Wimmers Woche: Obama, Franziskus und andere Götzen der Gegenwart

Über “Fantasy Francis”, falsche Idole und die beste Prophylaxe geht es diesmal in der Wochenkolumne.

Kennen Sie den Watschenbaum von Washington? Robert Gates? Er war nicht nur Barack Obamas Verteidigungsminister, bekannt für seine ruhige und ausgeglichene Art. Er war eine der wichtigsten Säulen der “Administration”, wie die Regierung in den USA genannt wird. Obama nannte Gates sogar “einen der besten” Verteidigungminister, den die USA je gehabt habe. Nun hat dieser hochgeschätzte Politiker in einem sehr kritischen Buch öffentlich mit Barack Obama und seiner Regierung abgerechnet. Von wegen Säule! Eben ein echter Watschenbaum, der da in Washington umgefallen ist.

“Duty” – “Pflicht” ist der Titel der Memoiren, und der jetzige Zeitpunkt der Veröffentlichung ist denkbar ungünstig für den angeschlagenen amerikanischen Präsidenten. Der einst auch in Deutschland mit hohen Erwartungen enthusiastisch begrüßte Obama ist mittlerweile einer der umstrittensten Präsidenten der amerikanischen Geschichte. Und das nicht nur in den USA. Gerade in Europa sind viele tief enttäuscht. Andere ertappen sich dabei, politische Entscheidungen Obamas zu rechtfertigen, die sie einem George Bush niemals hätten durchgehen lassen. Und ärgern sich dann, wenn sie sich dabei ertappen.

Durchwachsene Zwischenbilanz 

Was ist passiert? Grund ist nicht nur die bisherige Leistung Obamas, die heute, zwei Jahre vor dem Ende seiner Amtszeit, nun ja, als “durchwachsene Zwischenbilanz” dasteht. Grund sind nicht nur die offensichtlichen Fehlleistungen Obamas, etwa der immer noch offene amerikanische Gulag, “Guantanamo”. Oder  seine Kriegsführung, und der Skandal um Abhörung auch eng “befreundeter” Nationen sowie deren Bürger (Sie und ich zum Beispiel, nicht nur Angela Merkel).

So kritikwürdig viele Aspekte der Politik von Barack Obama sind: Ich glaube, der tiefere Grund der großen Enttäuschung  ist das, was viele sich von Obama versprochen haben, er aber nie erfüllen konnte. Der Mann wurde wie der leibhaftige Messias bejubelt, als er in Berlin vor die Öffentlichkeit trat. Mit vorauseilendem Friedensnobelpreis haben wir ihn gewürdigt, und von plötzlich wie gelöst in die Kameras lächelnden Kommentatoren und Korrespondenten wurde er weltweit enthusiastisch empfangen. Das konnte nicht gut gehen. So wie das nun mal mit Götzen ist: die Wünsche und Sehnsüchte und Hoffnungen, die auf sie projeziert werden, können nicht erfüllt werden. Schuld daran ist nicht das goldene Kalb, sondern wer sich darauf einläßt, um es herum zu tanzen. Barack Obama war und ist kein Messias, keine Lichtgestalt, und keine Erlöserfigur. Er ist ein Mensch.Messias? Götze?

Na, na. Schon gut, werden Sie jetzt sagen, da ist vielleicht was dran. Aber war das nach dem Fiasko von einem Vorgänger verwunderlich? Wir Europäer waren halt erleichtert, dass dieser kriegstreiberische Cowboy, George Bush junior, endlich weg war. Wir haben uns viel von Obama versprochen. Mehr, als ein Mensch leisten kann, ok. Ob er wirklich gleich prophylaktisch den Friedensnobelpreis verdient hat, darüber könne man ja diskutieren, aber  das norwegische Komitee lag schon öfter völlig daneben. Aber ein Götze? Ein Ersatz für Gott also – ein Idol im urspünglichen Sinne?

Franziskus, der neue Obama

Ich finde, der Begriff ist korrekt und nützlich – gerade weil er übertrieben wirkt und grenzwertig ist. So sehr wir nicht den Götzenbegriff noch mehr ausleiern sollten, als er es heutzutage schon ist: Unsere Zeit ist reich an falschen Idolen. Ob Mammon, Projektkinder, Karriere oder Urlaubsziele – wir gießen aus vielen Dingen ein goldenes Kalb. Aber wir tun es auch und gerade mit lebendigen Menschen. Und das ist besonders perfide und gefährlich. Nicht so sehr für den Menschen Barack Obama (der wird es schon aushalten, denke ich). Sondern weil, wie uns Jesus mit gewohnter Deutlichkeit gesagt hat, wir dann nicht Gott dienen, sondern etwas oder jemand anderem.

So. Ist nun Franziskus ein neuer Obama? Sind Obama und Franziskus für manche Menschen, auch Katholikinnen und Katholiken, Götzen der Gegenwart? Anders gefragt: Kann man das erste Gebot brechen, indem man den Papst verehrt? Ja klar, wenn diese Verehrung einen falschen Zweck hat! Das behauptet zumindest Elizabeth Scalia. Trotz – oder gerade wegen – der provokativen These hat die Kolumnistin in der Washington Post einen Nerv getroffen. In der neuen Ausgabe des “Spectator” greift der Chefredakteur des “Catholic Herald”, Luke Coppen, zum gleichen Thema in die Tasten, und alles andere als britisch-zurückhaltend: Er schreibt, dass die Vorstellung, die sich viele von Papst Franziskus machen, mehr mit der eigenen Wunschwelt zu tun hat als mit dem, was der Papst eigentlich schreibt und sagt. Besonders die Medien und kirchenkritische Kreise hechelten einem “Fantasy Francis” hinterher, einem falschen Idol.

Was tun? Effektive Götzen-Prophylaxe ist ganz einfach: Wie sagt unser Heiliger Vater doch selber immer wieder zu den Massen auf dem Petersplatz: „Jubelt zum Herrn, nicht zu mir!“ – und dann: einfach mal zu “Evangelii Gaudium” greifen!  Lieber den Papst lesen als der eigenen Wunschprojektion hinterher zu dackeln. Im griffig geschriebenen Lehrschreiben steht ziemlich klar und deutlich, was der Papst sich zum Programm gemacht hat. Wer es lieber kurzweilig mag, kann einfach seine Predigten lesen, die er regelmäßig hält, und prägnant-unterhaltsam dazu. Wer das tut, wird auch schnell den “echten” hinter dem “Fantasie-Franziskus” entdecken – und vor bösen Enttäuschungen bewahrt bleiben.

(erst publiziert auf http://www.muenchner-kirchennachrichten.de)