Lang lebe “Tigerblut!”

Von Anian Christoph Wimmer

Was ist das wichtigste Ereignis der Sozialen Medien 2011?  Ja, vielleicht sogar in der gesamten Menschheit in diesem Jahr? Der “Facebook-Umsturz in Ägypten?” Langweilig. Der “Twitter-Sturm in Tunesien?” Schnarch.

Lang lebe die Tigerblut-Revolution!

Das vielleicht wichtigste Ereignis in der noch jungen Geschichte von Twitter geschah am 1. März 2011. Auch wenn das Historiker noch nicht bestätigt haben. Was ist passiert? Charlie Sheen fing an zu zwitschern. Zugegeben: Etwa 175 Millionen Menschen waren schon auf Twitter. Doch dann kam er, sah, und siegte.

Wie ein Orkan fegte das Tigerblut-Phänomen den dichten Jargon-Nebel weg, der über der diesig schimmernden Halbwelt der “SEO Leaders” und “Internet Marketing Experten” hängt. Er strafte alle Heiden Lügner, die um das Goldene Kalb tanzen und damit dem Zwitscher-Götzen huldigen: Möglichst viele Anhänger haben; wer “Follower”, und damit potentielle Kunden erreichen kann, der hat gewonnen.

Wie man gewinnt, das hat er uns allen gezeigt. Keine 24 Stunden hat es gedauert, da hatte Charlie Sheen über eine Million Anhänger. Am heutigen Dienstag sind es über zwei Millionen. Und wie hat er das geschafft? Es lag nicht allein am buchstäblichen Inhalt seiner Tweets. Denn die bestanden, auf ihre Essenz destilliert, nur aus zwei Worten:

#WINNING!

und, natürlich:

#TIGERBLOOD!

Nur Ahnungslose werden den Kopf schütteln. Nur Neider werden darauf hinweisen, dass der arme Mann gerade seinen Schauspieler-Job bei einer beliebten Unterhaltungs-Serie verloren hat und offensichtlich aus sich selbst ein Spektakel macht.

Das ist alles richtig – aber das Phänomen Charlie Sheen ist ein Sieger – zumindest im Twitter-Spiel. Und es hat mit seinen Tweets den Kaiser auf seine Nacktheit hingewiesen. Sheen hat es einfach gezwitschert: Ich bin der Sieger. Und daraus aus dem Spektakel seiner eigenen öffentlichen Person die logische Konsequenz zum kommunikativ letzten Schluss gezogen.

Im richtigen Leben hat diese Selbstoffenbarung etwas destruktives, tragisches. Viele Kommentatoren haben ja darauf hingewiesen. Aber genau diese Tragik ist die eigentliche Geschichte. Es reicht ja eben nicht, einfach “SIEGER” zu tweeten, um ein Sieger (in welchem Wettkampf auch immer) zu sein.

In der Welt der Sozialen Medien leistet das Phänomen etwas anderes: Das Tigerblut-Phänomen straft die schillernde Halbwelt Lügen, die am Spielfeld-Rand stehend Schlangen-Öl und Marketing-Zauber verkauft. Charlie Sheen hat es allen gezeigt: Bei Twitter spricht der Promi direkt mit der Masse. Die Mittler sind überflüssig. Und die Geschichte ist die Geschichte der Person. Deshalb sind Organisations-Twitter selten erfolgreich.

Wenn sich der Promi dann in einem peinlichen Offenbarungseid in den angeblichen Untergang zwitschert, schaut die Welt fasziniert zu. Aber auch ohne Tragikkomödie ist es spannend. Man schaue sich nur mal die Top-100 der Twitterer an: Lady Gaga, Justin Bieber, Barack Obama….

Deshalb: Lang lebe die Tigerblut-Revolution!

PS: Wer mitmachen will, kann sich jetzt als Praktikant bewerben – aber nur, wenn man #Tigerblut! hat.

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