Game On: Wie spielerische Innovation uns die “Wirklichkeit 2.0” bringt

Die buchstäblich spielerische Übernahme der Realität durch die Innovationen des digitalen Zeitalters bietet einen Ausblick auf die Zukunft; darauf, wie eine langsam ausschlüpfende “Wirklichkeit 2.0” aussehen wird. Dabei spielt die neueste Technik, wie “context aware computing”, selbst nur eine untergeordnete Rolle, und sogar das “Verschwinden” des Computers in der Umwelt ist nur Etappenziel.  Der Paradigmenwechsel ist ein anderer, und damit auch die Konsequenzen, schreibt Anian Christoph Wimmer.

Quelle

Wie alle Kreaturen sind wir Menschen Geschöpfe mit einer zielgerichteten Ausrichtung unserer biologischen Apparatur aufs Überleben. Deshalb lernen und üben wir im Spiel das Verhalten für den Ernstfall: Die Jagd auf Beute, um Partner, Prestige und einen Platz an der Sonne. Peter Sloterdjik hat behauptet, Männer spielen Fussball, weil sie nicht mehr auf die Jagd gehen. Er übersieht, dass auch Jäger spielerisch gelernt haben. Aber sind die Spiele heute nicht höllisch ernst geworden? Ich behaupte nicht nur, dass dem so ist, sondern dass es auch gut so ist.

Egal ob auf dem Fussballfeld, dem Arbeitsplatz, oder in der Schule: Wie seit Jahrtausenden spielen wir in vielen Bereichen miteinander um verschiedene Einsätze, manchmal das eigene Leben. Für den Philosophen Eugen Fink war das Spiel sogar ein Weltsymbol. Unsere Kulturen sind voller Spiele, in denen Kämpfe stellvertretend geführt werden. Doch letzten Endes wird aus diesem Spiel oft tödlicher Ernst, bzw. verschwimmt die Grenze zwischen beiden. Eine Unterscheidung zwischen Spiel und Ernst wird in unserer heutigen Gesellschaft nicht nur schwierig, sondern problematisch; mit Gaston Bachelard gesprochen, ein epistemologisches Hindernis. Warum?

Bachelards Landsmann, der Soziologe und Mitterand-Berater Pierre Bourdieu, hat ja den schönen Begriff des sozialen Felds geprägt, um das Spannungsfeld zu beschreiben, in dem Personen unter Einsatz verschiedener Kapitalformen (soziales, kulturelles, ökonomisches) um eben diese Kapitalformen kämpfen, pardon, spielen. Dieses Verständnis ist hilfreich, denn damit sieht man: Das Internet ist kein neues Feld; es schafft vielmehr neue Felder. Sowohl im wirklichen Leben wie auch “online”. Das ist ein kategorischer Unterschied, der auch das landläufige Verständnis, wie die digitale Revolution unser Leben verändert, auf den Kopf stellt.

Mit anderen Worten: Es geht nicht nur darum “was heutzutage technisch möglich ist”. Es geht auch darum, wie Technik umgesetzt wird. Während Unternehmen wie Google oder Facebook ganze UX-Abteilungen haben (UX steht für “User Experience”), ist die natürlichste Umsetzung in Spielen zu finden.

Die wahre Pionierarbeit ist nicht Programmieren, sondern die Kunst, das technisch mögliche in die menschlichen Lebenswelt einzubringen: Und genau darum geht es natürlich beim Spiel – ganz egal ob Simulation, Strategie, Rollenspiel oder Baller-Gedaddel. Hier kann spielerisch der Ernstfall geprobt werden, auch in Sachen Innovation: Das sogenannte “context-aware computing“, das menschliche Bewegungen, physiologische Daten und andere Informationen sammelt und abstimmen kann, wird vor allem in der Spiele-Industrie erst einmal zum Zuge kommen können. Denn hier sind Vorbehalten gering, das Spielfeld klar begrenzt einerseits, und nicht gebunden an die falsche Unterscheidung zwischen online und real andererseits.

Stufe 1: Das Verschwinden von Computern und von “Information Overload”

Militär und Werbung haben eines gemeinsam: Sie sind nicht selten die ersten, die Innovationen entwickeln, bzw. verwenden. In der Werbe-Branche hat sich die Verwendung von Online-Spielen bereits etabliert. “Fun Interaction” ist hier das Ziel: Kundenbindung durch Daddeln. Und virtuelle “War Rooms” sind für moderne Militärs nicht mehr wegzudenken, und damit auch für strategisches Arbeiten in der Wirtschaft de rigeur.

Bereits 1991 hat der Vordenker Mark Weiser den Begriff des “ubiquitous computing” eingeführt. Er prophezeite die “Unsichtbarwerdung” des Computers. Und, vielleicht noch interessanter: Er prophezeite auch das Ende des Phänomens der Informations-Überfrachtung, des frustrierenden Gefühls, im Datenmeer zu ertrinken:

There is more information available at our fingertips during a walk in the woods than in any computer system, yet people find a walk among trees relaxing and computers frustrating. Machines that fit the human environment, instead of forcing humans to enter theirs, will make using a computer as refreshing as taking a walk in the woods. (Quelle)

Nun sind Computer schon in vielen Dingen verschwunden, aber noch nicht gänzlich. Und seit dem Aufkommen des Begriffs “Outernet” wird eine Übernahme der Wirklichkeit durch das Internet und andere Technologien durch Trendforscher beschrieben, sprechen Markt-Auguren von einer Branche mit 350 Millionen Dollar Umsatz im Jahr 2014. Neben 3D-Druckern werden Programme wie Google Goggles zitiert, die alle relevanten Informationen als Datenschicht über die Wirklichkeit legen und damit diese “erweitern”. Doch dieses Verständnis, im Begriff einer “Augmented Reality”, einer “erweiterten Wirklichkeit” – oder einer gemischten, als “Mixed Reality” – greift viel zu kurz. Zurecht hat Gartner diese Begriffe in die “Hype”-Tonne getreten.

