Das vermessene Selbst (Vorfreude auf ein tragbares katholisches Internet)

Diese Woche habe ich eine seelische Spontan-Amputation erlitten. Beim Einstieg in den Zug prallte meine Tasche so unglücklich im Gedrängel an eine Stahlstange, dass die gläserne Oberfläche des Tablet-Computers in seiner Hülle splitterte. Wie bitte? Der kaputte iPad soll eine seelische Spontan-Amputation verursacht haben? Nein, natürlich nicht.

Es war noch viel schlimmer.

Plötzlich war nicht nur mein Schreibgerät weg, sondern plötzlich war ich selber weg. All meine Notizen, Artikel für die Kirchenzeitung, meine Emails, Terminkalender, Bilder, Aufnahmen für das Kirchenradio, Podcasts, Zeitungen, Bücher, Kontaktadressen, Navigationsgerät, Wecker, diverse Unterlagen, Gebets-Apps und ja, Spiele! Alles weg. Am schlimmsten aber: Plötzlich war ich abgeschnitten von der Welt, und mir selber darin. Nicht der Welt der Regionalbahn, meiner unmittelbaren Umgebung. Sondern der ganzen Welt. Meinen Nachrichtenquellen, mein Kontakt zu den Kollegen, Freunden und Familie: meine Präsenz in diversen Netzwerken, meine Erreichbarkeit: alles weg.

Ob sich so die Passagiere des mysteriösen Flugs der Malaysia Airlines fühlten?

“Jetzt reiß di zamm. Alles halb so wild”, dachte ich mir, “sei froh, solche Probleme zu haben! Stell Dir vor, ein syrischer Christ oder zentralafrikanischer Familienvater würde Dich jetzt sehen”. Klar. Der iPad ist ersetzbar, und gar nicht wichtig. Ausserdem: Erstens sind die meisten dringenden Sachen schon in der “Cloud” hochgeladen. Und zweitens tut es doch gut, mal die Zugfahrt ohne Rechner zu unternehmen. Nachdenken. Beten. Mit einem Nachbarn ins Gespräch kommen. Fast hätte ich mich auf diesen schönen Gedanken eingelassen, dann fiel mir ein, was ich in der Schockstarre fast vergessen hätte: Ich hatte ja noch mein Smartphone dabei!

Gott sei Dank.

Während ich so da saß und versuchte, auf meinem Handy eine Email abzusetzen, hörte ich unwillkürlich die spöttelnde Stimme von Werner Meier meine Misere besingen: “I hob mei Handy vergessen”, so das neue Lied des bayerischen Multitalents über die existenzielle Angst die uns packt, wenn wir plötzlich ohne elektronische Hirnprothese dastehen, ohne Glotzkasterl, Taschenbibliothek und Daddelmobil. Nur der panische Schrecken jugendlicher Alpträume, man sei ohne Hose in die Schule gegangen und stehe nun im Klassenzimmer in der Unterhose, kommt diesem ontologischen Schauder nahe.

Was nur Heidegger sagen würde ob solcher “Geworfenheit” im Da-Sein? Wahrscheinlich würde er ähnlich kulturkritisch die Stirn runzeln wie mancher meiner Freunde, die über die “autistischen Smartphoner” und “Digital-Deppen” frotzeln. Aber: Können Sie sich erinnern, als es noch keine “e-Reader”, “Smartphones” und “Tablets” gab? Als die Menschen im Zug und der S-Bahn Zeitung gelesen haben? Vielleicht einen Walkman hörten? Das war auch nicht besser. Ob und was besser ist und wird, oder schlimmer, hängt nicht von den technischen Möglichkeiten ab, sondern davon, wie wir damit umgehen.

Ob wir wollen oder nicht: der Möglichkeiten gibt es immer mehr, und das immer schneller. Die digitale Revolution schreitet nicht voran. Sie potenziert sich selbst. Heuer noch wird das tragbare Internet — in Form von Smart-Watches und Fitness-Armbänder etwa — auf den Markt stürmen. Für die Google Glass-Träger wird jetzt schon eine Software entwickelt, die die Emotionen des Gegenübers misst und kategorisiert. Und dann? Unsere elektronischen Geräte sind jetzt schon längst nicht mehr nur Gehirn-Prothesen, sondern mediale Verlängerungen und Messgeräte unseres ganzen Körpers. Blutzucker-Spiegel, Schlafgewohnheiten, Ernährungsweise: alles wird zunehmend gemessen, analysiert, ausgewertet werden – und in ein Verhältnis zur ebenfalls vermessenen Umwelt gesetzt. Dabei weiß Google jetzt schon mehr über mich als meine Ehefrau.

Klingt erschreckend, oder?

Vielleicht ist es aber auch gut so. Das meinen zumindest die Anhänger des “measured self”, einer Bewegung, die das “Selbst” messen möchte in allen seinen Messbarkeiten. Doch was ist messbar? Und was kann diese Biometrik leisten? Ist doch klar: Das Risiko ist groß, dass daraus eine elektro-neurotische Form des Narzissmus wird, die zum vermessenen Selbst eines digitalen Ego-Götzenkults führt. Umgekehrt ist die Chance aber groß, das mit solchen technischen Möglichkeiten Gutes erreicht wird: Diabetiker können ihren Blutzucker leichter messen, Autisten erhalten Informationen über das Gefühlsleben ihres Gegenübers, Krankheiten werden früher erkannt, Unfälle vermieden.

Tatsache ist: genauso wenig wie der Gesetzgeber hinter diesen neuen Realitäten hinterher hinken sollte, dürfen wir so tun, als ob ein digitaler Paradigmenwechsel auch unsere Werte und moralischen Masstäbe ändert. Gerade wir Christen sollten genau hinschauen und den Mund aufmachen, statt nur kulturkritisch die Nase zu rümpfen. Ganz egal, was die technischen Möglichkeiten in den kommenden Monaten und Jahren bringen: wir brauchen keine Angst zu haben — manche von uns werden sich sogar darauf freuen können —auch wenn der eine oder andere iPad dabei kaputt geht. Wir müssen die Technik verstehen und beherrschen, sonst beherrscht sie uns.

Ach ja: geschrieben habe ich diese Zeilen auf meinem neuen Tablet.

(Zuerst veröffentlicht in der Kolumne Wimmers Woche der Münchner Kirchennachrichten).