Der Begriff “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” gehört abgeschafft.

Von Anian Christoph Wimmer

“Das Understatement des Jahrhunderts” hat Hannah Arendt es genannt. Karl Jaspers hat sich dagegen angeblich gewehrt. Und wirklich, es spottet jeder Beschreibung. Aber die geschätzten Kollegen der ARD begehen diese Untat genau so wie zahllose Journalisten, Juristen und andere. Darum will ich es kurz machen:

Der Begriff “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” gehört abgeschafft.

Er ist eine peinliche Fehlübersetzung des englischen Begriffs “humanity”, bzw. des französischen Wortes “l’humanité”. Im Englischen müsste es sonst heissen “Crimes Against Humaneness”. Und kommt mir nicht mit der Haager Landordnung. Hier hat offensichtlich jemand schlecht Englisch bzw. Französisch gekonnt und in den 1940ern den Begriff falsch übersetzt. Fehler, die massenhaft nachgeäfft werden, sind immer noch falsch und werden dadurch nicht richtiger.

Es sind Verbrechen gegen die Menschheit, von denen die Rede ist. Nicht gegen die Menschlichkeit. Der Unterschied ist kategorisch. Wer begrifflich so schlampt, als Kulturnation, der hat entweder einen an der Klatsche oder ist gar keine (Kulturnation). Deutschland ist es aber, und die deutsche Sprache einer der präzisesten (und wie ich finde: schönsten) die es gibt.

Ich gebe zu, ich habe eine dreifache “Deformation”, die mich besonders sensibel macht: Zweisprachig aufgewachsen, habe ich jahrelang tagtäglich als Nachrichtenredakteur englischsprachige Stories und Begriffe in zuverlässiges Deutsch übersetzt. Und dann als Deutscher an einer englischsprachigen “Elite-Uni” Philosophie studiert, wo in der angelsächsischen Analytischen Tradition Sprachspiele getrieben wurden.

Aber hier geht es nicht um persönliche Vorlieben oder verfehlte Korinthenkackerei. Es ist nicht einmal das “Understatement” eines Jahrhunderts. Es ist falsch übersetzt, das muss jeder wissen. Und wer wegschaut ist ein Sprach-Appeaser und begeht ein moralisches und sprachliches Verbrechen. Wie Twitter-Kollege Alexander Rossner treffend zusammenfasste: “Pleonasmus und Euphemismus zugleich.”

Menschlichkeit, als “humanitas” verstanden, begreift nicht eine Zivilbevölkerung oder Gruppe von Menschen; er begreift eine abstrakte Idee. Mehr noch: in seiner Abstraktion umfasst er immer auch das Unwürdige, das schlechte Verhalten, das eben genau so “menschlich” ist, wie “gutes Verhalten”. Man kann natürlich unmenschlich handeln, z.B. die Würde eines Menschen verletzen. Aber dessen werden Menschen, die Verbrechen gegen die Menschheit begehen, nicht angeklagt. Im § 7 des VStGB sind ganz andere Tatbestände beschrieben, und zwar Taten gegen Menschen. Aber dennoch steht auf dem Dokument “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” darübergeschrieben.

Das ist, mit Verlaub, in diesem Kontext – und vor allem im deutschen – grob fahrlässiger, unmenschlicher Blödsinn, und zudem verdammt peinlich. Dagegen ist eine Verwechslung von “Mord” mit “fahrlässiger Tötung” noch verständlich, aber auch nicht entschuldbar.

Der Begriff “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” gehört abgeschafft. Es sind “Verbrechen gegen die Menschheit”. Klar und simpel.

„Das den Nürnberger Prozessen zugrunde liegende Londoner Statut hat […] die ‚Verbrechen gegen die Menschheit‘ als ‚unmenschliche Handlungen‘ definiert, woraus dann in der deutschen Übersetzung die bekannten ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ geworden sind; als hätten es die Nazis lediglich an ‚Menschlichkeit‘ fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten, wahrhaftig das Understatement des Jahrhunderts.

Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem, Ausg. 2004, S. 399 – Mehr dazu hier.

2 thoughts on “Der Begriff “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” gehört abgeschafft.”

  1. Danke für diesen sehr lesenswerten Beitrag (und das Zitat). Lassen Sie mich noch drei Argumente hinzufügen:

    #1 Die Übersetzung “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” impliziert die humanistische Deutung des Begriffs “Menschlichkeit”, die zwischen einem wünschenswerten (=menschlichen) und einem unerwünschten (=unmenschlichen) Verhalten unterscheidet. Wendet man dagegen die neutrale Deutung des Begriffs der “Menschlichkeit” an, so beschreibt er alle menschlichen Verhaltensweisen, also gute wie böse. “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” könnten dann theoretisch auch gute Taten sein.

    #2 Demnach muss man den humanistischen Begriff der Menschlichkeit anwenden, um aus “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” überhaupt eine plausible und juristisch sinnvolle Aussage zu machen. Die Unterscheidung in gute und schlechte Menschlichkeit (Stichwort “Theorie der angeblichen Unmenschlichkeit”) hat nun aber in zahlreichen Staaten, darunter auch Deutschland und die DDR, nicht nur zu sehr eigenwilligen Interpretationsversuchen geführt (z.B. “Herrenmensch”, “Untermensch”, “Übermensch”, “Gutmensch”, “Unmensch”), sondern auch zur Umsetzung dieses Überzeugung gewordenen Wahnsinns.

    #3 Und noch ein juristisches Argument: §7 VStGB wird eingeleitet durch die Formulierung “Wer im Rahmen eines ausgedehnten oder systematischen Angriffs gegen eine Zivilbevölkerung”, hieran schließen sich dann die einzelnen strafbewehrten Handlungen an. Angriffsrichtung ist bei diesem Straftatbestand also nicht ein individualisierbarer Mensch, sondern die abstrakte Gesamtheit der “Zivilbevölkerung”. Auch “Menschheit” beschreibt eine abstrakte Gesamtheit. Unter “Menschheit” wird zwar üblicherweise die Gesamtheit der Weltbevölkerung verstanden, gegen die sich ein Verbrechen nach § 7 StGB typischerweise nicht richtet, aber auch solche umfassenden Angriffe haben wir in der Vergangenheit bereits erlebt. Im Angesicht gerade solcher Angriffe (also “gegen die Menschheit”) hat man diesen Straftatbestand ja auch erst geschaffen.

    Grüße aus dem Voralpenland.

  2. Vielen Dank für diese klaren Worte!
    Auch mir selbst stellen sich regelmäßig die Nackenhaare auf, so sehr gruselt es mich, wenn ich in steter Wiederholung von den “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” höre .
    Es sind Verbrechen, die gegen die ganze Menschheit verübt worden sind.

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