell für schuldig halten.

Doch dieser Eindruck ist zu oberflächlich. Das zeigt einmal die Vehemenz, mit der öffentlich eingefordert wird, die Verurteilung müsse nun doch anerkannt werden. So zeigte sich die prominente Politikerin Kristina Kenneally mit großer Wortgewalt im Fernsehen “sprachlos” darüber, dass der Melbourner Erzbischof Peter Comensoli glaubt, dass Pell unschuldig sei – und dies auch öffentlich sagte. Obwohl Comensoli im gleichen Atemzug dem mutmaßlichen Opfer Hilfe und Beistand angeboten hatte, bezeichnete die katholische Labor-Senatorin Keneally im Interview mit dem Sender “Sky News” dies als “gleich auf mehreren Ebenen erschütternd”.

Selbst wer hier noch keine ideologischen Töne zu hören vermochte, wurde durch Zeitungen wie der australischen Ausgabe des “Guardian” informiert, dass es eben Kulturkampf ist – zum Beispiel mit einem Cartoon, der kommentierte:”Pell ist im Gefängnis, wo er hingehört, und die Kulturkämpfer sind zornig, weil einer der Ihren gestürzt ist”.

Dass hier mehr verhandelt wird, zeigt auch, dass in der Affäre Pell nun über das Beichtgeheimnis gestritten wird. Dessen Aufkündigung fordert etwa Louise Milligan, die mit ihrem Buch “The Rise and Fall of Cardinal Pell” das öffentliche Bild des Kardinals als Pädophilen prägte. Das Buch räumte zahlreiche öffentliche Preise ab und steht für die Wahrnehmung einer Kirche als “Männerbund”, der sich seiner Privilegien – zu der das Beichtgeheimnis gehört – entledigen müsse.

Für Aktivisten wie Leonie Sheedy ist der Fall klar. Gegenüber der “BBC” sagte die Australierin: “Die kleinen Leute haben gewonnen”. Die katholische Kirche sollte nun den Opfern Geld geben, statt sich teure Anwälte für Berufungsverfahren zu leisten.

Aber haben die “kleinen Leute” gewonnen, oder wurde ein Unschuldiger durch ein juristisches Verfahren schuldig gesprochen, dass so nie hätte stattfinden dürfen angesichts massiver Hetze und ideologisch aufgeheizter Stimmung, wie nun Kommentatoren wie der Kolumnist Andrew Bolt der Zeitung “Herald Sun” warnte?

Einen Vergleich mit der Dreyfus-Affäre hat bereits George Weigel gezogen. Im Magazin “First Things“, unter dem Titel “die australische Schande”, schrieb der Autor und katholische Intellektuelle am 21. August: “Vernünftige Menschen werden sich fragen, ob es sicher ist, in einem sozialen und politischen Klima zu reisen oder Geschäfte zu machen, in dem eine Mob-Hysterie, ähnlich derjenigen, die Alfred Dreyfus auf die Teufelsinsel geschickt hat, offensichtlich Geschworene beeinflussen kann.”

Der berühmte Justizirrtum um den Artillerie-Offizier Alfred Dreyfus brachte das Frankreich der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Aufruhr und eine schwere Krise, erregte weltweit Aufsehen und verhandelte nicht nur den Vorwurf des Landesverrats gegen einen jüdischen, aus dem Elsass stammenden Hauptmann, sondern brennende gesellschaftliche Themen und Ideologien: Antisemitismus, Klerikalismus, Monarchismus.

Dass es sich bei der Affäre Pell zumindest um eine öffentlich ausgetragene ideologische Auseinandersetzung handelt, die kulturkämpferische Zügen trägt und manche Kollegen, Familien und Freundeskreise so spaltet, wie damals der Fall Dreyfus in Frankreich: Das zeigt die Debatte mittlerweile auch für andere Beobachter sehr deutlich.

Katholische Anwälte sagten mir, dass der in der Dreyfus-Affäre erhobene Vorwurf des Verrats zumindest in der Hinsicht mitverhandelt wird, dass viele hoffen, die robust katholischen Positionen Pells delegitimiert zu sehen durch eine Schuld der Person. So gesehen sei Pell dann nicht nur ein “Sündenbock” im Sinne René Girards, sondern auch eine Art Alfred Dreyfus. Zumal es in den Sozialen Medien durchaus zu antikatholischer Hetze gekommen ist.

Über all diesen Tumulten soll nun der High Court entscheiden. Mit einer Anhörung, falls es dazu kommt, rechnen Juristen in drei bis sechs Monaten.

Richtig ermöglicht haben den Antrag auf Berufung vor dem High Court in Canberra alle drei Richter des Court of Appeals Mehr noch: Der einzelne Richter, der für einen Freispruch Pells plädierte, legte in seiner Begründung eine Blaupause für die Berufung vor.

In seiner 200 Seiten langen Argumentation stellte Richter Mark Weinberg fest, dass Pell aufgrund einer einzigen Aussage schuldig gesprochen wurde, der mehr als 20 Zeugen vor Gericht widersprochen haben. Allein die Möglichkeit, dass diese Zeugen die Wahrheit gesagt haben können, hätte “zwangsläufig zu einem Freispruch führen müssen”.

Tatsächlich sei Pell praktisch dazu gezwungen worden, die “Unmöglichkeit seiner Schuld” zu beweisen – statt begründete Zweifel anzumelden, die seinen Freispruch garantiert hätten, so Richter Weinberg, der als ehemaliger Generalstaatsanwalt und renommierter Strafrechtler höchstes Ansehen genießt.

