“Ihr seid nicht allein”: Norma und die Schwestern des Lebens (Radio Horeb Wochenkommentar)

(Erstausstrahlung als Radio Horeb Wochenkommentar am 25. Februar 2017)

“Ihr seid nicht allein”

Norma und die Schwestern des Lebens

Es ist schwer, in Worte zu fassen, was diese Frau erlebt hat, was sie durchmachen musste. Es ist kaum vorstellbar, mit welchen Schuldgefühlen sie jahrzehntelang gerungen hat.  Und wie sie Erlösung fand; vergeben lernte – auch sich selbst –; mutig wurde, ja, gegen alle Widerstände für die Wahrheit und die Liebe einstehen lernte.

Das Leben, die Bekehrung, und das Sterben der Frau, die unter dem Alias-Namen “Jane Roe” mit dem Gerichtsurteil “Roe versus Wade” Geschichte schrieb, ist Vorbild, Mahnung und Lehrstück für alle Frauen und Männer heute.

Auf den ersten Blick ist es der unglaubliche, teils tragische Lebensweg einer jungen Mutter, vom Aushängeschild für Feminismus und Abtreibung hin zur Katholikin und Lebensschützerin. Doch auf den zweiten Blick ist das Leben von Norma McCorvey eine Parabel für das Dilemma der modernen Frau, und eine bewegende Lektion für uns alle, denen die menschliche Würde am Herzen liegt.  

Die Geschichte von Norma McCorvey ist eine Geschichte über Vergebung, meint Marjorie Dannenfelser. Sie ist Vorsitzende der Lebensschutz-Organisation “Susan B. Anthony List”.

Als bekannt wurde, dass McCorvey am vergangenen Samstag gestorben war, sagte sie:  

“Letzten Endes war Normas Geschichte nach [dem historischen Urteil] Roe nicht eine der Verbitterung, sondern der Vergebung. Sie entschied sich für Heilung und Versöhnung durch ihren christlichen Glauben”.

Marjorie Dannenfelser weiter:

“Sie hat die Lügen der Abtreibungsindustrie und seiner Verfechter überstanden und das Wort erhoben gegen den Schrecken, der immer noch so viele betrifft (…) Ihr zum Gedenken und zur Ehre werden wir diese Arbeit fortsetzen, und wir beten für ihre ewige Ruhe.” Zitatende.

Norma McCorvey, die Klägerin mit dem Alias “Jane Roe” im Fall “Roe v. Wade”, der Abtreibung in den USA per Gerichtsentscheid legalisierte, starb am vergangenen Samstag im Alter von 69 Jahren. 

Der Fall begann während der sexuellen Revolution, den 1968ern. Schwanger mit ihrem dritten Kind, verklagte eine junge Norma McCorvey den Bundesstaat Texas. Sie wollte das Kind abtreiben – aber dies war nach damaliger Gesetzgebung illegal.

“Im Jahr 1973 war ich eine verwirrte 21-jährige mit einem Kind und einer ungeplanten Schwangerschaft”, sagte McCorvey in einem kürzlich erschienen Interview mit “VirtueMedia”.

Ihr Fall war angeblich der einer Schwangerschaft durch Vergewaltigung. Später gab McCorvey jedoch zu, gelogen zu haben; sie war nicht vergewaltigt worden. Man hatte ihr eingeredet, damit würde sie ihr Kind abtreiben können.

Tatsächlich steckt hinter dem historischen Verfahren das Schicksal einer Frau, die mit – Zitat – “Manipulation und Lügen und Druck” in ihre Rolle hineingzwungen wurde, sagt Jeanne Mancini, Vorsitzende des gigantischen “Marsches für das Leben” in Washington.

Wie auch immer: Der Fall ging bis vor den Supreme Court, den Obersten Gerichtshof. Mit seinem Urteil “Roe versus Wade” legalisierte dieser die Abtreibung in allen 50 Bundestaaten der USA.

Seit 1973 wurden in den USA über 50 Millionen Kinder abgetrieben.

