Empörium Germanicum

Wann wurden Sie das letzte Mal mit Hitler verglichen?

Weniges bringt den Menschen in hochentwickelten Ländern bekanntlich näher an den Abgrund der existenziellen Verzweiflung als das Niveau von Internet-Diskussionen. Neben der überall lauernden Pornographisierung ist das Niveau von Kommentaren, Foren und Diskussionen online ein täglicher Beweis dafür, dass das Böse wirklich existiert. Oder zumindest: das Blöde. In der anglophonen Welt wird dieser Umstand treffend mit dem Godwinschen Gesetz beschrieben. Der Anwalt und Autor Mike Godwin hat es nämlich auf den Punkt gebracht: „Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Hitler dem Wert Eins an.“ 

Mit bildungsbürgerlicher Beflissenheit hat sich jüngst die Wochenzeitung “Die Zeit” dieses Problems unter dem Titel “Empörium Germanicum” gewidmet. Da wird fröhlich die Reaktion auf Uli Hoeneß, die Piratenpartei und eine deutsche Schauspielerin am roten Faden der öffentlichen Entgleisungen von Nutzern online aufgehängt. Fazit: Im Jahr 2013 ist es auch im deutschsprachigen Internet so weit, dass Themen hysterische Hasstiraden provozieren, die der Redaktion einer bürgerlichen Wochenpostille wichtig sind.

Da kann man nur sagen: Willkommen im Internet, liebe Kollegen! Aber Scherz beiseite: Wer sich mit Minderheitenpositionen identifiziert, der wurde schon vor 10 Jahren gerne im Internet angegriffen, gemobbt oder mit Häme übergossen. Katholiken zum Beispiel. Die Frage, wann ich zum letzten Mal mit Hitler verglichen wurde, kann ich – wenn ich mich richtig erinnere – eigentlich nur damit beantworten, dass ich sage: “Als ich mir das letzte Mal eine Darstellung katholischer Positionen zum Thema AIDS, Fortpflanzung, oder einfach zum Papst im Internet erlaubt habe.”

Wer der Versuchung zu erliegen droht, mit einer Art Märtyrerkomplex im Internet rhetorische Schlachten gegen fundamentalistische Katholiken-Hasser und andere Glühbirnen schlagen zu wollen, erreicht wenig ausser der eigenen Frustration. Die Antwort ist vielmehr eine Antwort, die auch das angebliche Problem eines “Empörium Germanicum” löst: Ruhige, vernünftige, ja, liebevolle und sachliche Diskussion. Das ist zwar anstrengend, vor allem wenn man mit den Nazis verglichen wird. Aber es kann zu positiven Dialogen führen, und ist in unserer Zeit von NSA-Abhören, Cybermobbing, Anonymous-Angriffen und anderen Phänomenen eine Art positiver elektronischer Verkündigung der besonderen Art.  Man muss ja nicht gleich wie der schon legendäre Father Barron von “Word on Fire Ministries”  auf dem dürren und steinigen Kommentar-Acker von YouTube Furchen ziehen. Es gibt weniger steinige Weinberge: der eigene Facebook-Account zum Beispiel.