Die Tragik des Karl-Theodor zu Guttenberg, oder: 4 altbewährte Regeln für Digital Public Affairs

von Anian Christoph Wimmer

Heute hat Karl-Theodor zu Guttenberg kapituliert. Der bayerische Baron ist vom Amt des Verteidigungsministers zurückgetreten. In Augen aller Beobachter nicht unerheblich dabei war die Rolle von GuttenPlag Wiki. Hier wurde kollektiv und öffentlich die Dissertation des CSU-Politikers zerpflückt und analysiert. So wurde das Ausmass des Plagiats schneller bekannt, als der immer noch beliebte Minister zurückrudern konnte.

Vielleicht müßte die Geschichte “der Fall GuttenPlag” heißen, nicht “der Fall Guttenberg”. (Ganz zu schweigen von dem unsäglich piefigen Begriffsgeschwulst “Causa Guttenberg”.) Denn erstens hat  Guttenbergs Versagen mit seinem Rücktritt kein Ende gefunden: Bis zum Schluss konnte sich der 39jährige nicht durchringen, ein klärendes Wort über das Fiasko zu sprechen, und wie es dazu kommen konnte. Und zweitens, was viele Beobachter noch nicht realisieren: Die eigentlich interessante Konsequenz des Falls ist der neue, höhere Anspruch an die Moral und die Werte unserer Politiker – und damit auch an unsere Gesellschaft.

Es scheint paradox: Aber ausgerechnet Twitter, Facebook und Wikis bringen nicht nur Aufklärung, sondern fordern auch mehr Ehrlichkeit und menschliche Nähe in unserer Gesellschaft ein. Und mehr noch: sie bringen indirekt auch eine Rückbesinnung auf verbindliche, universale Werte und christliche Kardinaltugenden ins Spiel. (Deshalb ist Julian Assange auch eine melodramatische Figur: Es fehlt ein WikiLeaks-Dokument über seinen Gründer, der sonst einfach keine tragische Überhöhung erreichen wird.)

Aber der Reihe nach.

Guttenberg musste nicht gehen, weil er plagiarisiert hat. Guttenberg musst nicht gehen, weil die SPD oder Neider ihn demontieren wollten. Guttenberg hätte vielleicht nicht einmal gehen müssen, wenn sein Betrug aufgeflogen wäre, er aber eben anders reagiert hätte. Guttenberg musste vor allem gehen, weil er a) verlogen und unmoralisch gehandelt hat und b) dies nicht zugab, sondern erst leugnete, dann bagatellisierte, und schließlich so lange beschönigte, bis er gehen musste, weil er seine gesamte Glaubwürdigkeit, ja, seine Kompetenz als Minister unfreiwillig in Frage stellte.

Unfreiwillig in Frage stellen: Das ist ein Anzeichen dafür, wie sich die Öffentlichkeit (und damit die Arbeit mit ihr) verändert hat. Das Guttenberg-Wiki-Phänomen ist ein Beispiel dafür, wie radikal die Sozialen Medien unsere Gesellschaft und ihre Öffentlichkeit verändert haben. Niemand kann dies ignorieren: Die gesamte “Informationspolitik” ist heute eine andere. Wer die Informationen nicht mehr kontrolliert, muss radikal ehrlich sein, und einen anderen strategischen Ansatz wählen, als scheibchenweise die Wahrheit zuzugeben, wie Karl-Theodor zu Guttenberg.

Somit ist sein Fall ist ein Lehrstück in Sachen Digital Public Affairs für alle, die mit politischer Kommunikation zu tun haben. Und nicht nur Politiker: Unternehmer, Staatsmänner, Journalisten, können daraus ein paar grundlegende Lektionen ziehen. Hier sind die m.E. vier wichtigsten Regeln im  Zeitalter der digitalen Öffentlichkeit:

1.) Sei mutig  und lass keine Leichen im Keller. Auch nicht im Privatkeller.
Eine Leiche im Keller ist nicht nur illegales Verhalten. Auch moralische Fehltritte gehören dazu. Ja, im Prinzip potentiell alles, was den natürlichen Anstand beleidigt. Entweder, man holt diese Leichen raus und beerdigt sie öffentlich, oder man hat keine drin. Mehr ist nicht zu machen, wenn man die richtige Handlung ausüben will. Natürlich gibt es viele schmutzige Geheimnisse, aber die Frage ist, wie man damit umgeht. Im Zeitalter der Sozialen Medien ist es wichtiger, die eigene Geschichte selbst zu erzählen.

