“Vote for fun!” Ein Plädoyer für die Wahlpflicht

(Aus der Rubrik “Wimmers Woche” – dem Blog auf den Münchner Kirchennachrichten)

Wahrscheinlich geht es Ihnen wie mir: Ich kann den ganzen Schmarren nicht mehr sehen, hören oder lesen. Gestern Abend liefen sie wieder im Radio, heute morgen begleiteten sie den Weg in die Redaktion: die Wahlberichte, die Wahlwerbungen, die Wahlplakate. Man muss nicht eine ganze Sendung “Jauch” ertragen haben um zu wissen: ganz so “super” ist unser “Super-Wahljahr” nicht. Im Gegenteil – es nervt; ganz unabhängig vom eigentlichen Wahlausgang. Dabei geht es noch schlimmer!

Stellen Sie sich mal vor, Sie hätten gleich drei Wahlen hintereinander. An drei darauf folgenden Wochenenden. Das gibt es. Während für Bayern heuer ein “Super-Wahljahr” ist, geniessen wir australische Bayern (oder bayerische Australier? Also wie auch immer: die mit doppelter Staatsbürgerschaft) ein regelrechtes “Super-Duper-Wahljahr”. Nach der Bundeswahl für das Parlament in Canberra kam die Landtagswahl für Bayern, und immer noch ist kein Ende in Sicht.

(Photo: CC Helen Fairnie / Canning Bridge Arts Markets)
Macht Appetit aufs Wählen: Der “Sausage Sizzle” (Photo: CC Helen Fairnie / Canning Bridge Arts Markets)

Am schlimmsten dabei sind jedoch nicht die oft unterhaltsamen, oder zumindest schlicht-nüchternen Plakate und Diskussionen. Am schlimmsten ist das alljährliche Betroffenheitsgetue rund um die Wahlbeteiligung. Ich habe mich selber schon dabei ertappt, genauer: bei dem Nachgehen der Frage, ob man Wahlverdrossene auch mit Plakaten zum Urnengang animieren kann? Vor meinem geistigen Auge sah ich schon die “Vote for Fun!”-Plakate und -Aufkleber hängen. Kein schöner geistiger Anblick. Aber warum eigentlich? Warum eigentlich nicht einfach die schöne Lösung wählen, die Australien gefunden hat: eine allgemeine Wahlpflicht!

In ganz Australien stehen am Wahltag die Menschen vor den Schulen, Mehrzweckhallen und anderen Gebäuden brav in der Schlange an, bis sie ihr Kreuz machen können – eigentlich wie bei uns. Viele Gemeinden haben aber auch gleich einen Würstelgrill am laufen; Parteivertreter stehen herum, um noch Unentschlossene mit Zetteln versorgen; an manchen Orten spielen die Schülerbands.

Es herrscht ein generelles “Wir-“Gefühl, eine freudige Erwartung, der noblen Bürgerpflicht gemeinsam nachzugehen. Ausserdem trifft man Freunde und Nachbarn, verabredet sich für den weiteren Tag, und diskutiert die Wahlchancen der Kandidaten. Tja, und wer dann partout nicht wählen will, der macht eben kein Kreuz auf seinen Zettel, sondern eine kleine Karikatur oder garnichts. Wirklich “gezwungen wird niemand”  – aber die Zahl der “echten” Wähler ist natürlich enorm, und viel höher als bei uns in Bayern und ganz Deutschland. Das tut nicht nur dem Wahlergebnis gut, das viel “demokratischer” ist. Das tut auch der Gesellschaft gut. Man gibt allen das Gefühl, mit der eigenen Stimme entschieden zu haben – und gemeinsam als freie Bürgerinnen und Bürger im eigenen Land die Führung zu bestimmen. Auch wenn es nicht immer die ist, die man vielleicht selber wählt. Deshalb plädiere ich hiermit für eine Wahlpflicht in Bayern und Deutschland. Nicht nur, weil wir dann keine idiotischen “Vote for fun!”-Aktionen bräuchten, sondern auch, weil es unserem Land gut tun würde. Probleme haben wir ja genug.

Eines ist so oder so klar: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Und wir können froh und dankbar sein, in einem Land zu leben, in dem wir in relativer Sicherheit und Freiheit wählen können. Es ist ein kostbares Privileg – und eines, das alle Wahlberechtigten für sich in Anspruch nehmen sollten.