Gründlich und genau hat die Deutsche Bischofskonferenz diese Woche dokumentiert, wie es um den Glauben und das Leben der Kirche in Deutschland steht.

Die ganze Realität des katholischen Lebens soll die 80 bunte Seiten starke Broschüre zeigen, die den nüchternen Titel “Katholische Kirche in Deutschland – Zahlen und Fakten 2018 / 2019” trägt. Kardinal Reinhard Marx betont dazu im Vorwort wie in der Pressemitteilung, dass es um eine “lebendige Gemeinschaft” gehe. Und neben politischer Rhetorik und gut gemeinten Textbausteinen befüllen vor allem Statistiken und Tabellen voller Zahlenreihen zu Taufen und Firmungen, Gottesdienstbesuchern, Priesterweihen und Eheschließungen die Seiten der Broschüre.

Doch ist die ganze Wirklichkeit der lebendigen Gemeinschaft abgebildet? Und die Rolle der Kirche in dieser Gesellschaft?

Lassen wir uns dazu einmal nicht von den dramatischen Zahlen nicht ablenken, die zeigen, wie schnell der Glaube mittlerweile im deutschsprachigen Europa verwelkt, wie Papst Franziskus treffend immer wieder sagt, während dank der Kirchensteuer eine Unmenge an großartigen wie leider oft auch fragwürdigen Strukturen und Stellen wuchert.

So wichtig diese Fakten sind, weshalb sie im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit stehen: Einen Hinweis darauf, warum die Kirche in einer Krise historischen Ausmaßes steckt, wie diese Zahlen zeigen, finden wir nämlich genau darin, was in der Broschüre der Bischofskonferenz fehlt: Die Beichte.

Nicht einmal der Begriff kommt darin vor, bis auf eine Erwähnung in Klammern in einem Kästchen am Rand von Seite 71 über Sakramente. Von Angaben oder Daten zu dem Sakrament, das Papst Franziskus mit dem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit in den Mittelpunkt zu rücken versuchte? Keine Spur. Auch wenn der Papst gerade die deutschen Bischöfe darauf deutlich aufmerksam gemacht hat, als sie im November 2015 zum Ad-Limina-Besuch in Rom waren, wie wichtig das Bußsakrament doch sei.

Warum ist die Beichte ein blinder Fleck? Wer hat Angst vor dem Sakrament der Buße? Ja, brauchen wir Katholiken einfach kein Sakrament mehr, wenn es um unsere Versöhnung mit Gott geht?

Die letzte Frage ist natürlich rhetorisch. Wir brauchen die Versöhnung mit Gott.

Die Juden haben dafür bis heute ihren eigenen Feiertag: Das Versöhnungfest, Jom Kippur. Es ist bis heute der heiligste und feierlichste Tag des jüdischen Jahres.

Im alten Judentum, vor der Zerstörung des Tempels in Jerusalem, brachten die Juden besondere symbolische Tieropfer zum Sühnefest dar. Eines davon: Ein über das Losverfahren ausgesuchter Ziegenbock. Über diesem wurden die Sünden öffentlich bekannt und dann das Tier in die Wildnis geschickt.

Martin Luther war es, der mit seiner Übersetzung der Bibel den Begriff des “Sündenbocks” prägte, und dessen moderne Deutung so treffend beschreibt, wie wir Menschen geneigt sind, unser Fehlverhalten anderen aufzuladen.

Klar: Wir Katholiken können uns – Gott sei Dank – in der Beichte mit dem Herrn versöhnen. Wer die Beichte hat, und die anderen Sakramente braucht keinen Bock.

Eine Gesellschaft ohne Religion dagegen sucht sich andere Sündenböcke.

Der Philosoph und Anthropologe René Girard ist dafür bekannt, den Mechanismus des Sündenbocks in Gesellschaften beschrieben zu haben: Eine Gruppe wählt sich ein eigentlich austauschbares Opfer aus, um Einmütigkeit herzustellen, indem dieses beschuldigt und belastet wird – und dann ausgestoßen oder gar getötet. Der Sündenbock ist in der Regel jemand, der besonders unbeliebt oder ein Ärgernis ist, schwach oder umstritten.

Wie entkommt eine Gesellschaft dieser Dynamik?

Nur durch den vollständigen Verzicht auf Gewalt und den ihr zugrundeliegenden Opferkult, den allein Jesus Christus verkündet und vorlebt; nur das Gebot von Gottes- und Nächstenliebe, erklärt Girard, schafft in der Passion Christi die Aufhebung dieser Dynamik, durch die Auferstehung Jesus Christi.

Soweit René Girard. Was aber, wenn eine ehemals christliche Gesellschaft nicht mehr an Gott glaubt, jedoch immer noch eine Kirche hat, die das zudem auch nicht immer glaubwürdig tut? Die genau das Sakrament der Versöhnung mit Gott sogar ausblendet, und schlimmer noch: In deren Reihen zum Teil die gleichen Vergehen und Verbrechen verübt werden, die auch aus eigener Sicht schwere Sünden sind?

Dann erfüllt vielleicht gerade die Kirche, oder besonders ein ungeliebter Vertreter derselben, hervorragend die Rolle eines Sündenbocks. So sehen das zumindest einige Beobachter im Fall von Kardinal George Pell.

Dessen Verurteilung und das laufende Berufungsverfahren beschäftigt derzeit weltweit die Kommentatoren, und selbst erbitterte Gegner des Kardinals räumen ein, dass die am Verfahren und der öffentlichen Meinungsmache in Australien geäußerte Kritik um Teil ihre Berechtigung habe.

Die Geschworenen haben Pell dennoch für schuldig befunden, Missbrauch begangen zu haben. Und nun sehen Pells Unterstützer sehen in der Person des Kardinals einen Sündenbock.

Doch eine solche Theorie greift zu kurz. Und das nicht nur, weil es hier um laufende Verfahren und den Verdacht auf schreckliche Verbrechen geht.

Sondern auch, was viele übersehen: Weil hier mehrere wichtige Fragen gleichzeitig verhandelt werden.

Für die juristische Schuldfrage ist erst einmal das Urteil der Richter entscheidend.

Für den Schutz von Heranwachsenden und anderer Schutzbedürftiger geht es darum, sexuelle Gewalt zu verhindern und deren Vertuschung möglichst unmöglich zu machen.

Ähnlich wie in Deutschland und andernorts bemüht sich die Kirche down under, um den richtigen Weg: Die Australische Bischofskonferenz und Australiens Orden haben neue Regeln zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von Kindern und gefährdeten Erwachsenen verabschiedet. Es gibt neue Maßstäbe darüber, wie Jugendliche – und andere Schutzbedürftige – informiert werden, Partnerschaft mit Familien gepflegt wird, Beschwerdemanagement funktionieren muss und eine kontinuierliche Weiterbildung aller Verantwortlichen aussieht.

Was aber mit der Frage nach Vergebung und Sühne, nach Schuld und Versöhnung? Was aber mit dem Verhältnis zu Gott? Die Frage, inwiefern darüber die Kirche noch ernsthaft reden und handeln kann, angesichts der Kirchenkrise: Das ist die Herausforderung. Die Antwort liegt im eigenen Umgang mit den Sakramenten, unserem eigenen Verhältnis zu Gott.

Veröffentlicht als Leitartikel bei CNAdeutsch und als Wochenkommentar bei Radio Horeb.