Was mit Rückgriff auf Mark Weiser hoffentlich klar ist: Genau so, wie die Grenze zwischen Spiel und Ernst nicht mehr sauber gezogen werden kann, ist eine Differenzierung zwischen Computer oder Online und Wirklichkeit nicht klar ziehbar. Anders gesagt: Genau so wenig, wie das Internet nur online ist, sondern seine Entsprechung in der Welt hat, wird die Wirklichkeit, verstanden als erfahrbare Lebenswelt eben nicht nur erweitert. Sie wird in ihrer objektiven gesellschaftlichen Ausprägung ebenso wie in ihrer subjektiv individuellen Wahrnehmung nicht sonst so bleiben, wie sie ist. Aber wie wird sie?

Stufe 2: Das ganze Leben ist ein Spiel

Nicht Kerkeling, sondern Kopernikus ist also gemeint. Genauer: die einer kopernikanischen Wende gleichende Umstülpung der Wirklichkeit in eine potentiell “bessere”, den anthropologischen Konstanten folgend, die sich nicht um die scheinbare Distinktion von “Online / Wirkliches Leben” scheren.

Noch einmal: Widersprüchlich ist allenfalls die Einstellung, ein Facebook-Account sei nicht so “echt” wie ein Poesie-Album aus Papier, oder irgendwie weniger real. Was weniger real ist, liegt vielmehr an den Grenzen der Umsetzung des Programmierens für den Menschen, nicht an der technischen Machbarkeit. Dies bedeutet auch, dass die Unsichtbarwerdung von Computern und die technische Erweiterung der Wirklichkeit nur Etappenziele sind.

In der nächsten Stufe prägen dann durch die Technik ermöglichte und erlernte Verhaltensweisen die Lebenswelt und verändern sie. Die Spiele-Designerin Jane McGonigal ist offenbar überzeugt: Das Spielen von Computerspielen kann uns helfen, Probleme der Menschheit, wie z.B. Armut und Hunger zu lösen. Denn in Spielen können wir erstens  “bessere” und leistungsstärkere Menschen sein, soziale Verhaltensweisen lernen, und vieles mehr. Und zweitens ist für sie die Realität “kaputt” – so auch der Titel eines gleichnamigen Buchs – und die Wirklichkeit muss so werden, wie in manchen Computerspielen: eine rettbare Welt, die es auch noch Spass macht, zu retten. McGonigal beschreibt sich mittlerweile als Vordenker einer ganzen “Bewegung”.

Non scholae, sed ludum discimus: Die aller-letzten Menschen

Auch und gerade für Menschen mit einem europäischen Kulturbegriff ist dies alles befremdlich und erinnert an den Menschenpark bei Sloterdjik. Aber was passiert, wenn die Wirklichkeit “besser” wird, wie in einem Spiel? Dann entkoppelt sich die Prämisse von ihrer Herkunft, ebenso wie der Begriff dessen, was besser ist. Die anthropologischen Konstanten bleiben die gleichen. Und kritisch betrachtet sind sie dann ein erfüllbarer, ja, unabdingbarer Appell an die Befried(ig)ung auch der niederen Instinkte.

In einem solchen Sinne ist die “Wirklichkeit 2.0” dann eine Wirklichkeit der aller-letzten Menschen: Eine perfide Steigerung im Sinne der letzten Menschen bei Nietzsche; eine technologische Anbiederung an die westliche Dekadenz, in der ein Spaß-Bedürfnis als Grundrecht eingehandelt wird, auf das Schüler dann als Zweck an sich eingependelt werden genau so wie der Rest der Gesellschaft auch.

Herzlichen Glückwunsch, Twitter! Du bist der neue Ground Zero der Kommunikation

Liebes (lieber?) Twitter,

Du hast heute viele Post Tweets bekommen, die Dir zum Geburtstag gratulieren. Habe ich gerade auf Twitter gelesen. Das ist so, als würde man dem Erfinder der Postkarte eine Postkarte schicken, weil man auf einer Postkarte gelesen hat, dass er heute Geburtstag habe. Oder so.

Ich gratuliere Dir deshalb mit einem Blogpost. Aber nicht nur zum Geburtstag.

Ich gratuliere Dir zur Schaffung eines neuen Mediums, das alle anderen Medien verändert. So wie Nachrichtenkanäle die Periodizität der Journalistik durch Beschleunigung hin in den Sekundentakt eigentlich ad absurdum geführt haben (CNN und der Irakkrieg), ohne dass das es uns wirklich gestört hätte: So hast Du eigentlich die Kommunikation ad absurdum geführt: jetzt können wir alle, alles, sofort, mit jedem besprechen, vor allen anderen. Und wenn es letzten Endes Nichtigkeiten sind: Dein Sinn ist die Jetzt-heit. Du bist der neue Ground Zero der Kommunikation.

Ich gratuliere Dir zum nicht nur politisch, philosophisch oder medial bedeutungsvollen Schritt, Freundschaft neu zu definieren als eine Beziehung zwischen jemanden, der einem auf Twitter folgt, und dem Du auch folgst. Die Leute machen sich ja immer über die Facebook-Version von “Freund” lustig. Zu recht. Aber Du hast die Grenzen der Begriffskategorie ja noch einmal neu gezogen. Jetzt habe ich nicht nur viel mehr “Freunde”. Ich habe auf einer hermeneutischen Ebene tatsächlich viel dazu gelernt. Was nur Gadamer zu Deiner Begriffsverhunzung Begriffs-Umgestaltung sagen würde?