Doch wie auch im Fall Doe versus Bolton – der am gleichen Tag entschieden wurde wie Roe versus Wade – hatte keine der Klägerinnen selber eine Abtreibung. Beide Frauen hatten letztlich das, was Jeanne Mancini als “diese radikale Bekehrung zur Wahrheit” bezeichnet und widmeten ihr Leben dem Schutz der angeborenen Würde des Menschen.

Bis dahin war es aber noch ein weiter Weg für Norma McCorvey. Statt ihr Kind abzutreiben brachte sie es zwar auf die Welt und gab es zur Adoption frei. Sie war Mutter dreier Töchter.  

Doch eine Zeitlang arbeitete sie sogar in einer Abtreibungsklinik; erst Jahre später trat sie an die Öffentlichkeit mit der Tatsache, dass sie die “Jane Roe” des historischen Urteils war. Dann, Mitte der 1990er Jahre, erlebte sie eine radikale Bekehrung. Sie wurde Christin und schloss sich der Lebensschutz-Bewegung an.

McCorvey selber erklärte einmal, wie es ihr dabei erging. Ich zitiere: 

“Als ich zu Gott fand, realisierte ich, dass mein Fall, der Abtreibung auf Abruf legalisierte, der größte Fehler meines Lebens war.” Sie fügte hinzu, dass “Abtreibung eine unendliche Zahl von Müttern, die abgetrieben haben, von Vätern und Familien verwundet”. Zitatende.

Obwohl schon als Christin getauft, fühlte sich McCorvey zum Katholizismus hingezogen. In einem Artikel für die Gruppe “Priester für das Leben” erzählte sie einmal, sie habe als Kind mit ihrer Mutter die heilige Messe besucht, da ihr Mutter katholisch gewesen sei. McCorvey schrieb:

“Ich mochte es unheimlich, war oft zu Tränen gerührt. Ich spürte die Gegenwart Gottes”, schrieb sie. Die Rituale und der Symbolismus der Kirche hätten sie sehr bewegt, so McCovey: “Die Prozession mit Priester und Ministranten, der Weihrauch, das Kreuz, die Kerzen, die Statuen und die Musik. Ich wusste, dass Gott überall ist, aber in katholischen Kirchen war ich Ihm besonders nah.”

McCorvey legte nach ihrer Bekehrung zum Katholizismus die Beichte ab und empfing die Sakramente der Erstkommunion und Firmung. Nach der Messe beschrieb sie, was sie während der Eucharistiefeier empfand. Ich zitiere:

“Mir war erklärt worden, was dies bedeutet. Jesus starb nicht wieder. Stattdessen zog Jesus uns in Sein Opfer hinein, machte es uns gegenwärtig, erlaubte uns, unsere Leben, unser Leiden mit Seinem zu vereinen. Das war und ist das Opfer, dass die Welt rettet, dass die Macht des Todes überwindet und die Macht der Abtreibung zerstört. In dieser Messe konnte ich an Ort und Stelle in den Kelch all die Tränen geben, die ich über die abgetriebenen Babies geweint habe, all die Scham, die ich jemals empfunden habe darüber, in einer Abtreibungsklinik gearbeitet zu haben und ein Aushängeschild für die Abtreibungsbewegung gewesen zu sein. An Ort und Stelle, so wie Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi verwandelt wurden, konnte die ehemalige Jane Roe noch einmal jubeln über ihre Verwandlung in ein neues Geschöpf Christi.” Zitatende.

Norma McCorvey ist nun vor ihren Erlöser getreten. Doch ihr Vermächtnis, und der liebevolle Kampf für das Leben indessen ist lebendiger denn je.

Wer etwa den „Marsch für das Leben“ in Washington besucht, der sieht, was möglich ist, wenn Frauen nicht durchmachen müssen, was die Vorreiterin Norma McCorvey alias “Jane Roe” durchmachte. Dort begegnet der Besucher immer wieder einem Schwarm – meist junger – Frauen, gekleidet in einem langen, blauen Habit, deren weiße Schleier im Wind wehen. Es sind die Sisters of Life – die Schwestern für das Leben, und sie haben eine Botschaft für Frauen und die Lebensschutz-Bewegung: “Ihr seid nicht allein”.

1991 gegründet, zählt der Orden nun bereits 106 Schwestern. Das Durchschnittsalter ist 35 – und weitere harren der Aufnahme: Derzeit befinden sich 15 Postulantinnen und 18 Novizinnen in Ausbildung.

