Was unrecht ist an der Welt

Stimmt es, dass die durchschnittliche Aktie heute in unter einer Minute gekauft und wieder verkauft wird? Ist doch egal, wie viele Sekunden es dauert: Das Bild illustriert, in welch schwindlig-absurden Extreme der Kapitalismus wirklich eskaliert ist, in dem wir leben. Dabei gibt es zwischen einerseits diesem Kapitalismus, vor allem dem Neoliberalismus, und andererseits dem genauso wenig erstrebenswerten Sozialismus einen dritten Weg. Ich bin überzeugt: Ein Weg, über den wir nachdenken und reden sollten. Der Weg des Distributismus. Schon gehört?

Lange bevor der katholische Konvertit Tony Blair und sein evangelischer Genosse Gerhard Schröder von einem “dritten Weg” sprachen, gab es den schon. Seine Befürworter und Vordenker, allen voran die Katholiken G. K. Chesterton und Hilaire Belloc, waren überzeugt: Ein Weg, der die Freiheit und Würde des Einzelnen respektiert (egal, welcher Religionszugehörigkeit). Ein Weg, der nachhaltig ist. Ein Weg, der die Produktion wie auch die Macht auf viele Schultern verteilt. Ein Weg, der das Eigentum anderer Menschen respektiert. Und ein Weg, der nicht nur im Land der sozialen Marktwirtschaft gerne ignoriert wird – oder wütend kritisiert und abgelehnt. In etwa so, wie die wirtschaftskritischen Passagen in Evangelii Gaudium.

Anders als die katholische Soziallehre, in deren Kontext und Tradition er in vielerlei Hinsicht steht, ist der Distributismus eine waschechte eigene ökonomische Philosophie. Und anders als die Soziallehre ist er zudem mittlerweile so sehr in Vergessenheit geraten, dass er leisten könnte, was Gaston Bachelard einen nützlichen “epistemologischen Bruch” genannt hat: Er fordert viele Annahmen neu heraus, die wir als Selbstverständlichkeiten blind akzeptieren. Damit ist nicht (nur) der absurde Hochfrequenzhandel an der Börse gemeint, sondern einiges mehr in unserer Gesellschaft. Einen Anfang könnte die Lektüre der günstig erhältlichen Essays, etwa “Was unrecht ist an der Welt” von Chesterton machen.

(Ursprünglich publiziert als “Standpunkt” auf http://www.katholisch.de)