So nun muss ich schliessen und diesen Blogpost tweeten. Hoffentlich wird er auch re-tweetet. Mach’s gut.

Dein Dich hassliebender

Anian Christoph Wimmer

PS: Wie alt Du geworden bist habe ich vergessen – oder gar nicht in den Tweets gelesen. 140 Zeichen sind wenig, aber genug, das schrumpfende menschliche Gedächtnisvermögen noch mehr zu zerstören als dieser Gutenberg mit seiner Buchdruck-Nummer. Neil Postman kann froh sein, Dich nicht mehr erlebt zu haben.

Der Fukushima-Moment: Drei Anmerkungen zur öffentlichen Reaktion auf Japan

Von Anian Christoph Wimmer

Dieser Text bietet keine aktuellen Informationen zur Entwicklung der Lage der Atomkraftwerke in Japan. Dafür empfehle ich den Twitter-Stream der Internationalen Atomenergiebehörde. Zur Diskussion nach dem umstrittenen Artikel von Josef Oehmen “Warum ich wegen der japanischen Atomkraftwerke nicht besorgt bin” empfiehlt sich diese Seite der Kernphysik-Forscher des MIT.

1.) Das erfolgreiche Versagen der deutschen Medien. Diese Anmerkungen sind zum Fukushima-Moment, nicht zu Japan. Die historische Erdbebenkatastrophe in Japan ist von den deutschen Medien als

Plakat zur Mahnwache
Plakat zur Mahnwache

Nebenkriegsschauplatz identifiziert worden. Was zuerst empören mag, hat sich bewahrheitet: Die wichtigste Geschichte ist die Atomkraft. Nicht das Leid, die Vermissten, die Nachbeben; vielleicht auch die immer noch nicht erzählte positive Geschichte, wie Millionen Menschen durch unglaublich gut gebaute Gebäude ein solches Beben überleben konnten. Wichtig, ja. Die wichtigste Geschichte? Nein. Dies ist jedoch kein Versagen der deutschen Medien, oder zumindest ein “erfolgreiches Versagen”.  Sie moderieren die digitale deutsche Öffentlichkeit: Den Hauptdiskurs, und der ist natürlich die Atomkraft als urdeutsches  Phänomen, an dem sich die gesamte politische Geschichte der Bundesrepublik schreiben liesse. Das bedeutet erstens, die Funktion der Medien ist die Steuerung des nationalen Diskurses, so es denn einen gibt. Es bedeutet zweitens aber auch, dass die deutschen Medien nicht mehr das leisten, was der Journalismus ursprünglich geleistet hat: Als erster zu informieren. Wer wissen will, was in Japan passiert, kann gleich zur IAEA gehen. Wer klug ist, tut es auch.

2.) Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kennen (schon wieder!). Das erfolgreiche Versagen der Medien bedeutet wie gesagt, dass Informationen nicht mehr zuerst von Journalisten öffentlich verfügbar sind. Das haben wir  schon an der “Facebook-Revolution” in Ägypten gesehen. Für den deutschen Sprachraum wird es aber zur Realität durch die Geschichte dieses Textes von Josef Oehmen, “Warum ich wegen der japanischen Kernkraftwerke nicht besorgt bin“:  der Brief “ist eine Übersetzung des englischen Artikels von Dr. Josef Oehmen (…), der am 13.3. meistgetweetete Artikel des Webs”, wie der deutsche Übersetzer und Blogger schreibt. Von Journalisten ist keine Spur. Als Journalist bin ich versucht, hinzuzufügen: Zum Glück. Der Journalismus ist tot. Lang lebe der Journalismus.

3.) Der Versager-Erfolg der politischen Reaktion. Die politische Reaktion  in Deutschland ist ein Versager-Erfolg. Kein Pyrrhus-Sieg, wohlgemerkt, sondern ein Sieg durch ein Versagen. Das absurd anmutende “Moratorium auf die Laufzeitverlängerung”, das aus dem Bauch heraus (also aus Angst – vor der Abwahl?) verkündete Abschalten der Kraftwerke, ist ein Meisterstück politischer Kommunikation, freilich ohne rationell begründete Basis. Die braucht es auch nicht. Warum? Der Fukushima-Moment  ist eine Reaktion, die der Bevölkerungsreaktion entspricht und selbst nicht rationell gefasst ist. Leider gibt es (noch) kein Wort dafür – aber es ist eine Art Instinkt-Reaktion und beweist wieder einmal, warum Angela Merkel an der Macht ist: Sie hat, was Amerikaner den “gut instinct” nennen, und in China als wu wei bezeichnet wird.

Es fehlt eine ganze Wortkategorie. Ein Sammelbegriff für Worte, die direkt Urängste auslösen; auf Knopfdruck mit garanierter Reaktion. Man könnte diese in ihrer Kombination mit der instinktiven (politischen) Reaktion den Fukushima-Moment nennen. Die Panik ist als anthropologische Konstante ebenso bekannt wie als Massenphänomen in Koppelung mit ihrer kleinen Schwester, der Hysterie. Aber was ein Wort wie “Atom-GAU”, Tschernobyl, und nun Fukushima auslöst, verdient in den Handbüchern für politische Strategie und Public Affairs einen eigenen Eintrag, und eine neue Begriffskategorie.

„Google Circles“, Facebook 2.0 – oder Apple? Wer wird das soziale Netz sozialer machen?

