Wahlen in Bayern und Deutschland: Materieller Wohlstand und geistige Armut

Was haben sich die Kommentatoren doch wieder gegenseitig übertroffen: Kaum gewinnt in Bayern die CSU (wieder) die absolute Mehrheit, wird zwischen Wiesbaden und der Waterkant vom „Ausnahme-Staat“ Bayern und seinem Alleinherrscher Seehofer gesprochen, geschrieben und jetzt auch „getweeted“.

Dabei lederhost und lodenmantelt es nur so, dass es eine Freude, pardon: eine rechte Gaudi sein soll. Ist es aber nicht.
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Bei dem ganzen Klischee-Geplänkel um das angebliche Ausnahmeland Bayern geht verloren, dass sowohl im Freistaat als auch auf bundesdeutscher Ebene neben Wohlstand und Wirtschaft brennende Fragen auf politische Lösungen warten – von der grundsätzlichen Krise der Familie bis hin zu Einzelaspekten wie der katastrophalen Geburtenrate und der Rolle der Mütter in unserem Land, von Inklusion und Lebensschutz bis hin zum Umgang mit der wachsenden Armut, mit Flüchtlingen und EU-Binnenmigranten.

Wenn im Wahlkampf weder Medien noch Politiker auf die Hintergründe dieser Fragen eingehen, dann ist der politische Diskurs dort angekommen, wo das öffentliche Leben längst stattfindet: in einer Gesellschaft ohne verbindliche Werte, in der der kleinste gemeinsame Nenner auf materielle Fragen reduziert wird.

So hat Nietzsche schon die „letzten Menschen“ beschrieben: Vorteils- und Anspruchsdenken haben dann nicht nur Konjunktur: sie sind die Norm, und eine moralische Beliebigkeit die Konsequenz. Papst Franziskus nennt unsere europäische Gegenwart eine geistig arme und warnt – seinen Vorgänger Benedikt zitierend – vor dieser Diktatur des Relativismus. Tatsächlich kann unser materieller Wohlstand die geistige Armut nicht auf Dauer verdecken. Politische Lösungen müssen daher auf dieses grundsätzliche Problem eingehen können. Wer mit großer Mehrheit regiert, hat auch eine große Chance und Verantwortung, dies anzupacken.

Ursprünglich publiziert in der Münchner Kirchenzeitung (Ausgabe 39/2013) und auf den Münchner Kirchennachrichten.

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