Raus aus Absurdistan, rein ins Feldlazarett!

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Warum werden hunderttausende Euro Spendengelder für Parteien ebenso nach einem Tag vergessen wie absurde Millionenabstürze an der Börse, die Badewanne von Bischof Tebartz-van Elst aber nicht? Dahinter steckt keine Verschwörung, sondern ein gesellschaftlicher Komplex.

Am “Fall Tebartz-van Elst” mag vieles interessieren. Zu wenig beleuchtet sind aus meiner Sicht vor allem zwei Dinge: Erstens, was ich “die Sache mit den beiden Angelas” nennen würde. Und zweitens, die Berichterstattung, genauer: die mediale Entgleisung; dazu haben Bernhard Remmers oder auch Alexander Kissler schon knackig das zusammengefasst, was erstmal zu sagen ist.

Bleibt noch die Sache mit den beiden Angelas. Die ist nicht ganz so leicht zusammen gefasst, aber dafür noch knackiger.

Kennen Sie überhaupt Angela Ahrendts? Die Dame war bis eben die wohl bestbezahlte Frau in der Finanzkapitale London. Rund 20 Millionen Euro hat Angela vergangenes Jahr verdient. Warum? Weil Sie einer Firma, die schöne Klamotten und andere edle Gegenstände verkauft geholfen hat, noch mehr davon zu verkaufen. Burberry heißt diese Firma, und als die Nachricht von Angelas Ausstieg platzte, verlor der Luxuskonzern an der Börse die luxuriöse Summe von 500 Millionen Pfund auf einen schlappen Schlag an Wert. Schwups, und eine halbe Milliarde Pfund war plötzlich weg.

Ich weiß, was Sie jetzt sagen werden: Ein halbe Milliarde Pfund, das macht etwa 600 Millionen Euro! Damit könnte man ja 20 Limburger Renovierungsarbeiten finanzieren. Ich füge hinzu: Oder fast den Jahreshaushalt der Erzdiözese München und Freising im Jahr 2013. Woher ich das weiß? Das kann jeder nachlesen, der auf diese übersichtliche Darstellung schaut. Aber darum geht es gar nicht.

Es geht nicht um eine “Offenlegung von Finanzen”

Die Forderung nach einer Offenlegung von Finanzen hat auf einer tieferen Ebene gar nichts mit der Frage zu tun, ob und wie die deutschen Bistümer ihre Finanzen “offen legen”. Hier wird etwas anderes verhandelt, was ich an unseren beiden Angelas eben festmache. Die eine Angela hat eine halbe Milliarde Pfund weggezaubert. Die andere wird im Ausland gerne als “mächtigste Frau der Welt” bezeichnet. Hier bei uns nennen wir sie einfach “Mutti”.

Angela Merkels Partei hat sich von der BMW-Milliardärsfamilie Quandt eine nette Parteispende schenken lassen. Knapp 700.000 Euro. Wer bestreitet, dass so politische Gunst eingekauft wird? Schlimm genug, doch das ist eben auch (noch) nicht der Punkt. Genauso wenig, wie der Punkt (nur) ist, dass eine Finanzwelt, in der Börsenwerte im Milliardenbereich durch eine Personalmeldung in Minuten vernichtet werden, eine hysterische Karikatur ihrer selbst geworden ist.

Kein moralischer Kompass

Die Sache mit den beiden Angelas: das ist die Sache mit der ungerechten Absurdität unserer säkularisierenden Gegenwart, gegen die – ex negativo – das Bild der Kirche auch und gerade im Fall Tebartz-van Elst ein ganz anderes ist. Genauer: Die Sache mit den beiden Angelas ist, dass ganze Gesellschaftsfelder ohne moralischen Kompass operieren. Und sie stellt die Frage, welche Rolle die Kirche in einem solchen Absurdistan einfordert, aber auch haben darf.

Kulturkritisch ausgedrückt: Es gibt – jenseits der kontingenten Materialismen – in unserer gesellschaftlichen Lebenswelt keinen einforderbaren normativen Konsens mehr, zumindest keinen, dem der Umgang mit eben diesem Materialismus untergeordnet wäre. Papst emeritus Benedikt prägte dafür auch das Wort von der “Diktatur des Relativismus”. Mit dem Bild des Kompanten gesagt: Man weiß zwar, wohin der Kompass zeigt, aber man richtet sich nicht mehr danach, weil seine Funktion nicht mehr gewünscht ist. Er ist zu unerbittlich, zu verbindlich. Eben so gar nicht relativ. Wer braucht schon den Pfeil nach Norden, wenn nichts mehr eingenordet sein soll, ja, diktatorisch ungewünscht ist?

Die Rolle der Kirche in Absurdistan

Heribert Prantl hat in der Süddeutschen Zeitung zurecht darauf hingewiesen, dass unsere Gesellschaft die Moral an die Kirche “outgesourct” hat. Eine solche funktionale Ausdifferenzierung erklärt auch die Vehemenz der Angriffe auf die Kirche in Fällen moralischen Vergehens. Hier gibt es keine gesteuerten Kampagnen, wie manche Beobachter sofort wittern. Auch wenn das Verschwörungstheoretiker nicht glauben mögen: Dahinter stecken keine bösen menschlichen Absichten, sondern ein absurdes System, dem solche Kampagnen letztlich immanent sind. (Das hat schon der Soziologe und Theoretiker Niklas Luhmann in ganz anderen Zusammenhängen nachgewiesen.)
Was weder Luhmann noch Prantl noch viele andere kluge Beobachter anerkennen: Dieser Kompass, das ist die Kirche. Die Kompassnadel ist unbestechlich. Ihr Pfeil zeigt unerbittlich in eine Richtung, und zwar raus aus Absurdistan. Das ist die Rolle der Kirche auch in dieser Lebenswirklichkeit, und das macht sie im gleichen Maße unbequem und nötig. Daran erinnert Papst Franziskus – ebenso wie seine Vorgänger – immer wieder.
Die Rolle der Kirche in Absurdistan ist eine andere als noch vor 100 Jahren. Der Papst verwendet das treffende Bild eines Feldlazaretts. Die Rolle kann und muss die Kirche haben – und einfordern. In einem solchen Lazarett stehen keine teuren Badewannen. Aber in einem solchen Lazarett ist auch Platz für die beiden Angelas, nicht nur die Gläubigen, egal ob die nun Bischof Tebartz-van Elst heißen oder anders. In diesem Lazarett werden wir alle vor der existentiellen Malaise der Orientierungslosigkeit gerettet, genauso wie vor dem galoppierenden Materialismus.

Crosspost von der Kolumne “Wimmers Woche” auf den Münchner Kirchennachrichten