Google Circles: Nur wenige haben es gesehen, aber Unternehmen und Medien, Twitter und Blogs spekulieren um die Wette, seit diesem Artikel auf ReadWriteWeb. Kommt es wirklich? Wann? Wie wird es aussehen, sich anfühlen, funktionieren, heissen? Wo und wie sieht eine Nische zwischen Twitter, Facebook und Co denn aus? Wohin die Reise geht – und warum Apple vielleicht der “lachende Dritte” sein könnte – erklärt Anian Christoph Wimmer.

(Update: Was Patrick Day unten fordert, kann angeblich Hibe.com)

Was soll die ganze Aufregung? Geht es hier um wirklich um eine mögliche Innovation, die das Netz umkrempeln kann, und damit auch die Art und Weise, wie wir damit leben? Ja  und Nein.

Ja, denn:

  1. Wenn jemand Facebook oder Twitter ernsthaft Konkurrenz machen kann, dann ist es Google – aber natürlich nur, wenn es sich differenziert: Und was kann Google besser als Facebook? Dank seiner vielen Dienste ist es für Google sehr leicht, Dienstleister für alle Schnittstellen zwischen unserem Alltag und dem Leben im Netz zu sein: Such-Maske, Email-Dienst, einem eigenen Betriebssystem für mobile Geräte,  Navigation, Bibliothek, und vieles mehr.
  2. Facebook versucht dies, für seine Kunden zu sein: Nachrichten, Fotos, Spiele, die vielen kleinen Programme – all dies schafft ein Biotop, in dem man sich schnell stundenlang tummeln kann. Extern kommt dazu das Angebot, sich im “restlichen” Netz über Facebook zu identifizieren, einzuloggen, und wieder darüber auszutauschen.
  3. Twitter ist wiederum dort, wo Google Buzz und das verworfene “Google Wave” sein woll(t)en. Aber für ein “Twitter 2.0” ist es im Augenblick noch zu früh – auch wenn die Integration über die Twitter-ID natürlich mit der von Facebook konkurriert.

Nein, denn:

  1. Das klingt alles komplizierter, als es ist. Wenn man den ganzen Jargon und die unwichtigen Details beiseite schiebt, wird klar, worum es eigentlich geht: Den Menschen.
  2. Genauer: Es geht darum, all diese Programme und Dienste so zu gestalten, dass sie so funktionieren, wie Menschen leben.
  3. Mit anderen Worten: Das soziale Netz wird endlich wirklich sozial. Das Netz wird als umgekrempelt, aber nicht unser Leben Das Netz wird umgekrempelt wie wir leben.

Wo dank dieser simplen, aber zentralen Einsicht die Reise hingeht, zeigt Patrick Days Präsentation. 

Die Quintessenz des Vortrags: Das Netz muss sich dem Menschen anpassen. Aber wie? Was sind die wichtigsten Aspekte?

  • Statt einem einzigen großen Haufen “Freunde” besteht das wirkliche soziale Umfeld eines Menschen aus etwa einem halben Dutzend unabhängiger Gruppen: Familie, Freunde aus der Schulzeit, Kollegen, Religionsgemeinschaft, Verein, Kommilitonen aus einer bestimmten Stadt, usw. Diese Gruppen sind kleiner als erwartet und bestehen meistens aus 2-10 Personen.
  • Wir wollen nicht unbedingt, dass die eine Gruppe (z.B. Eltern, Familie) liest, was wir mit der anderen Gruppe besprechen, teilen, austauschen. Diskretion und Privatsphäre sind im sozialen Netz aber z.Zt. nur schlecht austarierbar. Um dies zu lösen, müssen die verschiedenen Identitäten (Rollen), die jeder hat, online verfügbar und integrierbar sein.
  • Der enge Kreis persönlicher Freundschaften besteht aus Personen aus allen Gruppen und ist sehr klein. Dieser enge Kreis beeinflußt am stärksten das Kaufverhalten, Wahlverhalten und das gesamte Wertesystem eines Menschen.
  • Ausserhalb des engen Kreises gibt es einen größeren Kreis an Personen, mit denen wir weniger Kontakt haben – mehr als 150 Menschen sind es aber nur in Ausnahmefällen. Ausserhalb dieses Kreises wiederum kann man die zeitlich stark begrenzten Interaktionen und Kontakte verorten, die wir alle haben – auch mit Dienstleistern, Behörden, usw.

Wie und woher die Daten und Forschungsergebnisse für diese Einsichten zustande kamen, erklärt Day, der mittlerweile von Google zu Facebook gewechselt ist, übrigens auf seinem lesenswerten Blog.

Ja, und was ist jetzt nun mit Apple?

Der jüngere Erfolg von Apple war und ist – neben anderen Faktoren – immer bedingt durch a) die Einsicht, dass die Produktentwicklung vom Menschen und seiner Lebenswelt ausgehen muss und b) die geradlinige Konsequenz der Umsetzung dieser Regel als oberstes Prinzip der gesamten Wertschöpfungskette fungiert.

Dass dies als innovativ, ja radika innovativ, gesehen wird, sagt mehr über die Konkurrenz aus und deren allzu einseitige Betonung von EDV-, Betriebswirtschafts-, bzw. Ingenieursprinzipien als vielleicht Apple.Und natürlich kommt das entsprechende Design, Marketing und vieles mehr dazu. Aber:

  • Apple hat nicht den MP3-Player erfunden, sondern den iPod: Das einfachste und bequemste Modell, das dann auch am besten entwickelt und vermarktet wurde – auch wenn das manche Kritiker bestreiten werden.
  • Apple hat nicht das Mobiltelephon erfunden, aber das iPhone ist die beste Umsetzung der ersten Generation mobiler Geräte, die die Zukunft unseres Lebens online sind.
  • Apple hat nicht den Tablet-Rechner erfunden. Aber das iPad ist einfacher und bequemer zu bedienen, als alle Vorgänger zusammen.

