Kein Christbaum, bitte! Wir sind Christen!

Eigentlich wollte ich garnix dazu sagen, und schon gar nicht im November. Wirklich nicht. Schliesslich ist das einzige, was noch mehr nervt als der ganze Weihnachtsschmarren, der im Einzelhandel jedes Jahr schon ab Herbst veranstaltet wird, dieses moralin-saure Gemecker darüber. Alle Jahre wieder wird der Mehltau der Bedenken darüber ausgeschüttet, wie das Fest der Geburt unseres Erlösers zu einem billigen Shopping-Spektakel verkommen ist. Wem schlafen da nicht mittlerweile die Füße ein?

Dabei stimmt es ja. Eigentlich sollte man vor dem Heiligen Abend keine Christbäume aufstellen. Seit wir Kinder haben, halten wir uns fest daran: Bei uns wird der Baum am 24. Dezember aufgestellt. Wir schmücken ihn gemeinsam, damit er bis an Maria Lichtmess die Freude über die Geburt Jesu ausstrahlen kann – wenn denn die Nadeln denn bis Anfang Februar halten! So oder so: Das ist ein schöner Brauch und wichtiges Ritual. In der Stadt ist das anders: die Koniferen reihen sich jetzt schon vor, in und mancherorts sogar auf den Kaufhäusern – und verschwinden vielfach kurz vor Sylvester wieder. Jetzt ist sogar der wichtigste aller Weihnachtsbäume da: die 30 Meter hohe Fichte, die mitten in München über dem Christkindlmarkt thront und alles in das Licht seiner elektrischen Kerzen tauchen wird. Was sich wohl unsere Muttergottes am Marienplatz dabei denkt, während sie auf ihrer Säule steht, und neben ihr der 80 Jahre alte hölzerne Riese fast dreißig Meter hoch in den Winterhimmel ragt?

Wünscht sie sich vielleicht, dass man als braver Katholik vor und während der Adventszeit wirklich sagen sollte: “Kein Christbaum bitte, wir sind Christen!”? Ich glaube nicht. Die Muttergottes wird ihre lieben Bayern, die ja unter ihrem Schutz und Schirm stehen, schon selber entscheiden lassen – genau wie die vielen Zugereisten und Besucher. Natürlich steigt die Zahl unserer durchsäkularisierten Mitbürger, die sich auf den Balkon einen Coca-Cola-Kasperl, vulgo: “Weihnachtsmann” hängen. Selbst in den abgelegensten Dörfern des Chiemgaus und Niederbayerns wurden schon Autos mit roten “Rentiernasen” gesichtet, und mit “lustigen” Geweihen. Das muss jeder selber wissen und entscheiden.

Aber die Muttergottes und ihr Sohn wissen auch: Dieser Christbaum am Marienplatz, der kommt heuer aus Bad Kohlgrub im schönen Oberland. Und die Kohlgruber Männer haben erst einmal ein Vaterunser gebetet, bevor der Niklas Toni am Rande des Moorstichs im Ammertal die Säge an den Stamm gelegt hat, den der Schauer Vinzenz gestiftet hat. Die haben bis nach Mitternacht geschuftet, bis der Riesen-Kran mit seinen fünf Achsen den fast acht Tonnen schweren Baum aus dem “Batz” ziehen konnte. Und die Kohlgruber Familien freuen sich, wenn sie der Landeshauptstadt ein solches Prachtexemplar zum Weihnachstfest stiften können, damit die Menschen dort auch einen Blick auf die Schönheit der Schöpfung werfen können, wie sie der Herr nun einmal unserer Heimat geschenkt hat. Wenn gleichzeitig beim Verkaufstag auch ein wenig Geschäft gemacht wird, dann soll kein verklemmter Moralapostel daraus bigotte Schlüsse ziehen. Weihnachten ist nicht das Fest der Geschäftemacher und Geldgierigen. Aber es ist auch nicht das Fest der Besserwisser und Pharisäer. Weihnachten ist das Fest der unbandigen Freude über die Geburt unseres Herrn, Jesus Christus. Und wenn wir es mit und unter einem schönen Weihnachtsbaum gemeinsam feiern, dann ist das mehr als würdig und recht. Oder?

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Der Christbaum am Festplatz in Bad Kohlgrub unterm Hörnle vor seiner Reise nach München. Foto: Wimmer

 

(Crosspost der Kolumne “Wimmers Woche” auf http://www.muenchner-kirchennachrichten.de)