Das Ende der Apathie im Umgang mit dem Islam

CC-Image by Sander van der Wal via Wikimedia Commons
CC-Image by Sander van der Wal via Wikimedia Commons

Die Terroristen und die Populisten haben eines gemeinsam – Sie wollen einen Keil treiben zwischen Europas Muslime und die Mehrheitsgesellschaften, in denen sie leben. Dagegen müssen wir alle etwas tun, meint unser Kolumnist. Besonders wir Christen.  

Zuerst einmal ein paar Tatsachen: Der Anschlag am Mittwoch dieser Woche auf die Redakteure, Karikaturisten und Autoren bei Charlie Hebdo ist nur der jüngste Gewaltakt einer ganzen Reihe gegen die Meinungsfreiheit – und die Freiheit, religiöse Gefühle zu verletzen. (Auch meine: Charlie Hebdo hat einige “Cartoons” unseres Herrn und Erlösers veröffentlicht, die ich nach wie vor zutiefst verletzend und beleidigend finde.)

Tödliche Anschläge und Gewaltakte von Menschen, die sich auf den Islam berufen (nennen wir sie der Präzision und Einfachheit zuliebe militante Muslime) gegen Künstler, Satiriker, Journalisten sind nichts neues: Wir kennen das seit über 25 Jahren. Von der “Fatwa” gegen Salman Rushdie über die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh bis hin zu den Mohammed-Karikaturen der dänischen Jyllands-Posten: In all diesen Fällen haben militante Muslime die Meinungs- und Pressefreiheit mit mörderischer Aggression ins Visier genommen.

Fakt ist auch: Die Anschläge auf diese Grundfreiheiten sind Teil eines weiteren Kontextes. Es herrscht eine Atmosphäre der eskalierenden Aggression, die jederzeit in Gewalt und Terror-Akte umschlagen kann. Dabei kann es sich um Einzeltaten oder “kleinere” Angriffe handeln, wie etwa der Anschlag mit einem Kleinbus auf Einkäufer in Nantes jetzt an Weihnachten. Dabei kann es aber auch um eine systematisch geplante Kommando-Attacke gehen. Das Blutbad in Paris ist der zweite solche Angriff innerhalb von zwölf Monaten, der einen gezielten militärischen Gewaltakt gegen Zivilisten darstellt: Im Mai eröffnete ein französischer militanter Muslim in einer ähnlichen Aktion das Feuer im Jüdischen Museum in Brüssel. Vier Menschen starben. Im Jahr 2012 ermordete ein anderer Franzose drei Soldaten und vier Schulkinder sowie deren Lehrkraft in Toulouse und Montauban. Auch in Deutschland, Großbritannien und anderen Ländern wurden Menschen von militanten Muslimen unvermittelt angegriffen, niedergemetzelt, erschossen. Von diversen geplanten – und Gottseidank nur selten erfolgreichen – Bombenanschlägen ganz zu schweigen.

 Wie gesagt, dies sind erst einmal Tatsachen. Wer sie verschweigen, schönreden, verbiegen oder verwässern möchte, selbst wenn es aus gut gemeinter Absicht wäre, der leistet der Demokratie, dem Frieden, der Pressefreiheit und unserer Gesellschaft insgesamt einen Bärendienst. Auch und gerade die Millionen friedlicher Muslime, die unter uns in Deutschland und ganz Europa leben, verdienen und brauchen eine freiheitliche und funktionierende Presse, frei von Selbstzensur, didaktischen Aussparungen und verkrampft gekrümmten Zeigefingern.
Wir, die (christlichen, muslimischen, jüdischen, säkularen) Menschen in den westlichen Gesellschaften (wie übrigens auch viele andere, asiatische und afrikanische etwa!) haben alle ein Problem mit Gewalt und Terror der militanten Muslime. Darüber müssen wir offen reden, um uns zu schützen, stärken und gemeinsam handlungsfähig zu machen. Das bedeutet für uns Christen – und für mich als Chefredakteur einer konfessionellen Zeitung – dass wir auch und gerade auf unsere muslimischen Nachbarn zugehen müssen. Dabei geht es nicht nur darum, sich solidarisch zu zeigen. Es geht auch darum, ein paar ernste Worte zu sprechen über die Unterschiede unter uns und gemeinsam dann zu handeln. Etwa der Frage nachzugehen, warum Salafisten überhaupt für junge Muslime (egal ob Konvertiten oder Türkisch-Deutsche der dritten Generation) attraktiv sind.
Ich habe diese Fragen dem Imam der Penzberger Moschee und Vorsitzenden des Münchner Forums für Islam gestellt und als Interview in der Kirchenzeitung abgedruckt. Bejamin Idriz gibt offen zu, dass die normalen Muslime, auch die Imame, in einer Hinsicht, so wörtlich, “versagt” haben: Es sei ihnen nicht gelungen, die Jugendarbeit zu leisten, die eine Radikalisierung uninteressant, wenn nicht gar unmöglich gemacht hätte. Wohlgemerkt: Der Imam gab mir dieses Interview noch vor den Pariser Morden, zu dem er auch schnell klar stellte, dass Terrorismus die schlimmste Form der Gotteslästerung sei.
Aber so wichtig diese Einsichten sind: Wir haben bisher alle noch nicht genug getan. Damit schließe ich mich persönlich ein. Edmund Burke wird folgender Satz zugeschrieben: Damit das Böse triumphiert genügt es, dass gute Menschen nichts tun. Dass der militante Islam eine Form des Bösen ist, gegen die wir etwas tun müssen, liegt auf der Hand. Positive Anfänge, Ausnahmen und Ansätze gibt es genug, gerade bei uns in Bayern. Da sind die Freunde Abrahams mit ihrem rührigen Vorsitzenden, Stefan Jakob Wimmer. Da ist das Erzbischöfliche Ordinariat in München, wo eine eigene Fachstelle, besetzt durch den hervorragenden Andreas Renz, einzelnen Betroffenen genauso hilft wie sie den interreligiösen Dialog insgesamt vorantreibt, zusammen mit Einrichtungen wie IDIZEM und anderen.
Die Terroristen und die Populisten haben eines gemeinsam: Sie wollen einen Keil treiben zwischen Muslime und die Mehrheitsgesellschaften, in denen sie leben. Die Apathie ist der Handlanger solcher Absichten. Wenn wir nicht einfach betroffen schauen und auf eine weitere Eskalation warten wollen, dann können wir dies nur gemeinsam mit der friedlichen Mehrzahl der Muslime tun, ihren Vertretern, wie auch den anderen, vor allem staatlichen, Institutionen unserer freien und demokratischen Gesellschaft. Wir haben keine andere Wahl. Unsere Apathie im Umgang mit dem Islam muss ein Ende haben. Die darin versteckte, gepflegte Feigheit widert mich an – auch an mir selbst.
Zuerst erschienen am 9. Januar 2015 in der Kolumne “Wimmers Woche” auf den Münchner Kirchennachrichten.