In diesen Bereichen setzt Apple einen Standard, der sich immer daraus ableiten lässt, wie die beiden oben erwähnten Prinzipien umgesetzt werden.

Wo Apple dies schlecht getan hat, z.B. beim .Mac und heutigen .Me Service, muss es wiederum von Google und Co. lernen. Wenn es dies konsequent tut, besteht die Möglichkeit, dass Apple die Zukunft des sozialen Netzes schreiben wird. Nicht weil es die “Sozialisierung des sozialen Netzes” erfunden hat – sondern weil diese Sozialisierung genau das verlangt, was Apple gut kann.

It’s not just about conquering fear: Jump-starting your ideas into action

Fear of innovation is healthy in small doses and can even help you jump-start your ideas into action – provided you have the right set of values, writes Anian Christoph Wimmer.

In a recent blog post based on his latest book, Seth Godin asks if people are afraid of ideas and points out that most people either hesitate or overdo it when it comes to the crunch, i.e. turning good ideas into reality. Godin coins the vivid neologisms hypogo and hypergo to describe both extremes – the ditherers and the overdoers. Personally, I prefer the spectrum of either jumping the shark or  jumping the gun. Why? Because unhealthy hesitation is always characterised by a fear of absurdity that ultimately fulfills its own prophecy: You are so afraid of jumping the shark that you finally do it – just like that terrible moment on the jumping platform at the pool: You know, when you know you are too scared to jump properly, but can’t not and so do jump: and crash with a terrible flat entry that will burn your belly and flush your cheeks.

Seth Godin reminds everyone of what I would only describe as a simplified summary of the old Cardinal virtues of temperance and fortitude.

It’s not good to be too fat or too thin. Not good to have blood pressure that’s too high or too low. It’s only in the center, where we resonate with the market and get it right, that we can produce effectively.

I almost agree with this – who wouldn’t? –  but let me offer two observations to on this notion.

Firstly: It is not enough to have an idea – or even lots of them – and then decide to make a go of it. You need to have a strategic approach and the right (financially sound, or better yet: frugal) context, ensure that your development is both positive and controlled. You need to know when, how and where to jump to. This applies not only to your personal predispositions and approaches, but all the more to your company. Hence the three guiding principles behind what I describe as “engineering your ideas”.

Secondly: The centre is not the market. The market has no centre as such. Therefore, it’s not enough to neither be too hesitant nor too hyper. Yes, you do need a level of measured temperance, as Seth Godin alludes, and courage, but also – without making it sound old-fashioned: wisdom, and yes, what’s traditionally called justice.  The full set of cardinal virtues – as  I recently recommended Ex-Minister and Ex-PhD Karl-Theodor zu Guttenberg and his strategists.

What applies to the approach to Digital Public Affairs is equally true of the approach to making your ideas count. Get your “engineering” right, and you will neither jump the shark nor the gun – just like Betty Boone does in the glorious photo above. (Image Source).

LinkedIn legt die Latte höher: Droht Xing das Schicksal von StudiVZ?

Die Zeiten, in denen Xing ein “Business Tool” war und LinkedIn nur eine Online-Visitenkarte, sind vorbei. Stellt sich die Frage, wie es weitergeht nach den heutigem “LinkedIn Today Launch”, schreibt Anian Christoph Wimmer.

Die offizielle Verkündigung ist erst drei Stunden her. Die Reaktionen sind zwar nicht lautstark, aber  meist positiv: LinkedIn hat mehrere neue Dienste für seine Mitglieder offiziell eingeführt. Zusätzlich zu  “LinkedIn Signal“, eine Art Twitter-Integration, die das uferlose Gezwitscher filtert und bereinigt, kommt nun LinkedIn Today, ein cleveres Nachrichtenaggregat, dass die meistgelesenen Geschichten verschiedener Bereiche als “Zeitung” aufbereitet, und kostenlos zu “abonnieren” ist.

Naja,nicht ganz kostenlos: Natürlich muss man auf seiner LinkedIn Seite vorbeischauen. Und genau das ist natürlich der Sinn der Übung: Jeden Tag auf LinkedIn vorbeischauen, dort die Nachrichten konsumieren, mit Kollegen und Kontakten “netzwerken”, am eigenen Profil basteln, in den “Groups” mitreden, und alles auch, damit der nächste Kunde, der nächste Job auch ins Netz geht.

Das bringt Geld – und einen Vorteil vor der Konkurrenz, aber auch – potentiell – für den Nutzer.

Der “Vorteil für den Nutzer” ist auch schon absehbar am Erfolg von LinkedIn Signal: Weniger Müll, weniger Rauschen. Dafür mehr Qualität und eine bessere Auswahl. Nach dem Motto: Wenn Facebook der SpiegelOnline und Twitter die Bildzeitung der Sozialen Medien sind, dann will LinkedIn das Handelsblatt oder die FT Deutschland werden.

