Wimmers Woche: Das Schönste an “Laudato Si”

Die neue Enzyklika von Papst Franziskus selbst lesen: Das sollten alle mündigen Christen tun. Und getrost erst einmal die Explosion der Einschätzungen durch Experten – echte wie vermeintliche – vermeiden, die alle versuchen, mit ihrer Exegese die Deutungshoheit darüber zu haben, was Papst Franziskus “wirklich sagt” und “eigentlich meint”. (Das gilt auch für diesen Kommentar!) Bei einer solch klaren, wenn auch langen Übersetzung des Lehrschreibens ins Deutsche ist das vorab weder nötig noch hilfreich.

Wenn geschätzte Kollegen sogar vorschlagen, es lohne sich vor allem, im ersten Drittel und gegen Ende zu lesen, dann kann ich dem nur entgegenhalten: Moment! Es lohnt sich, den Text erst einmal ganz zu lesen. Mindestens einmal. Nur so erschließt sich auch eine einzelne herausragende Passage dieser Enzyklika, die es verdient, besonders gewürdigt zu werden. Sie stellt eine Innovation dar, die gerade keiner politischen Interpretation oder Vereinnahmung bedarf, und weit über den Lärm der Reaktionen ragt. Es ist der Abschnitt mit den beiden Gebeten, die uns Franziskus zum Schluss seiner Überlegungen schenkt. Das eine stellt ein bemerkenswertes Novum dar: Dieses Gebet können alle beten “die an einen Gott glauben, der allmächtiger Schöpfer ist”. Und das andere schenkt uns der Papst, damit “wir Christen die Verpflichtungen gegenüber der Schöpfung übernehmen können, die uns das Evangelium Jesu vorstellt”, wie er schreibt.

Damit leistet der Text etwas Bemerkenswertes: Er macht die Menschheit zum Adressat, zumindest alle, die an einen Schöpfergott glauben. Und er gibt der Christenheit gleichzeitig ihre Rolle, im Verhältnis zu (und aus dem Verhältnis heraus mit) unserem dreifaltigen Gott. Das ist für mich das Schönste an “Laudato Si”; nicht zuletzt weil der Text damit auch zurück zu seinem Ausgangspunkt kehrt – dem Sonnengesang des heiligen Franz – und diesen in einem Gebet und Anliegen aufhebt, das wir alle heute und durch die Zeit mit der Schöpfung teilen.

(Wimmers Woche ist eine Kolumne in den Münchner Kirchennachrichten)

Die Kirch des Hl. Franziskus von Assis in Coyocan, Mexiko (CC Image by Enrique López-Tamayo Biosca vua Wikimedia)
Die Kirche des Hl. Franziskus von Assis in Coyocan, Mexiko (CC Image Enrique López-Tamayo Biosca vua Wikimedia)