Kommt eine Christin in einen Weltbildladen…

Stellen Sie sich das mal vor: Während Sie diese Zeilen lesen, reist eine Christin aus dem dritten oder vierten Jahrhundert zu uns, ins Land der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Während Sie gespannt sich fragen, wie weit sich der Wimmer beim Thema Weltbild aus dem Fenster lehnen traut, stolpert unsere frühzeitliche Schwester also gerade raus aus ihrer Zeitmaschine, blinzelt, und stolpert schnurstracks hinein in eine Weltbild-Filiale.

Kein Witz wäre das, sondern eine tolle Prämisse, anhand eines bewährten Tricks einen frischen Blick auf die Befindlichkeiten des Landes zu werfen. Zugegeben: Seit meiner Rückkehr aus Australien vor drei Jahren schreibe ich nicht nur im Geiste an diesem ganz speziellen Abenteuerroman. Aber seit gestern beginnt er mit einem Besuch einer Weltbild-Buchhandlung. Denn gestern ging die Herbstversammlung der deutschen Bischöfe im Jahr 2013 zuende, und das beherrschende Echo im öffentlichen Raum, das bezeichnender Weise als “Randthema” bei der DBK verstanden wurde, ist Weltbild: Dieser riesige Medienkonzern in den Händen der deutschen Bistümer.

Kommt also unsere Frühchristin in den Buchladen. (Im Fenster stehen keine Bücher, sondern kleine graue “eReader”, aber darum geht es in einem anderen Kapitel.) Gott sei Dank trifft sie auf einen grantigen älteren Herren. Der hat mal Aramäisch und Hebräisch und vieles andere studiert, bevor er über einen mehrjährigen Ausflug ins Priesterseminar schliesslich Buchhändler wurde.

Beim dritten “Mega Chai Latte mit Vanille-Schuss” in der “Coffee Bar” (auch dies ein Kapitel für sich) erklärt ihr dieser nette Mann dann absolut Ungeheuerliches: Dass er Angst um seinen Job hat, und das schon seit Jahren, aber noch länger Bauchschmerzen mit seinem Beruf. Warum? Weil die Firma der Kirche gehört! Genauer: den deutschen Bistümern. Weil deren Bischöfe durch endloses Zögern und Zaudern zuerst zu Eigentümern eines kommerziellen Riesens und ethisch-moralischen Zwergs wurden. Weil dann eine kleine, aber zelotische Partisanentruppe aus den eigenen Kirchenreihen auf Schweinereien im Sortiment hinwies, die einerseits zwar nicht den Erfolg der Firma ausmachten, aber andererseits deren Ruf leicht ruinieren konnten. Weil dann die Bewegungsstarre durch einen vermeintlichen “Porno-Skandal” panisch ins Zittern geriet, und kreisende Finanzkoyoten und Branchengeier schon einen schnell verramschten Konzern ausschlachten wollten – bevor man sich daran erinnerte, dass 6.800 Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen und genau die logistische Infrastruktur, welche die Kirche im Informationszeitalter eigentlich braucht, um wieder die Frohe Botschaft in eine entfremdete, dekadente und an ihrer eigenen Modernität leidende Gesellschaft zu bringen.

Unser fiktiver Buchhändler mag da eine sehr eigene Sicht auf die Dinge haben, die auch ich als Chefredakteur nicht unbedingt teile. Nicht nur, weil ich gerne unsere Zeitung auf den “E-Readern” von Weltbild verkauft sehen würde.

Aber: Was würde diese Schwester im Glauben sehen und sagen? Ich bin gespannt auf Ihre Antworten!

(Ursprünglich in kurzer Version publiziert in der Kolumne “Wimmers Woche” auf  den Münchner Kirchennachrichten).