Nun hat das soziale Netzwerk für Berufstätige (und solche, die es werden wollen)  vor allem in Deutschland einen bekannten – und oft als für die “User” viel angenehmer zu verwendenden Konkurrenten: Xing. Mit seinen ca. 10 Millionen Mitgliedern ist Xing zahlenmäßig viel schwächer – LinkedIn hat über 90 Millionen. Doch andererseits ist Xing die Nummer 1 im deutschsprachigen Europa, und in vielerlei Hinsicht schon dort, wo LinkedIn mit seinen neuen Diensten hinmöchte: Zu einer aktiven Online-Gemeinde, die auch ausserhalb des Netzes gemeinsame Veranstaltungen kennt. Das Jahr 2010 war zudem das bisher beste in der Geschichte des Unternehmens.

Trotzdem ist die Frage offen, ob Xing das Schicksal von StudiVZ, das von Facebook vernichtet wurde, teilen wird. Der ernüchternde Blick auf einen Vergleich bei Alexa zeigt, warum:

Die blaue Linie ist die Zahl der täglichen Pageviews bei Xing; die rote die gleiche für LinkedIn. Ein Vergleich auf Google Trends bringt auch drastische Ergebnisse für Xing:

Klar doch: Der Konkurrenzdruck im Augenblick ist positiv, vor allem, was die Innovationen betrifft. Aber auf lange Sicht zukunftsfähig sind beide nur, wenn es eine Differenzierung gibt. Im Augenblick sind beide Dienste sich zu ähnlich – auch in der Erweiterungsstrategie – um langfristig ein Biotop für Xing zu rechtfertigen: Der Dienst braucht einen stärkeren Differenzierungspunkt; und zwar einen, den LinkedIn nicht streitig machen kann. Die relative Stärke für Xing im chinesischsprachigen Markt – zumindest laut Google Trends – ist da nur ein Trostpflaster.

Aber wie könnte diese Differenzierung aussehen? Wenn Facebook fürs Private ist, und LinkedIn fürs Professionelle, was ist dann Xing?

“Ideas Engineering”: Three principles to make radical innovation work for you

By Anian Christoph Wimmer

Imagine, you could fly. There would be a giddy period of exploration at first. You would fly and fly and fly! But then, you would also return to your life, your reality so far. And invariably, you would be on the way to somewhere and catch yourself grabbing the car keys or checking that bus timetable – when in fact you could just fly there.

This is exactly the point in time many businesses (and governments, and institutions) are at when it comes to using the incredible means of digital communication available to radically innovate their game, their product, or just their day-to-day operations. What is lacking is some real “Ideas Engineering”.

Ideas Engineering? What is that? You mean ideas for engineering, right?” Not really. I wish I had 1 € for every time I got asked that. To be fair, it is exactly the question I would have responded with. But Ideas Engineering is a way of making radical innovation work sustainably. In this post, I want to outline the three guiding principles to making radical innovation work for you.

To really add value to any organisation or enterprise, the interlinked questions of a) how you source creativity and b) then work it to innovate and c) steer, audit and review that process need to be answered convincingly. And you always need to take the long(ish) view: Innovation is a long-term investment, after all.Source: State Archive of Florida

Irrespective of whether you feel like the Knowledge Economy is a reality or not: It’s common sense that businesses need to innovate to stay ahead. The best companies do it because they recognise that creativity breeds innovation. And give their staff at least 10% of working time to just play with projects they like. But they also do it sustainably, and with a keen eye to upholding fiscal responsibility. If creativity is the mother of all innovation, frugality – or at least fiscally sound and efficient principles, may well be its father. In fact most successful innovators are incredibly focussed, hard working and – you are going to like this one – conservative.

Frugality – The (paradoxically) Big Fat Caveat

And that point is also one big fat caveat that bears explaining in a bit more detail: Your numbers need to be in order, that goes without saying. Your operational realities must be efficient and compliant, sure. And yes, all of this transparently so. But even that may not be good enough when you are competing globally: You also need to make quality last. Hence the use of the word frugality.

In essence, you need to have a long-term strategy in place that ideally does not reward short-term shareholder value at the expense of the business, but fosters the strategic nimbleness and overall operational health of the enterprise. That is what makes many family-owned businesses last. And by the way, that is what a good leader will provide. The classic example of course is the Mittelstand, the backbone of the German economy. Often family-owned, small and medium enterprises that produce high quality products for the global market, but also with a growing recognition they do so for the economy in which they manufacture or operate otherwise.

As Time Magazine reports – calling Germany a China of sorts –  and the Economist now blogs to ask the experts, one of the key success factors for Germany’s economic recovery is what the Anglo lexicon calls frugality and/or even austerity – and what Germans, but also Swiss, Austrians, Dutch and Scandinavians see as a reluctance to overspend. As the Economists’ readers, including IFO-President Hans-Werner Sinn, point out, Germany has learnt to stop exporting its savings. That might be the opposite of what the spend-to-grow-school of economic philosophy dictates. But so far, it has served the Germans (and the Swiss, and others) very well in the long run.

Three Principles to guide the Engineering of Ideas

Now, why praise frugality like that? You may well ask. To be sure, frugality is not a necessary precondition of innovation. But without it – or at least very sound economic principles operating within an equally sound long-term strategy – innovation will usually either be dismissed as a fancy pipe-dream – or bring down the house with it. History is littered with companies that failed with innovative ideas. So yes, it is worth emphasising this caveat: Innovation can and will fail – unless managed right.  Hence, of course, Ideas Engineering. Let me explain. Provided the big fat caveat is accounted for, it provides a natural, but also controlled, approach to fostering, sourcing, and managing innovation. The three main principles are:

  1. The Source is Everywhere. So is the Market.
  2. The Customer is willing to pay for Quality.
  3. Make your Strategy fit the Customer’s reality. Not vice versa.

If and when you apply these principles to Engineering Ideas to the operational “value chain” of your product or service design and delivery, you can successfully innovate.