2.) Sei moderat und schenk Dir Deinen Stolz.
Wer die eigene Geschichte selbst erzählen will, muss mit ehrlicher Selbstkontrolle antreten: Eigennutz wird da eben so schnell enttarnt wie Hochmut. Die Arroganz ist nicht erst seit Facebook die perfideste Form der Dummheit. Aber seit Facebook ist sie viel schädlicher geworden. Wer vermessen ist oder zu stolz, eigene Fehler einzugestehen, ist ein Dinosaurier – genau so wie jener Kalte Krieger, der mit passiver Salamitaktik vorgeht.

3.) Handle (und rede vor allem) gerecht und glaubwürdig.
Gerechtigkeit, wenn man nach Regel 1 und 2, also mutig und massvoll handelt, führt zur Glaubwürdigkeit. Das ist eine Frage der Haltung, aber auch der Wahrnehmung. Sie kann nicht schnell aufgebaut werden; wohl aber schnell zerstört. Politiker-Rhetorik ist selten gerecht oder glaubwürdig.
Der ungerechte und anti-demokratische Gestus, über “Stammtische” zu lästern, ist da genau so tödlich wie der Schrei, “Wer unschuldig ist, werfe den ersten Stein!”, den ja auch vor allem Menschen verwenden, die im eigenen Haus keine Bibel mehr stehen haben, geschweige denn lesen. Beide entspringen ungerechten, unglaubwürdigen, letzten Endes irrationalen Handlungsmustern

4.) Zuletzt, und vielleicht am wichtigsten: Sei nicht clever, sondern klug. Genauer: sei weise.
Zweck heiligt nicht die Mittel. Wer sich mit falschen Freunden aus dem richtigen Grund umgibt, oder aus dem falschen Grund mit den richtigen Freunden, der fliegt aufs Maul. Wer mit Gazprom, der Bild-Zeitung, Kinderschändern paktiert, fliegt aufs Maul. Wer Taktik mit Strategie verwechselt, ist das Gegenteil von weise.

Und das bringt mich, abschließend, zur zugegeben erst einmal steil klingenden These, dass die neuen Medien des Internets uns zu christlichen Tugenden bringen. Die theologisch geprägten Leserinnen werden es schon gemerkt haben: Die vier hier dargestellten Regeln entsprechen den vier Kardinaltugenden: MutMäßigungGerechtigkeitWeisheit
Und natürlich sind das nicht nur christliche Tugenden, sondern auch schon den alten Griechen und Chinesen bekannt gewesen.

Das Tragische am Fall Guttenberg: Die alten Tugenden sind wieder neu da, und er war der Mann, der sie für viele verkörperte. Tut er immer noch, klar – und (das ist das Tragische) doch verfehlt er sie auch mit seinem Abgang, wie die Stellungnahme von GuttenPlag Wiki deutlich macht:

Wir bedauern, dass Herr Freiherr zu Guttenberg bei der Ankündigung seines Rücktritts keine klaren Worte zur offensichtlichen Täuschungsabsicht und zur Urheberschaft der Dissertation gefunden hat. Der Rücktritt des Bundesministers der Verteidigung war nicht Ziel dieses Projekts. Ziel ist die detaillierte Aufklärung der Umstände, unter denen die Dissertation entstanden ist. Daher werden wir weiterhin an der Analyse und Dokumentation der Doktorarbeit arbeiten und unsere Ergebnisse in einem Abschlussbericht veröffentlichen.

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