Beobachter gehen davon aus, dass es genau dieses Argument ist, dass Pells Anwalts-Team um Bret Walker in Canberra anführen wird.

Unterdessen sitzt Pell weiter hinter Gittern: Seit über 180 Tagen befindet sich der Kardinal in Einzelhaft im Melbourne Assessment Prison. Er darf dort nicht einmal die heilige Messe feiern.

Zuerst veröffentlicht bei CNA Deutsch. Eine gekürzte Fassung dieses Artikels erschien vorab exklusiv bei der katholischen Zeitung “Die Tagespost”.

Kommentar: Die Affäre Pell und die Kirchenkrise

Es wäre eine gewaltige Untertreibung zu behaupten, die Entscheidung des Berufungsgerichtshofes von Victoria, Kardinal George Pells Verurteilung eines Geschworenengerichts wegen sexuellen Missbrauchs aufrecht zu erhalten, hätte “unterschiedliche” Kommentare und Reaktionen ausgelöst.

Von Jubelrufen, dass der Kardinal hinter Gittern bleiben wird, über vernichtende Kritik am Zustand der Polizei in Victoria sowie der gesamten australischen Justiz geht die Bandbreite – bis hin zu einem Vergleich mit der “Affäre Dreyfus” durch den bekannten Intellektuellen George Weigel: Jenem notorischen Skandal also, der den französischen Staat in eine schwere Krise stürzte und weltweite Wellen schlug.

Anders ausgedrückt: Nicht alle Reaktionen waren so vorsichtig formuliert wie etwa die von Pells Nachfolger als Erzbischof von Sydney, Erzbischof Anthony Fisher. Er verwies darauf, dass die Richter nicht einer Meinung waren, sondern eine Mehrheitsentscheidung fällten – man könne also auch als vernünftiger Mensch durchaus geteilter Meinung sein, angesichts der vorliegenden Beweise. Im übrigen betonte Fisher, wie etwa auch die australische Bischofskonferenz in ihrer Stellungnahme: Man nahm das Urteil zur Kenntnis und erinnere daran, dass der juristische Verfahrensweg nicht ausgeschöpft sei.

Pells Nachfolger als Erzbischof von Melbourne, Peter Comensoli, bot dem einzigen Zeugen und mutmaßlichen Opfer sowohl spirituelle als auch pastorale Hilfe zu. Dabei vermied er jedoch Begriffe wie “Opfer” in der Beschreibung der Person.

Wie geht es nun weiter? Tatsächlich können Pells Anwälte noch am High Court einen Antrag auf Berufung stellen – dem Obersten Gerichtshof Australiens.

Selbst weltliche Medien wie die Melbourner Zeitung “The Age” – der niemand vorwerfen wird, kirchenfreundlich zu sein – berichteten, dass 200 Seiten des 375 Seiten langen Urteils vom Richter stammen, der Pell freisprechen wollte: Mark Weinberg, der in Juristenkreisen für strafrechtliche Verfahren dieser Art einen hervorragenden Ruf genießt.

Tatsächlich wird man sehen müssen, ob und wie die Anwälte Pells agieren. In einer ersten Stellungnahme teilten sie nur mit, dass der Kardinal das Urteil, das zwei von drei Richtern fällten, zur Kenntnis nehme. Er danke seinen vielen Unterstützern und beteuere weiter seine Unschuld.

Wie auch immer Pell und seine Anwälte entscheiden: Über die Affäre Pell ist noch lange nicht das letzte Wort gesprochen. In mehr als einer Hinsicht ist sie ein Schlüssel der aktuellen Kirchenkrise.

AC Wimmer ist Chefredakteur von CNA Deutsch. Der australische Staatsbürger lebte ein gutes Jahrzehnt im Erzbistum Sydney, während Kardinal Pell dort als Erzbischof diente.

Zuerst veröffentlicht als Leitartikel bei www.CNAdeutsch.de

The Lion of Münster: Check out this CNA Newsroom podcast about Cardinal von Galen

Another great podcast this week, and I am not just saying that because I got to be involved (*). This story is a very timely reminder of what courageous bishops and Catholics in general can achieve in times of totalitarian ideology and its merciless logic of inhumane terror.

https://www.catholicnewsagency.com/column/ep-37-true-facts-about-the-lion-of-mnster-4053

(*) If you like this kind of narration, get in touch.

It’s the Sacraments, Stupid: Seven Reflections on the Crisis of the Church

It would be eye-opening to write about the crisis of the Catholic Church by way of the Sacraments. In 2019, the seven Sacraments are seven symptoms of the crisis of Catholicism. Any serious diagnosis, let alone treatment, of the morbus Catholicus needs to account for these.

So I have decided to do so. I will cover each of the seven Sacraments in the coming weeks in seven individual chapters. They will be also be published on CNA Deutsch in German as short essays, and I hope to publish them as a book eventually.

I know how hard it can be to live with the Sacraments as a convert and practicing Catholic, and I cover the state of the Sacraments professionally every day as a journalist. And to the philosopher, the topic is of incredible fascination.

That said, on this topic I will necessarily write with no claim to expertise other than my own love for the Truth and grateful experience of how important the Sacraments are to me and the loved ones in my life.

Stay tuned – I will publish some preliminary thoughts, bits and pieces on the blog as part of the writing process.