The Source is Everywhere. And so is the market.

Don’t buy the old “innovation means turning problems into ideas” chestnut. It’s neither that simple nor that easy. That’s the bad news. The good news is that it is also – in a way – easier. As Alexander Pschera has pointed out on this blog, you can and should apply the principles – if not the practice-, of crowdsourcing your product development. I suggest you (re-)read his post on this important aspect.

Furthermore, internally, fostering creativity requires an approach that supports it, but also makes it clear that there is no inherent value in “being creative”: The measure of the value is its measurable outcome. (That’s also one reason why most successful innovators are conservative). Deadlines, and a bit of creative pressure never hurt anyone, except perhaps the most talented writers or classical composers.

Once you start both crowdsourcing externally and internally fostering ideas, then your structure needs to match the input: It’s about curation, adaptation, quality control. In other words: reaching that sweet spot where you neither stifle good ideas nor oversell mediocre ones that have major downsides. Again, this is where the premise of frugality or sound management at the very least must come in. You need to have good risk assessment, a real knowledge of the product, the market, the competition. All whilst maintaining day-to-day business, of course. But the point is: You need to have all of these things even if you don’t want to innovate. So it’s not an excuse. In fact, it’s an opportunity: If you start to integrate Ideas Engineering into your workplace, you will also need to look at the totality of how things are decided, accounted for, and how they need to be improved to be stable operationally. Again: The source of innovation can be everywhere.

The Customer is willing to pay for Quality

Anyone with a shred of experience knows that is a truism. But this has serious implications for how you foster creativity internally and manage the process of innovation externally – for instance in your branding philosophy and the traditional marketing work. But also in terms of where you draw on innovation – for if it does not come to you, then study the innovators.

When first Japanese, then Korean and more recently Chinese cars started to rival European models in quality of build and engineering, only then did competition get real. Now yes, branding matters, but I firmly believe it always only goes so far if your product is crap – despite what critics of soft drink manufacturers might say. Remember: innovation is a long-term investment. One example of this is the vacuum cleaner business and the story of radical innovation of Dyson.

In short: If you want to corner the “cheap and cheerful” segment of the market, don’t try and be the innovator.

Make your Strategy fit the Customer’s reality

This final guiding principle to Ideas Engineering is the most challenging. Or at least it has the most repercussions for the actual work of engineering the ideas, in other words: what happens when you apply these principles to innovate – and which will be the subject of many a separate post, no doubt.

Just to be absolutely clear: By strategy, I mean both your strategy in approaching the management and engineering of ideas, but also your overall long-term planning. When you are working to a) source, b) value and c) implement ideas for innovation, then the overarching goal should always be the customer, and her reality. Not to unduly single out any company, but just to demonstrate that this happens to the best of them: Not doing this is of course the classic Microsoft mistake.

In some cases, you are your own customer, of course. But the principle applies anyway. Radical innovation always works best when it works its way back from the customer and their reality – and to the customer and their reality. And it is another reason why the old adage “innovation means turning a problem into an idea” particularly no longer holds true in the age of digital communication. You can innovate before there are problems. The requisite tools of communication are there. Use them – or get someone to help you use them – and you may well start flying places where others can only get to on foot.

Online Marketing: Was jeder wissen sollte, aber leider oft nicht weiß

Von Anian Christoph Wimmer

In der Welt des Online Marketing, in Deutschland meist “Social Media Marketing”, gibt es vier Möglichkeiten für Unternehmen wie Einzelkunden:

  1. Wegschauen und nix tun.
  2. Aufs Tigerblut vertrauen.
  3. Mit der schillernden Halbwelt der “SEO-Gurus” flirten.
  4. Eine professionelle Kampage einkaufen.

Wer es ernst meint, der entscheidet sich für Option 4. Aber damit ist der Käse nicht gegessen. Selbst altgediente Marketing-Profis, Pressesprecher und Kommunikationsexperten kennen sich oft nicht einmal gut genug aus, um informiert zwischen Option 3. und 4. unterscheiden zu können.

Was sind die wichtigsten Elemente im Online Marketing? Was sind die operativen Vorgänge? Wie wird Was gemessen, um Erfolg oder Misserfolg zu analysieren, zu kontrollieren?

Eine schöne grafische Übersicht bietet aktuell unbounce.com als “Noob Guide” an:

Anklicken, um Bild zu vergrößern.

Lang lebe “Tigerblut!”

Von Anian Christoph Wimmer

Was ist das wichtigste Ereignis der Sozialen Medien 2011?  Ja, vielleicht sogar in der gesamten Menschheit in diesem Jahr? Der “Facebook-Umsturz in Ägypten?” Langweilig. Der “Twitter-Sturm in Tunesien?” Schnarch.

Lang lebe die Tigerblut-Revolution!

Das vielleicht wichtigste Ereignis in der noch jungen Geschichte von Twitter geschah am 1. März 2011. Auch wenn das Historiker noch nicht bestätigt haben. Was ist passiert? Charlie Sheen fing an zu zwitschern. Zugegeben: Etwa 175 Millionen Menschen waren schon auf Twitter. Doch dann kam er, sah, und siegte.

Wie ein Orkan fegte das Tigerblut-Phänomen den dichten Jargon-Nebel weg, der über der diesig schimmernden Halbwelt der “SEO Leaders” und “Internet Marketing Experten” hängt. Er strafte alle Heiden Lügner, die um das Goldene Kalb tanzen und damit dem Zwitscher-Götzen huldigen: Möglichst viele Anhänger haben; wer “Follower”, und damit potentielle Kunden erreichen kann, der hat gewonnen.