Tägliches Gebet und Kontemplation sind die Grundlage des Lebens der Schwestern.  Ihr Lebensmittelpunkt ist der gleiche, zu dem auch Norma McCorvey nach langer Suche gefunden hat: Die Eucharistiefeier.

Und da heraus kommt auch ein Geist, der liebt und versöhnt, und ganz praktisch hilft:

Etwa in der „Holy Respite Mission“: Hier können Frauen in Krisen-Situation eine Zuflucht finden. Dort, an der Upper West Side von Manhattan, leben die werdenden Mütter mit den Schwestern in der Gemeinschaft, beten mit ihnen und können geschützt und umsorgt auch ihr Kind austragen. Erst wenn sie bereit sind, wieder ein “normales” Leben zu führen, verlassen sie die Mission, und bekommen eine Starthilfe.

Wer die Arbeit von 1000 PLUS in Deutschland kennt, der weiß: So funktioniert Lebenschutz, in den USA wie auch in Europa. So wie Norma McCorvey Erlösung im Glauben und den Sakramenten fand, und auf den rechten Weg kam: So bringen die Schwestern des Lebens die Frohe Botschaft zu den Frauen und Kindern, die sie mit am meisten brauchen. Und sie sagen ihnen: Ihr seid nicht allein.

Der Dandy als Märtyrer und Katachrese

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Milo Yiannopoulos im Jahr 2014 (Foto: NEXTConf via Flickr (CC BY 2.0))

(Diesen Artikel lesen Sie auch in der Tagespost vom 25. Februar 2017 und als Wochenkolumne vom 25. Februar 2017 auf www.CNAdeutsch.de)

Wo er auftrat, flogen die Fetzen, und Millionen Menschen sahen dabei zu. Nicht wenige klatschten Applaus, andere dagegen tobten. Nun hat sich der in den USA lebende Brite Milo Yiannopoulos (33), Darling des globalen Phänomens der “alternativen Rechten”, selbst zerfetzt. Der Tabubrecher mit den vier Buchstaben wurde eines Tabubruchs überführt, der selbst in unserer Zeit noch Konsequenzen hat.

Wer ist Milo Yiannopoulos? Milo präsentiert sich als ein schwuler Katholik mit griechischen Wurzeln, britischem Akzent in der Stimme und blonden Strähnchen im Haar. Ein eloquenter Provokateur und telegener Sensationalist, der sich mit beißender Übertreibung und krudester Polemik über den Islam und Political Correctness äußert; der Feminismus als “Krebsgeschwür” bezeichnet und Donald Trump gerne “Daddy” nennt. Damit erreichte er als öffentlicher Redner und Journalist der umstrittenen Nachrichten-Seite “Breitbart” ein Millionenpublikum.

Öffentlich geriert sich Milo stets als rüder “Kämpfer für die Meinungsfreiheit”. Sichtlich gefällt er sich in der Pose eines furchtlosen Wahrheit-Sagers, dem nichts heilig ist, aber der schon mal gute zehn Minuten damit verbringen kann, einem Saal voll Uni-Studenten zu erklären, warum der katholische Glaube “mit allem recht hat” – um dann detailliert zu schildern, warum er am liebsten mit Afro-Amerikanern intim wird.

Je polarisierender seine Polemik, je heftiger die Reaktionen, desto besser, schien es. Seine “Dangerous Faggot Tour” – die “gefährliche Schwuchtel-Tournee” – durch amerikanische Universitäten war begleitet von Protesten. Sein Auftritt an der University of California, Berkeley, musste abgesagt werden, weil es zu Krawallen kam. Der Popularität seiner Person tat dies keinen Abbruch. Im Gegenteil. Da, wo sich Milo zum Opfer und Sieger gleichzeitig stilisieren konnte, wurde er zum Gewinner. Bislang zumindest.

Denn nun ist Milos Höhenflug erst einmal vorbei. Den Job als leitender Redakteur bei Breitbart ist er los (er kündigte, “um Breitbart zu schützen”). Sein Buch-Deal mit dem Verlag “Simon & Schuster” wurde gestrichen. Der Tabubrecher stürzte über seine eigenen, abstossenden Worte über Päderastie.

