Deutliche Worte des Klartext-Kardinals (nicht nur) an Medienschaffende

Nicht umsonst nennen sie ihn den Klartext-Kardinal: Timothy Dolan, Erzbischof von New York, hat den Teilnehmern der Konferenz “kreative Strategien für kulturellen Wandel” der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz mächtig den Marsch geblasen. Über hundert Teilnehmer aus aller Welt waren für drei Tage in Rom zusammen gekommen, um über die Schlüssel-Herausforderungen und Chancen für katholische Medien und Kommunikationarbeit zu diskutieren. Neben Kardinal Dolan waren der Erzbischof von Lyon, Cardinal Philippe Barbarin, die Organisatoren von Catholic Voices, Pressesprecher der britischen und anderer Bischofskonferenzen, sowie Journalisten und Medienschaffende eingeladen – darunter auch meine Person.

Cardinal Dolan practicing what he preached. (C) 2014 Papal University of the Holy Cross
Cardinal Dolan practicing what he preached. (C) 2014 Papal University of the Holy Cross

Mit seiner deutlichen Ansprache legte Timothy Dolan die Latte hoch; sehr hoch sogar: Das fleischgewordene Wort werde durch uns kommuniziert – da seien hohe Erwartungen vorausgesetzt. Dolan wie die anderen Teilnehmer beleuchteten sehr unterschiedliche Aspekte, aber insgesamt machte die Konferenz mir zumindest klar: In der katholischen Kirche des Jahres 2014 werden altes Lagerdenken, klassische Klischees, falscher Stolz und bequeme Feigheiten, wie sie auch Franziskus in “Evangelii Gaudium” klar und scharf anprangert, abgelöst. Sie werden abgelöst durch klare Ansprüche, sich wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren: “Freude, Selbstvertrauen und Mission!”, wie der großgewachsene Amerikaner zusammenfasste.

Ok. Was bedeutet das für katholische Journalisten, Pressesprecher und ähnliche Berufe? Timothy Dolan hat sieben konkrete Forderungen an uns aufgestellt. Ich gebe hier wieder – übersetzt und leicht verkürzt, aber wo möglich verbatim, was der Kardinal sagte.

  1. Wir müssen echten Professionalismus pflegen: Was wir sagen ist genauso wichtig, wie wie wir es sagen. Andere sind viel professioneller, überzeugender und effizienter als wir.
  2. Keine Angst davor, die Wahrheit zu sagen. Auch wenn wir es mit schlechten Nachrichten zu tun haben: die Öffentlichkeit will das von uns erfahren, nicht von den Medien. Ehrlichkeit und Tansparenz wird von uns zurecht erwartet. Das gilt natürlich auch für die guten Nachrichten. Viele weltliche Medien fragen mich nach dem Überholten, nicht dem Neuesten.
  3. Jeder Nachrichtensender, jedes Medium hat seine eigenen Agenda, seine eigene Grundhaltung. Wir, die katholischen Medien, müssen unsere eigene Grundhaltung haben: eine katholische. Wir stehen für die Kirche ein. Das heisst nicht, dass wir klerikalistisch sein müssen! Auch die Bischöfe brauchen faire und anständige Kritik, aber keine hetzerischen Reaktionen.Es geht vor allem darum, zu teilen, dass die Freude und Schönheit, katholisch zu sein. Woher bekommen die meisten Katholiken denn mittlerweile ihr Wissen über die katholische Kirche? Aus den Medien. Dabei brauchen wir Medien, die nicht nur informieren, sondern auch formen, bilden.
  4. Wir dürfen die Medien nicht alle über einen Kamm scheren. Nur eine Minderheit der weltlichen Medien ist darauf aus, der Kirche zu schaden. Die meisten wollen Zugang und Information. Wenn wir uns verstecken, dann wenden sich diese Medien an die Kritiker und Gegner. Die haben was zu sagen und werden dies auch tun. Neulich habe ich ein schönes Wort aus dem Hebräischen gelernt: “Anivut”. Der Begriff beschreibt die Demut, den Langmut, auf Unhöflichkeiten und Aggressin mit Ruhe und ohne Aufregung zu reagieren. Unser Vorbild, Jesus, hatte dies. Papst Franziskus ist ein Beispiel dafür. Lasst uns dementspechend handeln.
  5. Wir müssen immer katechetisch sein. Dogma ist wichtig! Das dürfen wir nicht vergessen. Wir dürfen nicht unterschätzen, wie wenig die Menschen wirklich über unseren Glauben wissen. Sogar die einfachsten und elementarsten Glaubensinhalte werden sogar von Durchschnittskatholiken nicht verstanden. Wir müssen klar, selbstbewußt, fröhlich, deutlich und einfach unseren Glauben erklären. Katechese findet heutzutage in den Medien statt. Wir müssen die Gelegenheiten zur Bildung nutzen: Aschermittwoch, Ostersonntag, Weihnachten; Heiligsprechungen und Konklaven. Das sind alles Chancen, unsere Lehre zu erklären. Die Zeit, in der nur dicke, glatzköpfige Bischöfe wie ich das leisten mussten, sind lange vorbei! Schauen wir uns Helen Alvaré an, zum Beispiel, oder die Profis von “Catholic Voices”. Wenn wir mit Menschen über umstrittene Themen sprechen, müssen wir sie vorher auch einladen, ihre Sicht der Dinge zu schildern. Und immer müssen wir auch wirklich zuhören!
  6. Wir müssen Jesus immer an erster Stelle setzen. Die Menschen hungern nach einem sinnvollen Leben. Die Wahrheit hat einen Namen: Jesus Christus. Ich habe mir geschworen, kein Interview zu geben, ohne irgendwie den heiligen Namen von Jesus zu nenenn. Wir sollten keine einzige Chance verpassen, zu evangelisieren oder zu katechetisieren.
  7. Kenne Dein Publikum. Wir müssen die Macht und Möglichkeiten der Medien verstehen und nutzen, die der neuen (sozialen) Medien inbegriffen.

Mit diesen Punkten spricht der Kardinal nicht nur uns Journalisten an, sondern auch alle Bischöfe, Priester und Laien – besonders die, welche Angst vor einer offenen Kommunikation haben; die meinen, die Medien seien alle “hinter uns her”. Vor allem aber muss ich mir selber an die eigene Nase fassen: Ist die Kirchenzeitung, wie ich sie nun seit einem Jahr verantworte, auch das journalistische Produkt, das wir brauchen? Jede Woche ist eine neue Herausforderung, und ein Kompromiss zwischen dem, was möglich ist und dem, was das Ziel ist. Das Produkt ist dabei jede Woche ein anderes – aber immer bin ich dankbar, daran mitarbeiten zu können und es hoffentlich in die richtige Richtung zu entwickeln.

(Dieser Eintrag erschien ursprünglich in meiner Kolumne “Wimmers Woche” auf den Münchner Kirchennachrichten).