Wie man gewinnt, das hat er uns allen gezeigt. Keine 24 Stunden hat es gedauert, da hatte Charlie Sheen über eine Million Anhänger. Am heutigen Dienstag sind es über zwei Millionen. Und wie hat er das geschafft? Es lag nicht allein am buchstäblichen Inhalt seiner Tweets. Denn die bestanden, auf ihre Essenz destilliert, nur aus zwei Worten:

#WINNING!

und, natürlich:

#TIGERBLOOD!

Nur Ahnungslose werden den Kopf schütteln. Nur Neider werden darauf hinweisen, dass der arme Mann gerade seinen Schauspieler-Job bei einer beliebten Unterhaltungs-Serie verloren hat und offensichtlich aus sich selbst ein Spektakel macht.

Das ist alles richtig – aber das Phänomen Charlie Sheen ist ein Sieger – zumindest im Twitter-Spiel. Und es hat mit seinen Tweets den Kaiser auf seine Nacktheit hingewiesen. Sheen hat es einfach gezwitschert: Ich bin der Sieger. Und daraus aus dem Spektakel seiner eigenen öffentlichen Person die logische Konsequenz zum kommunikativ letzten Schluss gezogen.

Im richtigen Leben hat diese Selbstoffenbarung etwas destruktives, tragisches. Viele Kommentatoren haben ja darauf hingewiesen. Aber genau diese Tragik ist die eigentliche Geschichte. Es reicht ja eben nicht, einfach “SIEGER” zu tweeten, um ein Sieger (in welchem Wettkampf auch immer) zu sein.

In der Welt der Sozialen Medien leistet das Phänomen etwas anderes: Das Tigerblut-Phänomen straft die schillernde Halbwelt Lügen, die am Spielfeld-Rand stehend Schlangen-Öl und Marketing-Zauber verkauft. Charlie Sheen hat es allen gezeigt: Bei Twitter spricht der Promi direkt mit der Masse. Die Mittler sind überflüssig. Und die Geschichte ist die Geschichte der Person. Deshalb sind Organisations-Twitter selten erfolgreich.

Wenn sich der Promi dann in einem peinlichen Offenbarungseid in den angeblichen Untergang zwitschert, schaut die Welt fasziniert zu. Aber auch ohne Tragikkomödie ist es spannend. Man schaue sich nur mal die Top-100 der Twitterer an: Lady Gaga, Justin Bieber, Barack Obama….

Deshalb: Lang lebe die Tigerblut-Revolution!

PS: Wer mitmachen will, kann sich jetzt als Praktikant bewerben – aber nur, wenn man #Tigerblut! hat.

Wie spielerisches Crowdsourcing das Leben schöner machen kann

Wie überzeugt man 23,000 Menschen aus aller Welt, eine der langweiligsten Aufgaben vorstellbar freiwillig zu machen – und dabei auch noch für einen guten Zweck dabei Spaß zu haben? Eine finnische Variante des Crowdsourcing macht’s möglich, schreibt Anian Christoph Wimmer.

Die altehrwürdige Finnische Nationalbibliothek und das Start-Up Microtask haben sich zusammen getan, um die gewaltige, mühselige Arbeit des Digitalisierens alter Zeitungen durch spielerisches Crowdsourcing zu bewältigen. Digitalkoot nennt sich das Projekt, was so viel wie “Digitale Freiwillige” auf Finnisch heißt.

So macht ehrenamtliches Helfen Laune!

Einfach über Facebook einloggen, und los gehts: Wir steuern einen niedlichen Maulwurf über Brücken bei “Mole Bridge”, und entscheiden, steuern so Wörter bei, die der Scanner nicht lesen konnte. Oder wir jagen bei “Mole Hunt” der Identifizierung von Wörtern nach, die der Scanner falsch gelesen hat. Natürlich mit Zeitdruck!

Fast 95.000 Minuten lang haben die vielen freiwilligen Helferlein bislang kostenlos für die Nationalbibliothek gearbeitet. Sie konkurrieren sogar in täglichen Top 6-Listen darum, wer der beste Jäger-Maulwurf auf Facebook ist.

Ein schöner Nebeneffekt: Man kann ja guten  Gewissens daddeln, immerhin tut man es für einen löblichen Zweck. So kann man mit Facebook-Spielen das kulturelle Erbe Finnlands bewahren – und letzten Endes im Internet auch öffentlich zugänglich zu machen.

Aber mit oder ohne guten Zweck: Wer hätte nicht gerne 23,000 fleissige Helferlein, die einem das Leben schöner oder zumindest einfacher machen? Ich hätte da ein paar Vorschläge für kreatives Crowdsourcing aus dem eigenen Lebensbereich…meine Top 5:

  1. Alte Dokumente, Briefe, Zeugnisse scannen, entziffern, und archivieren. Von Opas Feldpost bis zu peinlichen Liebesbriefen aus der Pubertät.
  2. Für Programme wie iPhoto oder Picasa eine menschliche Bilder-Erkennung und Archivierung (vor allem: Die ganzen unbrauchbaren Schnappschüsse ausmisten!).
  3. Die Doppeleinträge im elektronischen Adressbuch aussortieren. Alte Adressen löschen oder aktualisieren, und die vielen Sychronisierungsfehler korrigieren.
  4. Digitale Steuerbelege sammeln, abheften, organisieren.
  5. Nicht digital, aber muss einfach in diese Liste: Hausarbeit, vor allem Staubsaugen. “Play the Vacuuming Game! Find the dirt and eliminate it using the scary DUST BUST Gun” – da würden schon 50 Heinzelmännchen reichen.

Wer hat noch ein paar Vorschläge?