In Videos, die jetzt an die Öffentlichkeit gespielt wurden, ist zu hören, dass Milo den sexuellen Umgang älterer Männer mit heranwachsenden Jungen für alles andere als inakzeptabel hält.

Die Supernova explodierte. Hinter einer Sonnenbrille versteckt trat Milo im Maßanzug vor die Presse und teilte mit, er bereue, “dass mein üblicher Mix aus schwulem britischem Sarkasmus, Provokation und Galgenhumor als Frivolität rübergekommen ist; als ein Mangel an Sorge um andere Opfer, oder schlimmer noch, als würde ich dies, in manchen Fällen, unterstützen”. Dies sei nicht der Fall. Für erwachsene Menschen, die Minderjährige missbrauchen, empfinde er nichts als Abscheu.

Freilich entbehrt es nicht einer gewissen tragischen Ironie, dass Milo Yiannopolous selber Opfer sexuellen Missbrauchs durch einen katholischen Priester ist. Er ist über den einen Aspekt seiner Person gestolpert, in dem er selber ein echtes Opfer ist.

Warum aber bleibt das Mitleid für das Opfer Milo aus? Ganz einfach: Der Dandy macht als Märtyrer eine schlechte Figur. Märtyrer sterben für ihren Glauben. Wie alle Heiligen ist ihr Leben letztlich – trotz aller “Brüche” – aus dem einem, richtigen Guss. Ein Dandy verkörpert dagegen den Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Wahrheit und Rhetorik als Haltung. Ja, mehr noch: “Der Dandy, so scheint es, ist eine Katachrese!”, wie der Literatur-Theoretiker Axel Fliethmann schreibt, und erklärt: “Als Abweichung von Sprachkonventionen gehört die Katachrese zum rhetorischen System und als Missbrauch von tropischer Sprechweise (die sogenannte verunglückte Metapher) verstößt sie gegen das Regelwerk der Rhetorik, unterminiert das ganze rhetorische System. Die Katachrese ist weder eigentlicher noch figuraler Ausdruck – oder eben beides.”

Tatsächlich ist hier der Schlüssel zum Verständnis einer wandelnden Katachrese wie Milo, aber auch zum Vexierspiel des so unglücklich mit “postfaktisch” bezeichneten Phänomens einer “alternativen Rechten” und ihrer Protagonisten. Auch sie unterwandern rhetorisch Wahrheit und Anspruch, ja, sie verkörpern diesen Bruch.

Gewiss: Nur weil Populisten, Poser und Performer kommen und gehen, heißt das nicht, dass die Wahrheiten, derer sie sich bedienen, gleich falsch wären. Der Punkt ist, dass sie diese nicht leben. Milo mag weg sein, doch längst bedienen sich andere der Wahrheit und  gerade auch katholischer Inhalte. Sie bemächtigen sich dieser, um rhetorische Pflöcke einzuschlagen, die jedoch nur der eigenen Agenda dienen, nicht dem Königreich Gottes. Das gilt nicht nur für US-Präsident Donald Trump und seinen Chefstrategen (und ehemaligen Breitbart-Chefredakteur) Steven Bannon. Es ist leider auch wahr für ihre viele ihrer politischen Kontrahenten.

Gelöst wird dies nicht durch brust-trommelnde Empörungsgesten und moralisierendes Mobbing; und schon gar nicht durch politisches Agieren, das dann als der Vorwurf von “Denkverboten” und “Gesinnungsterror” zurückgeworfen werden kann. Gelöst wird es durch Aufklärung im besten katholischen Sinne: Dass die objektive Wahrheit nicht Werkzeug zur Selbstdarstellung und Verzerrung ist, auch nicht zur Relativierung und Instrumentalisierung, sondern Fundament und Rahmen allen Lebens, auch und gerade des eigenen.  

Nicht nachmachen also, sondern besser machen: Das ist die Antwort auf Dandies und andere Katachresen. Nicht Milo spielen, sondern etwa auf Mutter Angelica hören, der Gründerin von EWTN, von der nicht nur Papst Franziskus sagt, dass sie im Himmel ist.